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VW-Abgasskandal : Entehrt

Der Vorstandschef erhält einen Persilschein

Schon am Mittwochmorgen um neun Uhr trifft man sich wieder. Es ist eine offizielle Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums. Für den Mehrheitsaktionär, die Familien Porsche/Piëch, ist Wolfgang Porsche da. Für das Land Niedersachsen dessen Ministerpräsident Stephan Weil. Lange wird um den heißen Brei herumgeredet. Dann gibt Aufseher Huber den Rambo: „Ich werde Sie am Freitag nicht vorschlagen und auch nicht wählen“, sagt er zu Winterkorn. An diesem Freitag, da hätte eigentlich, wie Anfang September angekündigt, Winterkorns Vertrag bis 2018 verlängert werden sollen. Weil und Porsche schließen sich Huber an. Winterkorn ist der Auffassung, dass ihm Unrecht widerfährt. Aber es bleibt ihm nur eine Wahl: Er bietet seinen Rücktritt an.

Der aber hat einen Preis. Winterkorn darf öffentlich sagen, dass er sich persönlich nichts habe zuschulden kommen lassen. Und auch von Huber bekommt er einen Persilschein ausgestellt: „Die Mitglieder des Präsidiums stellen fest, dass Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten. Seine Bereitschaft, die Verantwortung zu übernehmen und damit ein deutliches Signal in das Unternehmen hinein und nach außen zu senden, wird von dem Präsidium mit größter Hochachtung zur Kenntnis genommen.“ Ohne den allseitigen vollkommenen Freispruch wäre die Sache wohl nicht so glatt und schnell über die Bühne gegangen.

Was wusste der VW-Boss?

Doch der Deal ist hochriskant. Woher wissen die Aufseher, dass dem VW-Chef kein Fehlverhalten vorzuwerfen ist? Wie konnten sie das so schnell in Erfahrung bringen? Fakt ist, dass der Aufsichtsrat selbst erst am 19. September von den schweren Vorwürfen gegen das Unternehmen in Kenntnis gesetzt wurde – und zwar nicht von Winterkorn, sondern über Presseclippings, gleichzeitig mit der übrigen Öffentlichkeit.

Fakt ist auch, dass Winterkorn mutmaßlich am 3. September, womöglich sogar schon vor den Werksferien im August, gegenüber den amerikanischen Behörden zugegeben hat, man habe bei Dieselmotoren eine Software eingesetzt, die eine Abgasüberprüfung erkennen und darauf reagieren kann. Eine Notwendigkeit, sein Aufsichtsgremium darüber zu informieren, sah er nicht. Kein Wunder: In dieser Zeit liefen gerade die Verhandlungen darüber, ob Winterkorn womöglich selbst bald Aufsichtsratschef werden würde oder aber noch weitere Jahre Vorstandschef bleiben sollte, wie es dann gekommen ist.

Wollte Winterkorn sein Kontrollgremium bewusst übergehen und in Unkenntnis lassen? Das wäre dann unzweifelhaft ein Fehlverhalten. So weit muss man aber nicht gehen. Schlimm genug ist die Annahme, dass er sich der Schwere der Vorwürfe gar nicht bewusst war, noch nicht einmal, als er am Ende zur Demission genötigt wurde. Gewiss, dass mit amerikanischen Anwälten nicht zu spaßen ist, hat sich in deutschen Dax-Konzernen spätestens seit dem Siemens-Skandal herumgesprochen. Aber mit deutschen Dax-Vorständen und ihren technischen Genies ist bekanntlich auch nicht zu spaßen. Wenn der Ingenieur ein Problem hat, dann bringt er es in Ordnung: „Fix it.“ Dem Ingeniör ist bekanntlich nichts zu schwör. Im Nachhinein muten solche Erklärungen absurd an. Aber vorher weiß bekanntlich niemand, wie man hinterher weiß, wie schlimm es gekommen ist.

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