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Trotz Abgas-Skandals : Die treuen Freunde des Diesels

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) informiert sich Anfang April im Stuttgarter Daimler-Werk über Dieselmotoren. Bild: dpa

Alle machen den Diesel schlecht? Nein, so ist es nicht. Der Grüne Winfried Kretschmann verteidigt die Antriebstechnik leidenschaftlich. Und er hat starke Verbündete.

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          Fahren Sie auch noch eine Dreckschleuder? So einen richtigen Umweltsünder? Wer diese Frage hört, denkt dieser Tage mit größter Wahrscheinlichkeit sofort an einen Diesel-Motor. Dabei ist die Frage gar nicht so gemeint, im Gegenteil: Unter der Überschrift „Welcher Politiker fährt die größte Dreckschleuder?“ ermittelt die Deutsche Umwelthilfe seit Jahren, welcher Dienstwagen den höchsten CO2-Ausstoß hat. Und gerade beim Kohlenstoffdioxid schlagen sich Dieselmotoren viel besser als Benziner.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Trotzdem hat der Abgasbetrug von VW und anderen Herstellern den Diesel in Misskredit gebracht. Spätestens seit die baden-württembergische Landesregierung Fahrverbote für ältere Diesel-Fahrzeuge in Stuttgart angekündigt hat, ist der Ruf des Antriebs ruiniert. Die Namen von immer mehr Städten, die Dieselautos aussperren könnten/müssten/wollten, geistern durch die Debatte.

          Gleichzeitig mit den steigenden Anfeindungen bemerkten indes immer mehr Arbeitnehmer und Politiker, dass es um eine Technik geht, an der in Deutschland zehntausende Arbeitsplätze hängen. Wenn nicht mehr. Und mancher, der jahrelang für ein neues Familienauto sparte und sich vor zwei Jahren einen Diesel mit tadellosem Ruf kaufte, macht seinem Ärger nun lautstark Luft, weil er sich mit drohenden Fahrverboten und einem fallenden Wiederverkaufswert seines Autos konfrontiert sieht.

          Kaum verwunderlich, dass sich in jüngster Zeit immer mehr Politiker in die Diesel-Bresche werfen, um Arbeitsplätze und Wählerstimmen zu retten. Jüngstes Beispiel war am Wochenende Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann. In einem Interview mit der„taz“ bekannte er: „Ich habe wochenlang den sauberen Diesel landauf, landab promotet, weil es ihn tatsächlich gibt. Wir brauchen ihn als Übergangstechnik.“ Und er wurde sogar noch deutlicher. Auch privat fahre er einen Diesel, aus mehreren Gründen: „Ich wohne auf dem Land, meine Frau muss weit zum Enkel fahren, ich habe auch einen Anhänger. Neulich habe ich für meinen Enkel eine Tonne Sand geholt: Da brauche ich einfach ein gescheit’s Auto.“

          „Der Dieselmotor ist eine Kraftmaschine“

          Mit seinem Bekenntnis zum Diesel steht Kretschmann nicht alleine da. Auch sein Parteifreund, der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, fährt einen Audi A6 Diesel mit Euro 6 Norm und 109 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. Begründung des Grünen-Spitzenpolitikers: „Seit ich Minister bin, werden die Autos im Wirtschaftsministerium vor allem nach ihrem CO2-Ausstoß ausgewählt.“

          Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) lobt den Diesel überschwänglich: „Der Dieselmotor ist eine Kraftmaschine, die rund 25 Prozent weniger Kohlendioxid ausstößt als ein vergleichbarer Benziner.“ Der Diesel sei damit wichtig, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Dobrindt prophezeit: „Saubere Diesel mit Euro-6-Standard werden uns noch lange als Übergangstechnologie erhalten bleiben.“

          Nahezu identisch äußert sich der Präsident des Auto-Herstellerverbands VDA, Matthias Wissmann: „Der moderne Euro-6-Diesel ist neben Elektro-Antrieben der wichtigste Baustein, um die europäischen Klimaschutzziele bis 2020 zu erreichen. Denn er spart gegenüber einem vergleichbaren Benziner bis zu 25 Prozent Kraftstoff und 15 Prozent CO2 und stößt im Vergleich zu Euro 5 weniger als die Hälfte Stickoxid aus.“

          In die Aktion Dieselrettung hat sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeschaltet. Bei einem Wahlkampfauftritt verteidigte sie den Antrieb als umweltfreundlich. Sie fände es „perfide von den Grünen und zum Teil den Sozialdemokraten, dass jetzt so getan wird, als wäre all das, was wir den Menschen gesagt haben, falsch. Das ist nicht falsch.“ Merkel weiter: „Für den Klimaschutz ist das Diesel-Auto heute ein genauso gutes Auto, wie es das gestern und vorgestern war.“

          Wie beliebt der Diesel bei all jenen ist, die mehr als 15.000 Kilometer im Jahr fahren, zeigt auch ein Blick in den Fuhrpark der Bundesminister. Von den neun Ministern, die auf eine Anfrage der Umwelthilfe geantwortet haben, fahren alle ein Auto mit Dieselmotor. Nicht einer nutzt einen Benziner.

          Jenseits der offiziellen gibt es übrigens noch eine heimliche Diesel-Anhängerin: Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann. Kurz vor der Wahl in NRW machte ein Foto von ihr Schlagzeilen, dass sie beim Umsteigen zeigt. Löhrmann wechselt von ihrer Audi-A8-Dienstlimousine mit 3,0-Diesel-Motor mit abgedunkelten Fenstern in einen deutlich kleineren Toyota Prius mit Hybridantrieb, um die letzten Kilometer zum Wahlkampf-Termin elektrisch zurückzulegen. Die CDU, die das Foto über Facebook verbreitete, mokierte sich über „die grüne Doppelmoral“. Die Ministerin wiederum verteidigte sich: „Im Gegenteil! Saubere Trennung zwischen Ministerinnen-Dienstwagen und Wahlkampfauto. Wie sich das gehört.“

          Auf die Nachfrage, warum sie denn keinen umweltfreundlichen Hybrid-Dienstwagen fahre, antwortete ihr Ministerium, man habe bereits zwei Hybrid-Autos von Mercedes getestet – und feststellen müssen, dass der Audi A8 3.0 TDI, den die Ministerin jetzt fährt, auf lange Sicht umweltfreundlicher sei als der Mercedes S500 Hybrid. Das wird ein Ministerium ja wohl noch sagen dürfen.

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