https://www.faz.net/-gqe-8aizl

Abgasaffäre : TÜV und Dobrindt schieben sich im VW-Skandal die Schuld zu

Teststrecke: Prüfer des TÜV Nord bei der Arbeit Bild: dpa

Im Bundesverkehrsministerium fragt man sich, warum die Prüfer die Manipulationen beim CO2-Ausstoß nicht bemerkt haben. Die Beschuldigten wehren sich und stehen vor einem Rätsel.

          In der Abgasaffäre von Volkswagen schieben sich die Bundesregierung und der TÜV Nord jetzt gegenseitig die Verantwortung für die mangelhafte Kontrolle der Abgaswerte durch die zuständigen Behörden zu. Während Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den TÜV Nord für den heutigen Dienstag zur Anhörung in die VW-Untersuchungskommission des Ministeriums bestellt hat, warf TÜV-Nord-Chef Guido Rettig der Regierung vor, sie habe den Prüfern auf Drängen der Automobilindustrie untersagt, die Motoren-Software zu untersuchen. „Wir wollen vom TÜV wissen, wieso die falschen CO2-Werte bei Volkswagen nicht erkannt worden sind“, sagte ein Sprecher Dobrindts am Montag. „Dieser Punkt hat mit der Motorsteuerung nichts zu tun.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Aus dem Ministerium war zu hören, dass die Verärgerung über den TÜV groß sei, weil bei den Prüfungen diese falschen CO2-Werte durchgerutscht seien. Gleichzeitig kündigte das Verkehrsministerium an, die Befugnisse unabhängiger Prüfer bei der Kontrolle der Abgaswerte künftig zu stärken. Dobrindt sucht vor allem Antworten auf die Frage, wie VW es geschafft hat, trotz der amtlichen Kontrollen rund 800.000 Autos bei der Typenzulassung mit falschen Verbrauchs- und CO2-Werten auf den Markt zu bringen.

          Das Autounternehmen hatte Anfang November nach internen Kontrollen gemeldet, es sei „bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typzulassung von Fahrzeugen zu Unregelmäßigkeiten gekommen“. Anders als bei der Schummel-Software, mit denen VW den Stickstoffausstoß seiner Dieselautos manipulierte, gibt es beim CO2 aber keine spezielle Software, mit der betrogen wurde. Die betroffenen Autos verbrauchen mehr Diesel oder Benzin und stoßen deshalb auch mehr CO2 aus als in den Papieren angegeben. VW prüft derzeit die Fahrzeuge und die Messstationen. Die Kontrollen wurden aber auch von externen Dienstleistern wie dem TÜV abgenommen. TÜV-Nord-Chef Rettig sagte am Montag laut einem Medienbericht, er könne die fehlerhaften Messungen nicht bestätigen, die VW aufgedeckt hat. „Weder bei uns noch bei VW. Es ist für mich ein absolutes Rätsel, wo VW die Abweichungen festgestellt haben will.“ Für diese Abweichungen gibt es bislang keine Erklärung. „Wir erwarten darauf aber Antworten“, hieß es aus dem Verkehrsministerium.

          Verkehrsminister Dobrindt

          Zu der Schummel-Software bei Stickoxiden sagte Rettig, die Prüfer hätten gesetzlich keine Möglichkeit, „Einblicke in die Motorsteuerung und die dort verbaute Software zu nehmen“. Deswegen hätten sie auch keine Chancen gehabt, die Manipulationen bei Stickoxiden zu bemerken. Dobrindts Sprecher sagte dazu, die Untersuchungskommission prüfe schon, ob die Offenlegung der Motorelektronik-Software Teil der neuen europäischen Vorschriften zur Genehmigung neuer Typen sein solle. „Die Tests werden strenger und ähneln dem normalen Fahrverhalten der Autofahrer im Straßenverkehr viel stärker“, sagte der Sprecher. Aus Ministeriumskreisen hieß es: „Wenn über eine Weiterentwicklung der Prüfsysteme nachgedacht wird, dann sicherlich nicht in der Richtung, den TÜV-Nord zu stärken“, der erst einmal erklären müsse, warum er die abweichenden CO2-Werte bei seinen Kontrollen nicht festgestellt habe. Die Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, Bärbel Höhn (Grüne), kommentierte die Ankündigungen des Verkehrsministeriums mit den Worten: „Wenn die Bundesregierung sich für irgendetwas auf EU-Ebene einsetzen will, dann heißt das im Klartext, dass sie eigentlich nichts machen will.“ Wer die Motor-Software von Autos untersuchen wolle, könne das ohne Probleme national machen. „Er muss es nur wollen“, sagte Höhn.

          Die neuen Hiobsbotschaften für VW aus den Vereinigten Staaten, noch mehr Fahrzeuge von VW, Porsche und Audi genauer unter die Lupe zu nehmen, haben die Anleger am Montag wieder stark verunsichert und verärgert. Die Aktie fiel nach Börsenbeginn stark um fast zwei Prozent, erholte sich dann im Tagesverlauf aber wieder. Die amerikanischen Umweltbehörden hatten zum Wochenende mitgeteilt, dass alle Diesel-Autos mit 3,0-Liter-Motoren des Konzerns aus den Modelljahren 2009 bis 2016 mit einer verdächtigen Software ausgestattet gewesen seien – bislang war in diesem Fall aber nur wegen etwa 10.000 Wagen der Baujahre 2014 bis 2016 ermittelt worden. Die Rede ist jetzt von insgesamt 85.000 Autos, die zu den 482.000 kleineren Modellen hinzukommen, bei denen VW schon im September Manipulationen zugegeben hatte, mit denen die Abgastests bei Kontrollen der Prüfer geschönt worden sind.

          Führende Vertreter des Handelsausschusses im amerikanischen Parlament forderten, die Untersuchungen bei VW fortzusetzen. Die jüngsten Vorfälle „verlängern die wachsende Liste beunruhigender Fragen an Volkswagen, und wir brauchen Antworten“, schrieben Abgeordnete um den Ausschussvorsitzenden Fred Upton in einer Mitteilung. VW hatte am Freitag seinen Rückrufplan für die betroffenen 2-Liter-Diesel-Modelle bei den Umweltbehörden eingereicht. Aus den Behörden war zu hören, es handele sich um einen ersten Vorschlag, der geprüft werde.

          Weitere Themen

          Indien verbietet E-Zigaretten Video-Seite öffnen

          Todesfälle durch Vaping : Indien verbietet E-Zigaretten

          In letzter Zeit kam es aber vermehrt zu Lungenkrankheiten und sogar Todesfällen, die Ärzte auf das sogenannte Vaping zurückführen. Viele Regierungen stören sich auch daran, dass die Industrie gezielt Jugendliche anspricht.

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Am Ende fällt die Eintracht auseinander

          Achtbarer Auftritt, bitteres Resultat: Frankfurt erspielt sich beim Start in die Europa League Torchancen in Hülle und Fülle, muss sich aber dem FC Arsenal geschlagen geben. In der nächsten Partie wird ein wichtigen Spieler fehlen.
          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.