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Staranwalt im Gespräch : Wie kommt VW da heraus, Herr Feinberg?

Ken Feinberg soll Volkswagen rechtlichen Beistand liefern. Bild: EVAN MCGLINN/The New York Times/

Der Staranwalt Kenneth Feinberg wird gerufen, wenn es um besonders schwere Fälle geht – wie jetzt bei VW. Ein Gespräch über enttäuschte Autofahrer, echte Tragödien und Milliarden-Entschädigungen.

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          Herr Feinberg, was können Sie den mehr als 500.000 amerikanischen Besitzern von VW-Dieseln bieten?

          Ich kann versprechen, dass es eine großzügige Lösung geben wird.

          Und wie könnte die aussehen?

          Das ist noch nicht entschieden, und im Moment stehen noch alle Optionen zur Debatte: Geldzahlungen, Rückkäufe von Autos, Reparaturen, Bereitstellung von Ersatzautos...

          Warum sollten die VW-Kunden Ihnen vertrauen?

          Sie müssen mir gar nicht vertrauen. Es steht ihnen frei, sich auf mein Angebot einzulassen. Wenn es ihnen gefällt, stimmen sie zu, und wenn nicht, dann ziehen sie eben vor Gericht. Aber es gibt Grund zur Annahme, dass wir am Ende viele Leute überzeugen können.

          Was macht Sie da so sicher?

          Sehen Sie sich meine vergangenen Fälle an: Beim Fonds für die Opfer des 11. September haben 97 Prozent der Anspruchsberechtigten mein Angebot angenommen. Bei GM und BP waren es auch mehr als 90 Prozent. Das muss auch die Zielmarke für VW sein. VW hat mir volle Autorität gegeben, über Entschädigungen zu entscheiden.

          Hat VW Ihnen auch ein unbegrenztes Budget gegeben, so wie GM?

          Wir haben noch nicht über Geldbeträge gesprochen. Ich weiß nicht, ob VW zu mir sagen wird: „Geben Sie nicht mehr als x aus.“

          Wie ernst meint es VW mit dem Fonds?

          Ich verbringe derzeit 85 Prozent meiner Arbeitszeit mit VW, und ich sehe, wie ernsthaft VW mit mir zusammenarbeitet. Es gab schon mehr als ein halbes Dutzend Treffen, eines davon auch in Deutschland. Ich habe die Chefjuristen aus Deutschland und Amerika getroffen, Aufsichtsräte und Herrn Müller...

          ...dessen Reise nach Amerika sich nicht gerade als Erfolg erwiesen hat...

          Ich kann nur sagen, ich fand ihn recht beeindruckend. Er schien mir sehr sachkundig und entschlossen.

          Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG: „Ich kann nur sagen, ich fand ihn recht beeindruckend.“
          Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG: „Ich kann nur sagen, ich fand ihn recht beeindruckend.“ : Bild: dpa

          Aber Müller hat sich mit den Umweltbehörden noch nicht über einen Rückrufplan geeinigt, bremst das nicht auch Ihre Arbeit? Bei Ihrer Berufung im Dezember haben Sie in Aussicht gestellt, innerhalb von 60 bis 90 Tagen ein Entschädigungsprogramm zu entwickeln.

          Das ist schon richtig, mir sind die Hände gebunden, solange VW und die Behörden ihre Differenzen nicht überwinden. Der ursprüngliche Zeitrahmen könnte sich daher verzögern.

          Was zahlt Ihnen VW denn in der Stunde?

          VW zahlt mich nicht nach Stunden. Wie viel, müssen Sie VW fragen.

          Und für Ihre öffentlichen Einsätze wie nach dem 11. September 2001 bekommen Sie wirklich gar nichts?

          Keinen Cent, auch keine Aufwandsentschädigung. Wenn ich dafür einen Flug buchen muss, zahle ich den selbst. Ich fände es unpatriotisch, Geld zu verlangen.

          Bei VW und in anderen Fällen sind Sie eine Art Schlichter. Was gefällt Ihnen daran besser, als Gerichtsprozesse zu führen?

          Rechtsstreitigkeiten ohne Schlichtung sind hier in Amerika oft endlos. Schlichtung bringt schnell eine Lösung und Gewissheit. Prozesse sind oft wie eine Lotterie.

          Deutsche sagen ja gerne, Amerikaner seien ein klagewütiges Volk.

          Da ist schon etwas dran. Zu mir sagen deutsche oder britische Mandanten auch oft, das amerikanische Rechtssystem sei außer Kontrolle. Der Unterschied ist historisch gewachsen. Zur deutschen Tradition gehört es, dass der Staat ein soziales Sicherheitsnetz bietet, das Menschen einen finanziellen Schutz gibt, wenn ihnen ohne Verschulden etwas zustößt. Nach dem amerikanischen Verständnis sind Klagen ein wesentliches Vehikel, um sich nach einem Unglück Einkommen und finanzielle Sicherheit zu erstreiten. Ohne das Sicherheitsnetz gibt es mehr Anreiz, zu klagen.

          Welches System finden Sie besser?

          Ich denke, das amerikanische System hat in den vergangenen 250 Jahren ganz gut funktioniert. Es ist aber lausig, wenn es um Massenklagen wie bei VW geht. Die überfordern die Gerichte.

          Neben Ihrer Pro-bono-Arbeit sind Sie ja vor allem bekannt dafür, mit Unternehmen zu arbeiten, die in der Öffentlichkeit als Schurken dastehen.

          Moment, das sind nur wenige Fälle. Und diese Fonds von Unternehmen sind auch keineswegs ein Trend, sondern Anomalien.

          Aber sie helfen dabei, Ihre honorarfreien Aufgaben zu subventionieren.

          Wenn Sie das so sehen wollen. Natürlich muss auch ich irgendwie meine Stromrechnung bezahlen.

          Gibt es Ähnlichkeiten zwischen den privaten und öffentlichen Entschädigungsfonds?

          Sehr viele sogar. In beiden Fällen werden ganz ähnliche Fragen gestellt: Wer ist anspruchsberechtigt? Nach welcher Methode werden die Entschädigungen kalkuliert?

          Ihre Aufgabe ist es oft, menschliches Leid mit einer Zahl zu bewerten. Ist das nicht ziemlich hart?

          Die eigentliche Bewertung ist keine schwierige Sache, Richter und Geschworene machen so etwas jeden Tag. Es ist eine ziemlich kalte mathematische Kalkulation. Das Harte sind die Emotionen, der Umgang mit Opfern und Überlebenden.

          Wenn wir einmal den Anschlag beim Bostoner Marathon als Beispiel nehmen: Da haben Sie entschieden, dass die Entschädigung für jemanden, der beide Beine verloren hat, genauso hoch sein soll wie für einen Todesfall, etwas mehr als zwei Millionen Dollar. Wie kamen Sie darauf?

          Wir kamen zu dem Schluss, dass die Summe für einen Todesfall in Boston ähnlich hoch sein soll wie nach den Anschlägen des 11. September. Und der Verlust von zwei Gliedmaßen war die schwerste Verletzung, die es unter den Überlebenden gab. Deshalb haben wir entschieden, sie genauso zu behandeln wie einen Todesfall.

          Bei den Terroranschlägen des 11. September hing die Entschädigung vom Einkommen ab. Die Angehörigen eines Kochs in der Kantine bekamen zum Beispiel viel weniger als diejenigen eines Wertpapierhändlers. Ist das gerecht?

          Es ging gar nicht anders und war vom amerikanischen Kongress, der das Geld bereitgestellt hat, so gewollt. Ein Ziel des Fonds war es ja, die Betroffenen von Klagen abzuhalten. Das konnte aber nur funktionieren, indem das Einkommen bei der Entschädigung berücksichtigt wurde.

          Was war Ihre schwierigste Entscheidung?

          Es ist schwer, Annahmen über die Zukunft zu treffen, die ein Todesopfer gehabt hätte. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel für ein Gespräch, das fast genauso stattgefunden hat: „Herr Feinberg, ich habe meine Tochter am 11. September verloren. Sie hat nach ihrem Studium gerade angefangen, bei einer Anwaltskanzlei zu arbeiten.

          Wenn Sie die Entschädigung kalkulieren, möchte ich, dass Sie davon ausgehen, dass sie in acht Jahren Partnerin in der Firma gewesen wäre.“ – „Aber Frau Soundso, das kann ich nicht. Die meisten jungen Anwälte werden nicht Partner.“ – „Woher wollen Sie das wissen? Sie haben meine Tochter nie getroffen.“ Solche Situationen hat es oft gegeben.

          Feinberg mit Betroffenen des GM-Entschädigungsprogramms: „Meine Aufgabe ist es nicht, GM oder auch VW zu bestrafen.“
          Feinberg mit Betroffenen des GM-Entschädigungsprogramms: „Meine Aufgabe ist es nicht, GM oder auch VW zu bestrafen.“ : Bild: AP

          Sie haben selbst einmal über sich gesagt, Sie mussten bei Ihrer Arbeit lernen, sensibel zu sein. Ihnen fehlte das also von Natur aus?

          Ich habe am Anfang weniger Einfühlungsvermögen und Verständnis gezeigt, als man das tun muss, wenn man mit Familien in Trauer umgeht. Ich war zu harsch und zu professionell. Zu viel Anwalt und zu wenig Priester und Psychologe. Heute bin ich auf jeden Fall ein besserer Zuhörer.

          Welche Spuren hinterlässt es bei Ihnen persönlich, so oft mit menschlichem Leid in Berührung zu kommen?

          Während der Arbeit am Fonds für die Opfer des 11. September war ich müde, fahrig und deprimiert, wobei ich das für mich behalten habe. Diese Fonds kosten einen viel Schlaf, und sie lassen einen nicht los, auch nachdem sie abgeschlossen sind.

          Trotzdem nehmen Sie solche Aufgaben immer wieder an.

          Würden Sie „Nein“ zu Präsident Obama sagen? Oder zum Gouverneur von Massachusetts? Ich vermute mal nicht.

          Ist es nicht irgendwie unfair, dass nur die ganz großen Tragödien einen Feinberg-Fonds bekommen?

          Absolut. Was glauben Sie, wie oft ich Briefe von Menschen bekomme, deren Angehörige bei anderen tragischen Ereignissen gestorben sind und die fragen: „Wo ist mein Scheck?“ Ich finde es selbst unbefriedigend, dass ich dann jedes Mal nur sagen kann: „Diese Fonds sind ja nicht meine Idee.“

          VW ist ja für Sie ein eher ungewöhnlicher Auftrag. Hier gab es keine Todesfälle...

          Gott sei Dank. Hier geht es um eine rein geschäftliche Transaktion, das ist weniger emotional. Das sehe ich auch an den E-Mails von Autobesitzern, die ich bekomme. Da steht dann zum Beispiel drin: „Herr Feinberg, ich weiß, ich habe keinen Angehörigen verloren, ich will einfach nur fair behandelt werden.“ Die sind alle recht vernünftig.

          Und wenn es doch Leute gibt, die mehr wollen als nur den Ersatz eines wirtschaftlichen Schadens? Indem sie zum Beispiel sagen, die Abgase hätten ihre Gesundheit beeinträchtigt?

          Ich habe das noch nicht entschieden, aber ich bin geneigt, das nicht zu akzeptieren und solchen Leuten zu sagen, sie sollen klagen, wenn sie wollen.

          GM ist ja eigentlich mit Ihrem Fonds am Ende recht glimpflich davongekommen und kann die von Ihnen ausgehandelten Entschädigungen leicht stemmen. Finden Sie das fair?

          Es wurden faire Summen vereinbart. Es ist für mich unerheblich, was sich ein Unternehmen leisten kann. Mir geht es darum, eine Lösung zu finden, die großzügig genug ist, um die Betroffenen zufriedenzustellen. Meine Aufgabe ist es nicht, GM oder auch VW zu bestrafen.

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