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Havariertes Containerschiff : Heck von „Ever Given“ im Suezkanal befreit, Bug sitzt noch fest

Ein Schlepper fährt am Sonntag neben der havarierten „Ever Given“. Bild: EPA-EFE/SUEZ CANAL AUTHORITY

Das im Suezkanal auf Grund gelaufene Riesenschiff ist nach tagelanger Blockade teilweise freigelegt worden. Damit das Schiff wieder fahren kann, muss jetzt noch der Bug befreit werden. Die Verstopfung der Lieferketten wird noch lange anhalten.

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          Noch gibt es bei dem im Suezkanal havarierten Containerfrachter „Ever Given“ keine komplette Entwarnung. Das Riesenschiff, das seit Dienstag vergangener Woche den Suezkanal blockiert, ist nur teilweise freigeschleppt worden, der Bug sitzt noch fest. Den Bergeunternehmen gelang es am frühen Montagmorgen, den 400 Meter langen Riesen ein gutes Stück vom Grund zu holen. „Wir sind noch nicht fertig, aber das sind gute Nachrichten“, sagte Osama Rabie, der Chef der Kanalbehörde (SCA) in Ägypten. Das Heck sei um 102 Meter vom Ufer entfernt und das Schiff zu „80 Prozent in die richtige Richtung“ gewendet worden, erklärte Rabie weiter.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Es wird erwartet, dass es mindestens noch bis zur nächsten Hochflut dauert, bis der Bug des Frachters mit Hilfe von zwei neuen Schleppschiffen ebenfalls befreit wird. Die Deutsche Presseagentur hatte zuvor gemeldet, der Frachter sei „befreit“ worden. Dies ging unter anderem zurück auf eine Meldung von Inchcape Shipping Services. Demzufolge sei die „Ever Given“ um 4:30 Uhr Ortszeit „erfolgreich zum Schwimmen gebracht worden“. Wenig später relativierte der Eigentümer des Schiffes, Shoei Kisen, die Erfolgsmeldung. Er erklärte am Mittag in Japan (Ortszeit), das Schiff bewege sich, könnte aber noch nicht schwimmen.

          Der Frachter der taiwanesischen Reederei „Evergreen Marine“ blockiert eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Kommt die „Ever Given“ aus dem Kanal, geht es als nächstes darum, den Rückstau der fast 400 Schiffe an beiden Seiten des Kanals so schnell wie möglich abzubauen. Dies könnte weitere sieben Tage dauern. Denn normalerweise können 50 Schiffe täglich die Wasserstraße befahren.

          Offenbar Beschädigungen

          Während und nach der Bergung muss der Zustand des Rumpfes der „Ever Given“ und die Auswirkungen der Schlepp- und vorherigen Baggerversuche ständig überprüft werden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass einer der Ballasttanks im Vorschiff beschädigt ist. Maschine und Ruder aber seien betriebsbereit, erklärte der Schiffsmanager Bernhard Schulte Shipmanagement (BSM), der für Technik und Mannschaft verantwortlich zeichnet. Natürlich prüften Ingenieure und Taucher vor Ort, ob es angesichts der enormen Kräfte zu Spannungsrissen im Rumpf gekommen ist.

          Aber nicht nur das Schiff, sondern auch das Verhalten der Brückenbesatzung wird geprüft. Tracker verweisen auf Manöver vor der Einfahrt in den Kanal, aber auch auf Abweichungen von der schmalen Ideallinie dort, die als „eigenartig“ eingestuft werden. Allerdings soll es während der Durchfahrt, bei der zwei Lotsen an Bord waren, sehr starke Böen gegeben haben. Eine Außenfläche des Schiffes von rund 10.000 Quadratmetern, auf die Starkwind trifft, stellt bei einem so engen Fahrwasser auch die Frage nach der Verlässlichkeit und Manövrierbarkeit der 224.000 Tonnen schweren Riesenschiffe für den Einsatz in engen Wasserstraße. Auch auf der Elbe war es zu Havarien der „Ever Given“ und eines vergleichbaren Schiffes gekommen.

          Auf Umweg geschickt

          Immer mehr Reedern blieb aufgrund der Blockade in den vergangenen Tagen nichts anderes übrig, als ihren Kapitänen eine neue, teure Route zu verordnen. Weltmarktführer A.P. Møller-Mærsk erklärte, inzwischen 15 Schiffe auf den langen Umweg um das Kap der Guten Hoffnung geschickt zu haben, weil man davon ausgehe, dies dauere genauso lang wie die Verzögerung im Kanal.

          Damit steigen die Kosten für die Weltwirtschaft stündlich weiter. „Das Problem liegt darin, dass die Blockade im Suezkanal das Fass zum Überlaufen bringt. Die Unterbrechung der Lieferketten seit dem Beginn des Jahres könnten das reale Wachstum des Welthandels 1,4 Prozentpunkte oder rund 230 Milliarden Dollar kosten – zusätzlich zu der aktuellen Situation im Suezkanal“, warnen die Analysten der Allianz-Versicherung. „Erste Berechnungen ergeben, dass der Verkehr in den Westen täglich rund 5,1 Milliarden Dollar wert ist, derjenige Richtung Osten 4,5 Milliarden Dollar. Unseren Berechnungen nach dürfte jede Woche Schließung das jährliche Wachstum des weltweiten Handels zwischen 0,2 und 0,4 Prozentpunkte kosten“, fahren sie mit Blick auf die direkten Folgen des Festsitzens des 400 Meter langen Großfrachters fort.

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          Die Kanalbetreiber selber kostet die Blockade rund 15 Millionen Dollar täglich an Gebühren. „Das Ganze ist eine schwere Belastung der sowieso schon strapazierten Lieferketten, die sich gerade von den Corona-Folgen erholen. Dauert es Wochen, dürfte daraus etwas werden, das wir eine Katastrophe nennen“, warnt Rahul Kapoor, zuständig für den Bereich Seehandel bei IHS Global Insight in Singapur.

          Sobald es gelingt, die „Ever Given“ aus dem Kanal zu bekommen, wird es als nächstes darum gehen, den Rückstau der fast 400 Schiffe an beiden Seiten der Wasserstraße so schnell wie möglich abzubauen.

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