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TÜV Nord : Im Nebel der VW-Prüfer

  • -Aktualisiert am

So testet der TÜV die Abgasemissionen von Autos. Bild: Caro / Oberhaeuser

Obwohl viele der Autos im Abgasskandal vom TÜV Nord geprüft wurden, schlugen die Kontrolleure keinen Alarm. Der gute Ruf des Gütesiegels ist beschädigt. Kann man dem Prüfdienst aber wirklich einen Vorwurf machen?

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          Es gibt Fotos, die sagen mehr als tausend Worte. Beim Prüfdienst TÜV Nord, der laut Kraftfahrtbundesamt viele der vom Abgasskandal betroffenen Volkswagen geprüft hat, stammt solch ein Bild. Dort stehen im April dieses Jahres glücklich vereint der damalige VW-Chef Martin Winterkorn und der TÜV-Nord-Vorstandsvorsitzende Guido Rettig. Gemeinsam halten sie eine überdimensional große Urkunde des TÜV, die dem Unternehmen bescheinigt, in Sachen Qualitätsmanagement die Anforderungen einer Din-Iso-Norm zu erfüllen. Rettig wird mit folgender Lobeshymne zitiert: „Seit 20 Jahren richtet Volkswagen seine Prozesse an der wichtigsten internationalen Norm aus. Dies unterstreicht die hohen Maßstäbe, die das Unternehmen dem Thema Qualität beimisst.“

          Weiter unten in der Pressemeldung findet sich noch der Hinweis, dass der TÜV Nord außerdem das Umweltmanagement von VW zertifiziert hat sowie die Ökobilanz verschiedener Fahrzeugmodelle. Das Ganze klingt ungefähr so, als würde der TÜV dem Autohersteller bescheinigen, in Sachen Qualität und Umwelt das beste Unternehmen der Welt zu sein.

          TÜV im Fokus

          Peinlich für den TÜV Nord, dass nur wenige Monate später das Image dieses so freudig mit Unbedenklichkeitszertifikaten versehenen Unternehmens in Sachen Umweltfreundlichkeit dahin ist. Peinlich für die ganze TÜV- und Prüfergemeinde in Deutschland, dass nun offenbar wird: Ihre Prüfungen für die Typgenehmigungen in Deutschland, die sie im Auftrag des Kraftfahrtbundesamts durchführen, taugen offenbar nicht, um Manipulationen zu erkennen. Im Rahmen dieser Prüfungen werden unter anderem CO2 und Verbrauchswerte erfasst – unter Bedingungen, die diese Werte deutlich niedriger ausfallen lassen als in der Realität. Dass VW hier auch getrickst hat, gestand der Konzern vor knapp zwei Wochen ein. So stehen nun auch die Prüfer im Fokus. Bislang genießen die Technischen Überwachungsvereine (TÜV) einen guten Ruf, auch international. Einst sind sie entstanden, um Dampfkessel zu prüfen, die häufig in die Luft gingen. Heute gibt es drei große TÜV-Holdings, die miteinander konkurrieren. TÜV Süd, TÜV Nord und TÜV Rheinland haben jeweils mehr als eine Milliarde Euro Umsatz und gehören jeweils zu mindestens einem Viertel einem Technischen Überwachungsverein. Sie üben teils hoheitliche Aufgaben aus, beispielsweise Kfz-Prüfungen, sind aber auch frei am Markt tätig, etwa bei der Zertifizierung von Produkten.

          Eigentlich sind sie bekannt dafür, gründlich und unabhängig zu prüfen. Doch der VW-Skandal wirft ein anderes Licht auf sie. Zwar bestimmt nicht der TÜV selbst, wie er die Prüfungen für die Typgenehmigungen durchführt, dafür gibt es sehr genaue Vorgaben. Oder, wie es eine Sprecherin des TÜV Nord formuliert: „Unsere Typprüfungen finden ausschließlich gemäß gesetzlichen Vorschriften statt.“ Doch wissen die Prüfdienste neben den Autobauern das meiste über diese Tests und über ihre riesigen Lücken.

          Waren die Beziehungen zu eng?

          Wieso sie es so lange nicht geschafft haben, die Bedingungen ihrer eigenen Prüfungen sinnvoll zu verändern, um Betrügereien auf die Schliche zu kommen, das muss man sie sehr wohl fragen. Schließlich schreibt etwa das TÜV-Nord-eigene Institut für Fahrzeugtechnik und Mobilität in einer Kundenbroschüre zu den Typprüfungen: „An vielen Richtlinien, Regelungen und Verordnungen der EU hat TÜV Nord in internationalen Gremien selbst mitgewirkt.“ Da wäre also, zumindest nach eigenen Angaben, Einflussmöglichkeit gegeben.

          Ein Grund, dass das nicht funktioniert hat, könnte die seltsame Rolle der Prüfdienste sein. So sollen sie einerseits unabhängig testen, andererseits dürfen die Autobauer wählen, von wem sie die Prüfungen für die Typgenehmigungen durchführen lassen. Um sich hier zu behaupten, werben die Prüfer damit, dass sie natürlich auch alle (legalen) Schlupflöcher kennen, um Abgasemissionen im Test künstlich zu verringern. Oder, wie es in der Kunden-Broschüre des TÜV-Nord-Instituts formuliert ist: „Die Ingenieure des IFM-Instituts für Fahrzeugtechnik und Mobilität informieren Sie umfassend, weisen auf mögliche Hindernisse hin und zeigen Freiräume auf.“

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