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Warnungen aus der Branche : Der ökologische Umbau der Autoindustrie ist in Gefahr

Nachholbedarf: Das Netz an Ladepunkten muss schnell wachsen. Bild: dpa

Deutschlands Autoindustrie sagt, sie engagiere sich nun uneingeschränkt für den ökologischen Umbau. Doch ohne Ladepunkte drohe er zu scheitern.

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          Ein Ende der theoretischen Debatten um die Klimaziele, stattdessen Engagement für die Realisierung der bisher beschlossenen Strategien fordert der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA). „Der Fokus liegt nun auf der Infrastruktur und den Rahmenbedingungen. Das sind die entscheidenden Faktoren, damit die Industrie die engagierten Ziele umsetzen kann“, sagte Verbandspräsidentin Hildegard Müller am Mittwoch in Berlin. Die Branche zeige mit Rekordausgaben für Forschung und Entwicklung ihre Entschlossenheit, die Transformation in Richtung nachhaltiger Antriebe schnell umzusetzen.

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hersteller und Zulieferer planten für die Zeit bis 2026 Investitionen von mehr als 220 Milliarden Euro in Elektromobilität, Batterietechnik und Digitalisierung. Der Umbau von Fabriken sei dabei nicht einberechnet. „Diese Investitionen sind Ausdruck unseres Willens, schnellstmöglich Klimaneutralität zu ermöglichen“, sagte Müller. Derzeit gebe es bereits von deutschen Herstellern 100 elektrische Modelle – gemeint sind damit Personenwagen mit batterieelektrischem Antrieb und Plug-in-Hybride. Jedes zweite Elektroauto in Europa komme gegenwärtig aus Deutschland.

          Aus Sicht der Autoindustrie fehlt es nicht an Dynamik bei der Entwicklung und Produktion von neuer Technik und Modellen, sondern an einer Infrastruktur aus Ladepunkten, grünem Strom sowie politischen Rahmenbedingungen für die Versorgung mit Halbleitern und Rohstoffen. Nach Darstellung des VDA stehen gegenwärtig 52.200 Ladepunkte rund 1,19 Millionen Autos mit Elektroantrieb gegenüber – davon etwa 665.000 Autos mit batterieelektrischem Antrieb und etwas mehr als eine halbe Million Plug-in-Hybride.

          Daraus ergebe sich ein Verhältnis von 22,8 E-Autos je Ladepunkt. Beim aktuellen Ausbautempo werde Deutschland bis 2030 die Marke von 160.000 Ladepunkten erreichen und nicht die versprochene 1 Million. Sollte andererseits das von der neuen Regierung gesetzte Ziel von 15 Millionen Elektroautos bis 2030 erreicht werden, kämen dann auf einen Ladepunkt 29 E-Autos. Daraus könnten aus der Sicht der VDA-Präsidentin Hürden für den Umbau der Wirtschaft entstehen: „In der Transformation muss das gleiche gelten wie für die Automobile selbst. Es muss einwandfrei funktionieren, es darf keine unübersehbaren Risiken geben.“ Das Gerüst an Infrastruktur und Rahmenbedingungen, unter staatlicher Verantwortung, sei derzeit noch nicht tragfähig genug für eine Transformation des gewünschten Ausmaßes.

          Internationale Rahmenabkommen schließen

          „Wir brauchen ein stabiles, modernes und äußerst belastbares Gerüst und wir brauchen es jetzt“, sagte Müller. Sonst werde die Umstellung des Wirtschaftsmotors Autoindustrie auf Elektroantrieb nicht funktionieren, und daran hänge schließlich jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland. Im Fall von weiteren Verzögerungen befürchtet der VDA, dass das Vertrauen der Verbraucher in die neue Technik kippen könne. Gefahren gebe es auch für die Strategie, aus dem Umbau der deutschen Autoindustrie in Klimaneutralität ein internationales Erfolgsmodell zu machen.

          Müller forderte so schnell wie möglich einen „Ladegipfel“ mit Tankstellenbetreibern, Wohnungswirtschaft, Logistikbranche und Netzbetreibern. Zugleich müsse beim Netzausbau auch die Einrichtung von leistungsstarken Ladepunkten für Nutzfahrzeuge mit eingeplant werden. Die Förderung der privaten „Wallboxen“ zum Laden müsse weiterlaufen, sagte Müller.

          Tiefpunkt der Halbleiterkrise überwunden

          Für die Transformation der Autoindustrie ist laut VDA auch eine strategische Industriepolitik für die Versorgung mit Halbleitern und Batterien nötig, ebenso die Versorgung mit nachhaltigem Strom. „National kann nicht genügend klimaneutrale Energie erzeugt werden“, ist die VDA-Präsidentin überzeugt. Daher sei es für Deutschland wichtig, internationale Rahmenabkommen für die Versorgung mit grüner Energie und mit Rohstoffen abzuschließen, bevor andere Länder diese Quellen unter sich aufteilten. Die Aussichten für 2022 beschrieb der VDA als weiterhin verhalten. Zwar seien die Auftragsbestände für die deutschen Autohersteller so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr, doch fehlten für die entsprechende Produktion immer noch Halbleiter. Die Engpässe könnten noch bis 2023 dauern, sagte der Chefvolkswirt des VDA, Manuel Kallweit.

          Der Tiefpunkt der Halbleiterkrise sei aber schon im 3. Quartal 2021 überwunden worden. Für 2022 rechne man in Deutschland mit 2,8 Millionen Neuzulassungen, plus 7 Prozent gegenüber 2021. Darunter könnten etwa 750.000 Autos mit Elektroantrieb sein. Die Autoproduktion in Deutschland könne um 13 Prozent auf 3,5 Millionen zunehmen. Sie wäre damit wieder auf dem Niveau von 2020 oder 1980, weit entfernt von den Werten von mehr als 5,6 Millionen zwischen 2014 und 2017.

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