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VW-Abgasskandal : Entehrt

Der Mann, der heute das Vertrauen der Familien Porsche/Piëch besitzt, ist Hans Dieter Pötsch, noch Finanzvorstand von VW und demnächst Vorsitzender des VW-Aufsichtsrates. Der hagere Zahlenmann, auch ein Österreicher, ist der stabilisierende Faktor in einer Zeit, in der kein Stein auf dem anderen bleibt.

Am Freitagmorgen ziehen die VW-Aufsichtsräte weitere Konsequenzen aus dem Skandal. Geplant war diese Sitzung schon lange, nur sollte es um Struktur und Strategie gehen, jetzt dreht sich alles um Köpfe und Kriminelle.

Schon 2011 hat ein Techniker gewarnt

Matthias Müller, bislang Herrscher über die Porsche-Sportwagen, wird zum Chef des Gesamtkonzerns befördert, nachdem er unterschrieben hat, nicht in die Betrügereien verwickelt zu sein und nichts davon gewusst zu haben. Andere Vorstände werden ausgetauscht, hin und her geschoben, sechs verdächtige VW-Leute werden mit sofortiger Wirkung freigestellt, von einem „menschlichen und politischen Desaster“ ist hinterher in der offiziellen Verlautbarung des Aufsichtsrates zu lesen.

Der Schreck der Kontrolleure war auch deshalb so groß, weil ihnen am Freitag der erste Bericht der internen Revision vorgelegt wurde: Bereits im Jahr 2011 hat demnach ein VW-Techniker seinen Vorgesetzten darauf hingewiesen, dass da etwas Illegales läuft, dass die Abgaswerte manipuliert werden. Von möglichen „Rechtsverstößen“ soll die Rede gewesen sein. Passiert ist nichts. Der Warnruf des Angestellten wurde nicht erhört. Warum, ist fürs Erste nicht zu ermitteln: Aus Absicht? Aus Schusseligkeit? Oder aus Furcht vor den großen Chefs? Keiner wollte so etwas hören; dann hat man es am besten gleich wieder vergessen. Könnte sein.

Siemens ist mahnendes Beispiel

An die selbstreinigenden Kräfte im Konzern glauben die Aufsichtsräte jedenfalls nicht mehr: Wir brauchen eine unabhängige Untersuchung durch Dritte, beschließen sie am Freitag. Umgehend wird die amerikanische Großkanzlei JonesDay beauftragt, die Vorgänge zu durchleuchten. Das besänftigt auch die amerikanischen Strafverfolger. Der internen Revision traut man jedenfalls nicht mehr allein. Zu widersprüchlich und dürftig ist das, was sie bisher geliefert haben.

Wie schmerzhaft diese Art der Skandal-Aufarbeitung durch externe Anwälte und Prüfer sein kann, hat der Fall Siemens vor Jahren gezeigt: Als die amerikanische Justiz den Konzern wegen der schwarzen Kassen in München am Wickel hatte, wurden auch externe Juristen einer amerikanischen Kanzlei verpflichtet, die haben mit Karacho durchgefegt. Der Konzern hat daraufhin mehrere ehemalige Vorstände vor Gericht gezerrt, mehrere haben so endgültig ihr Vermögen und ihre Ehre verloren.

Sollten die angeheuerten Juristen bei VW ein Fehlverhalten von Managern nachweisen, hätten die dafür zu haften: Der Konzern müsste dann aktive wie ehemalige Vorstände auf Schadensersatz verklagen. Die Milliarden, die den Konzern die Affäre kostet, sind damit nicht aufzutreiben. Der Imageschaden für VW, die Autoindustrie und das Industrieland Deutschland ist damit auch nicht wiedergutzumachen. Für den einzelnen Manager jedoch würden die Geldforderungen womöglich existenzgefährdend. Die Abfindung, auf die Martin Winterkorn jetzt Anspruch hat, würde dafür sicher nicht reichen. Er hätte dann nicht nur die Ehre, sondern auch sehr viel Geld verloren.

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