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Klage in Amerika : VW soll 100 Millionen für 6000 Autos zahlen

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Luftverpester? Der Aufnahme eines VW Tiguan TDI Bild: dpa

Im Abgas-Skandal hat der erste amerikanische Landkreis Volkswagen verklagt. Harris County in Texas fordert wegen Luftverpestung 100 Millionen Dollar. In Wolfsburg steht derweil die Zukunft des desiginierten Aufsichtsratschefs auf dem Spiel.

          Die Prozesslawine kommt schnell in Gang: Im Skandal um manipulierte Abgas-Messwerte hat der erste amerikanische Landkreis Volkswagen verklagt. Harris County in Texas fordert über 100 Millionen Dollar (89 Mio Euro), teilte das Büro des zuständigen Staatsanwalts Vince Ryan in Houston mit. Durch mindestens 6000 in der Region verkaufte VW-Diesel sei die Luft verpestet worden.

          Die betrügerischen Aktionen des Wolfsburger Konzerns hätten es dem Landkreis erschwert, die staatlichen Klimaschutzvorgaben einzuhalten und so die Bürger zu schützen, sagte Ryan. „Diese manipulierten Autos haben jeden Tag deutlich mehr Abgase als gesetzlich erlaubt ausgestoßen“. Nimmt man diese Zahlen und rechnet sie allein auf die 2,8 Millionen Autos hoch, die in Deutschland betroffen sind, so müsste Volkswagen über 40 Milliarden Euro allein in Deutschland berappen. Natürlich sind die Bedingungen in Amerika und Deutschland nicht dieselben, doch es entsteht zumindest ein Eindruck davon, was auf Volkswagen zukommen könnte.

          Als erste Regierungsbehörde, die eine große Klage gegen VW einreiche, würde Harris County sich freuen, mit den Regierungen anderer amerikanischer Staaten und Kreise zusammenzuarbeiten, so Ryan weiter. Der New Yorker Bundesanwalt Eric Schneiderman hatte in der Vorwoche bereits angekündigt, mit anderen amerikanischen Staaten eine Allianz bilden zu wollen.

          VW-Aufsichtsrat berät erste Ermittlungserkenntnisse

          Nach den ersten konzerninternen Ermittlungen zum Abgas-Skandal berät das Aufsichtsratspräsidium am Nachmittag. Bei dem Krisentreffen soll über einen Zwischenbericht zu der Affäre gesprochen werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der Wolfsburger Zentrale.

          Am Dienstag hatte der Automobilhersteller einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vorgestellt. Die betroffenen Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, wenn ihre Diesel-Fahrzeuge nachgebessert werden müssen. VW sprach von „Servicemaßnahmen“. Es handle sich aber nicht um eine „Sicherheits-Rückrufaktion“. Die Fahrzeuge seien technisch einwandfrei und fahrbereit, so ein VW-Sprecher am Dienstag in Wolfsburg. Das Kraftfahrtbundesamt hatte VW zuvor aufgefordert, bis spätestens 7. Oktober einen verbindlichen Maßnahmen- und Zeitplan vorzulegen. Hätte Volkswagen nicht reagiert, wäre den Autos die „Typengenehmigung“ entzogen worden. Damit dürften die betroffenen Fahrzeuge nicht mehr verkauft oder bewegt werden.

          Die betroffenen Marken wollen den zuständigen Behörden im Oktober die technischen Lösungen vorstellen. Die betroffenen Autos bestimmter Baujahre und Modelle sind mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet. Herbert Diess, Markenchef von VW, war am Dienstag bei der Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska in Brüssel zu Gast, und sagte: „Wir haben einige Lösungen erarbeitet, insbesondere stehen natürlich die Kunden im Fokus im Moment.“

          Kosten noch nicht abschätzbar

          Diess sagte in Brüssel auch, über die Kosten, die die Verwendung der Abgas-Manipulationssoftware nach sich ziehen wird, könne VW noch nichts genaues sagen. Einem Bericht zufolge dürften die bisherigen finanziellen Rückstellungen wegen des Abgas-Skandals jedoch nicht für die Lösung aller Probleme ausreichen. Die veranschlagten 6,5 Milliarden Euro sind demnach vor allem für technologische Lösungen und Service-Leistungen vorgesehen.

          Möglicher Schadenersatz, Anwaltshonorare und andere Kosten müssten dazu addiert werden. Ein VW-Sprecher verwies auf die Gewinnwarnung aus der vergangenen Woche fürs dritte Geschäftsquartal, wonach der angenommene Betrag für Serviceleistungen „Einschätzungsrisiken“ unterliege und auch bereits klar nur den Serviceleistungen zugeordnet worden sei.

          Kann Pötsch noch Aufsichtsratschef werden?

          Auch die Berufung des bisherigen Finanzvorstands Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratschef scheint auf der Kippe zu stehen. Nach einem Bericht des „Handelsblatts“ wachsen intern die Zweifel, ob Pötsch der richtige Mann ist. Schließlich trage der Vorstand auch im Ganzen eine Verantwortung für den Betrug mit der Abgas-Manipulationssoftware. Der seit 2003 als Finanzvorstand agierende Pötsch könnte von der Manipulation gewusst haben, schreibt das Blatt.

          Zudem seien nach deutschem Recht alle Mitglieder des Vorstands verantwortlich und nicht nur der Vorstandsvorsitzende. Martin Winterkorn, der diesen Posten bislang inne hatte, war bereits vergangene Woche zurückgetreten. Gegenüber FAZ.NET sagten gut informierte Kreise hingegen, dass Familien Porsche und Piech weiterhin hinter Pötsch stünden.

          Volkswagen steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte, nachdem vor knapp zwei Wochen bekannt geworden war, dass in Amerika Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen mit einer Software manipuliert worden waren. Das Programm kann dafür sorgen, dass im Testbetrieb wesentlich weniger gesundheitsschädigende Stickoxide gemessen werden als im regulären Betrieb auf der Straße. Es steckt weltweit in rund elf Millionen Fahrzeugen der verschiedenen Marken des Wolfsburger Konzerns. Erst am Dienstag hatte Volkswagen eine Rückruf-Aktion von fünf Millionen Autos bekannt gegeben.

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