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Abgas-Affäre : Der VW-Chef muss in die Höhle des Löwen

  • -Aktualisiert am

Schwere Zeiten für Volkswagen-Chef Matthias Müller Bild: dpa

VW-Chef Müller muss in Amerika die Wogen glätten. Leicht wird das nicht. Für die berüchtigte Klageindustrie in Amerika ist der Abgas-Skandal ein gefundenes Fressen.

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          Für den Volkswagen-Konzern gibt es derzeit kein Entkommen vor der Affäre um manipulierte Abgaswerte. Das gilt in den Vereinigten Staaten noch mehr als in der deutschen Heimat. Eigentlich wollte VW den Skandal zu Jahresbeginn mit seinem Auftritt auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas in den Hintergrund rücken lassen. Markenvorstand Herbert Diess stellte ein Elektroauto vor und mühte sich, den Konzern von seiner sauberen Seite zu zeigen. Aber tags zuvor fuhr das amerikanische Justizministerium den Deutschen in die Parade und lenkte den Blick mit einer Klage wieder auf die Abgas-Schummeleien. Der Schritt der Behörde kam nicht überraschend. Aber er hat verdeutlicht, welch unkalkulierbare Gefahren für VW in den Vereinigten Staaten lauern und welch aggressive Gegenspieler hier warten.

          Die Klage hat ein klares Signal gegeben: VW soll die volle Wucht der amerikanischen Justiz zu spüren bekommen. Die von der Behörde genannten möglichen Strafen, die sich auf einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag addieren könnten, dürften eher theoretischer Natur sein und sich in diesem Ausmaß nicht annähernd bewahrheiten. Aber der scharfe Ton, den das Ministerium angeschlagen hat, muss den Deutschen Angst machen. VW habe nicht nur geschummelt, sondern danach auch die Ermittlungen behindert und irreführende Angaben gemacht, heißt es in der Klage. Die Umweltbehörde EPA tadelte den Konzern, noch immer keinen akzeptablen Rückrufplan für betroffene Dieselmodelle geliefert zu haben. Sollte sich VW durch sein schnelles Geständnis im September noch etwas Wohlwollen bewahrt haben, so scheint dies aufgebraucht. Die Deutschen haben wenig Gnade zu erwarten.

          Es mag sein, dass die Behörden mit ihrer unnachgiebigen Rhetorik ein Stück weit die Muskeln spielen lassen wollen, und vielleicht ist auch Industriepolitik ein Faktor. In jedem Fall kann die Demonstration von Härte VW nicht überraschen. Schon andere deutsche Großkonzerne haben mit der wenig zimperlichen Art amerikanischer Behörden Bekanntschaft gemacht, etwa Siemens wegen einer Korruptionsaffäre. Die Vorhersehbarkeit schwerer Sanktionen macht es umso verblüffender, dass sich VW zu den Manipulationen hat hinreißen lassen.

          Gefundenes Fressen für Amerikas berüchtigte Klageindustrie

          Die nun eingereichte Klage ist nur eine von mehreren Bedrohungen. Das Justizministerium prüft offenbar auch strafrechtliche Schritte. Daneben sieht sich VW mehr als 500 Sammelklagen im Namen von Verbrauchern gegenüber, mit denen der Konzern vor allem für den Wertverlust von Dieselfahrzeugen zur Rechenschaft gezogen werden soll. Für die berüchtigte Klageindustrie in Amerika ist der Skandal ein gefundenes Fressen, und manche Anwälte haben schon hohe Schadensersatzforderungen in den Raum gestellt. Die bislang zurückgestellten 6,7 Milliarden Euro sind allein angesichts der juristischen Risiken in Amerika kein üppiges Polster.

          Den Willen zur Aufarbeitung der Affäre, den die Behörden vermissen, hat VW mit Blick auf die Klagen von Verbrauchern demonstriert. Der Konzern hat den Staranwalt Kenneth Feinberg angeheuert, der betroffenen Dieselbesitzern mit einem Entschädigungsfonds eine unbürokratische Lösung verheißt, wenn sie im Gegenzug auf eine Klage verzichten. Das könnte zumindest diesen Teil des juristischen Nachspiels berechenbarer machen.

          Jenseits von Strafen und Entschädigungen bleibt es schwer abzuschätzen, wie groß und wie dauerhaft der Schaden für das Geschäft von VW in den amerikanischen Autohäusern sein wird. Der Konzern war schon vor dem Skandal in keiner guten Position. Global mag er in der Spitzengruppe der Autoindustrie stehen, aber auf dem wichtigen amerikanischen Markt liegt er weit hinten. Ein zwischenzeitlicher Aufschwung vor einigen Jahren nach der Eröffnung eines Werks in Tennessee ist wieder verpufft, die heutige Produktpalette hat Lücken, gerade bei den in Amerika so beliebten Geländewagen. Die als anstößig entlarvten Diesel waren ein Hoffnungsträger. Ihr Schicksal ist nun ungewiss.

          Balanceakt in Detroit

          Die Dieselaffäre hat VW auf einem ohnehin steinigen Weg in Amerika wieder zurückgeworfen. Wie weit, ist noch offen. Zumindest mag es dem Konzern Hoffnung machen, dass amerikanischen Verbrauchern bisweilen ein Kurzzeitgedächtnis nachgesagt wird, wenn es um Fehltritte von Unternehmen geht. Wettbewerber wie General Motors oder Toyota haben spektakuläre Rückrufaffären glimpflich überstanden. Vorstandsvorsitzender Matthias Müller kann dazu beitragen, die Wogen zu glätten, wenn er nun endlich zum ersten Mal nach Bekanntwerden der Manipulationen selbst nach Amerika reist.

          In Detroit auf der Automesse und danach in Gesprächen mit Politikern in Washington wartet ein Balanceakt auf ihn. Er muss sich angemessen zerknirscht zeigen und gleichzeitig Aufbruchstimmung verbreiten. Es geht um Schadensbegrenzung, und nichts, was er sagt und tut, wird VW auf absehbare Zeit aus seiner Statistenrolle auf Amerikas Automarkt befreien. Aber ein glaubwürdiger und überzeugender Auftritt würde helfen, um den Blick möglichst bald wieder nach vorne richten zu können.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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