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In Großbritannien : Uber rückt von seinem Geschäftsmodell ab

Nach jahrelangem Rechtsstreit kündigte Uber an, britische Fahrer nicht mehr als eigenständige Unternehmer, sondern als Mitarbeiter zu behandeln. Bild: dpa

Der Fahrdienst behandelt seine Fahrer künftig als Mitarbeiter. Finanziell habe das kaum Auswirkungen, denkbar wären aber welche auf andere Plattformen.

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          Uber wird in Britannien seine Fahrer von sofort an als Mitarbeiter behandeln anstatt wie bislang als freie Dienstleister. Großbritannien wird damit zum ersten Land, in dem der Fahrdienst diese Neuklassifizierung vornimmt. Der Schritt kommt nur wenige Wochen nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in London, wonach Uber seine Fahrer als Mitarbeiter einzustufen habe. Dass das Unternehmen dem nun tatsächlich nachkommt, war aber nicht von Anfang an ausgemacht. Uber hatte zunächst die Bedeutung des Urteils kleingeredet, es betreffe nur wenige frühere Fahrer und sei nicht automatisch auf alle Fahrer anwendbar.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Einstufung als Mitarbeiter wird nach Ubers Angaben dazu führen, dass die Fahrer von nun an ein Anrecht auf einen Mindestlohn, bezahlten Urlaub und Betriebsrente haben, nur die letzteren beiden Dinge verursachten zusätzliche Kosten. Denn nach Ubers Darstellung liegen schon heute 99 Prozent der Fahrer mit ihrem Verdienst über dem Mindestlohn, der 8,72 Pfund (10,18 Euro) beträgt und von April an auf 8,91 Pfund steigen soll. In London verdienten Fahrer im Schnitt 17 Pfund in der Stunde, im Rest des Landes 14 Pfund. Diese Zahlen beziehen sich freilich nur auf die Zeit, in der die Fahrer tatsächlich Kunden befördern oder auf dem Weg zu ihnen sind. Leerzeiten, in denen sie auf Kunden warten, sind nicht eingerechnet und sollen auch künftig nicht berücksichtigt werden, wenn der Mindestlohn als Untergrenze herangezogen wird. Diese Art der Kalkulation bleibt trotz Ubers Zugeständnissen ein Streitpunkt.

          Einer der Kläger in dem Fall, der vor dem Obersten Gerichtshof landete, sagte dem „Wall Street Journal“, Uber sollte für die gesamte Zeit bezahlen, in der Fahrer für das Unternehmen aktiv seien. Gerade in der Corona-Krise seien Fahrer oft ohne Kunden unterwegs gewesen. Auf Uber könnten auch insofern noch weitere Auseinandersetzungen zukommen, als die Neuklassifizierung zunächst nur die Chauffeure im angestammten Fahrdienst betrifft, nicht aber Personen, die für sein immer wichtigeres Geschäft mit der Auslieferung von Essen im Einsatz sind.

          In jedem Fall könnte die Entscheidung von Uber in Britannien Signalwirkung haben – auch für andere Vertreter der „Gig Economy“. Denn Uber ist nur die prominenteste von vielen Plattformen, die diverse Dienste vermitteln, und in den meisten Unternehmen ist es Kern des Geschäftsmodells, dass diejenigen, die diese Dienste bereitstellen, weitgehend als Selbständige behandelt werden und nicht als Teil des eigenen Personals. Das wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert, nicht nur in Großbritannien. Uber und andere Unternehmen haben argumentiert, ihre Fahrer sollten als unabhängige Dienstleister eingestuft werden, weil sie flexibel arbeiten. Kritiker halten dagegen, diese Flexibilität sei kein Grund, warum die Arbeiter nicht fest angestellt werden könnten, und sie werten das Umgehen traditioneller Beschäftigungsverhältnisse als Ausbeutung.

          Auch in Ubers amerikanischer Heimat gab es Versuche, eine Neuklassifizierung von „Gig“-Arbeitern zu erzwingen. In Kalifornien trat 2020 ein entsprechendes Gesetz in Kraft. Uber und Wettbewerber wie Lyft haben es aber zunächst umgangen. Stattdessen warben sie für einen Kompromiss, der dann bei einem Bürgerentscheid im November auch eine Mehrheit bekam. Demnach dürfen sie ihre Fahrer als freie Dienstleister behandeln, gewähren ihnen aber zusätzliche Leistungen in begrenztem Rahmen, etwa ein Mindesteinkommen und Versicherungen. Die Unternehmen setzen sich für eine ähnliche Lösung auf Bundesebene ein. Uber-Chef Dara Khosrowshahi wirbt dafür, dass es für Uber-Fahrer und andere „Gig“-Arbeiter einen „dritten Weg“ geben sollte, jenseits einer starren Einstufung in festangestellte Beschäftigte und freie Dienstleister.

          In gewisser Weise wird nun auch in Großbritannien ein dritter Weg eingeschlagen. Denn im dortigen Arbeitsrecht werden Mitarbeiter nach „Worker“ und „Employee“ unterschieden, und Uber-Fahrer sollen in erstere Kategorie fallen. „Employees“ haben dagegen noch zusätzliche Rechte, zum Beispiel den Anspruch auf Abfindungen. (Kommentar Seite 22.)

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