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1 Cent Aufpreis : Shell strebt klimaneutrales Tanken an

Ein Flugzeug fliegt über eine Shell-Tankstelle in London. Bild: Reuters

Der Ölkonzern Shell will seinen Kohlendioxid-Ausstoß ausgleichen. Dafür pflanzt das Unternehmen Millionen Bäume – und will seinen Kunden an der Zapfsäule bald eine Wahl bieten.

          Im Luftverkehr sind „carbon credits“ längst alltäglich: Wer im Internet ein Flugticket kauft, kann mit einem Klick einen freiwilligen Klima-Aufpreis akzeptieren. Mit dem Geld wird der klimaschädliche Kohlendioxid-Ausstoß beim Fliegen durch Projekte zur Vermeidung von CO2 an anderen Stellen ausgeglichen. Kritiker geißeln die „carbon credits“ als modernen „Ablasshandel“, mit dem Konsumenten ihr schlechtes Gewissen beruhigten. Doch rein rechnerisch kann man so tatsächlich „klimaneutral“ auf Reisen gehen.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Jetzt bringt der größte europäische Ölkonzern das Konzept erstmals auch an die Tankstellen: Von nächster Woche an können Autofahrer an den Zapfsäulen von Shell in den Niederlanden „kohlendioxidneutral“ tanken. Shell verspricht, das bei der Förderung, Verarbeitung und Verbrennung des Kraftstoffs entstehende CO2 werde etwa durch das großflächige Pflanzen von Bäumen und andere Klimaschutzprogramme neutralisiert. Shell ist mit rund 45.000 Stationen der größte Tankstellenbetreiber der Welt.

          Das klimaschonende Tanken soll für die hochpreisigen „Premium“-Kraftstoffe der Shell-Marke V-Power ohne Aufpreis möglich sein. Wer dagegen regulär Diesel oder Benzin tankt, dem wird auf freiwilliger Basis ein Klimaschutz-Obolus von einen Cent je Liter getanktem Kraftstoff berechnet. Shell kündigte an, das Programm solle nach dem Start in den Niederlanden auch in Großbritannien und anderen Ländern angeboten werden. Eine Sprecherin ließ offen, ob und wann an den deutschen Shell-Stationen klimaneutrales Tanken möglich sein wird.

          Weitreichende Klima-Offensive

          Das neue Angebot ist Teil einer weitreichenden Klima-Offensive, die der Shell-Chef Ben van Beurden dem Konzernriesen verordnet hat. Es gebe kein Allheilmittel im Kampf gegen den Klimawandel, sagte der Niederländer am Montag. „Notwendig ist eine Transformation des globalen Energiesystems, von der Stromerzeugung bis zur Industrie und Verkehr“. Shell sei bereit, „seinen Teil beizutragen“, bekräftigte van Beurden.

          Shell hat Ende vergangenen Jahres als erster Ölkonzern Ziele für die umfassende Reduzierung seines CO2-Ausstoßes bekanntgegeben. Dieser solle bis im Jahr 2035 um ein Fünftel sinken und bis zur Jahrhundertmitte halbiert werden, kündigte das Unternehmen im Dezember an. Berücksichtigt werden soll dabei die Nettomenge an CO2, die durch die Förderung, Verarbeitung und den Verbrauch der von Shell verkauften Öl- und Gasmengen entsteht. Die Bezahlung des Shell-Spitzenmanagements soll daran gekoppelt werden, ob diese Klimaschutzziele erreicht werden. Bis Ende 2021 werde der Ausstoß zunächst um zwei bis drei Prozent gesenkt, kündigte der Konzern im März an.

          Jetzt gab Shell bekannt, in den kommenden drei Jahren 300 Millionen Dollar „in natürliche Ökosysteme“ zu investieren, um die angestrebte CO2-Reduktion zu erreichen. Das ist freilich nur ein kleiner Bruchteil des Konzernbudgets für neue Öl- und Gasquellen. Shell stellt Mittel für Nationalparks und Naturschutzprogramme in Peru, Indonesien und den Vereinigten Staaten zur Verfügung. Der Ölriese will aber in Zusammenarbeit mit der niederländischen Forstbehörde Millionen Bäume pflanzen. Eine ähnliche Kooperation ist das Unternehmen auch in Spanien eingegangen.

          Investitionen in Aufladestationen

          Shell gilt in der Ölindustrie als Vorreiter beim Thema Klimapolitik. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Konzern seine Mitgliedschaft im amerikanischen Branchenverband AFPM aufgekündigt hat. Die Öl-Lobbygruppe unterstützt anders als Shell nicht die Beschlüsse der Pariser UN-Klimaschutzkonferenz zur CO2-Reduktion.

          Im Februar gab Shell die Übernahme des bayerischen Batterieherstellers Sonnen bekannt. In Großbritannien ist Shell als Versorgungsunternehmen aktiv und bietet Privathaushalten Strom aus erneuerbaren Energien an. Der Konzern investiert außerdem in Aufladestationen für Elektroautos an seinen Tankstellen.

          Aber auch andere europäische Ölkonzerne haben in den vergangenen Jahren damit begonnen, sich am Klimaschutz und Umbau des Energiesystems zu beteiligen. So haben auch die Shell-Wettbewerber BP und Total in Batteriehersteller investiert. Der italienische Eni-Konzern („Agip“) kündigte im März an, Geld für das Pflanzen von Wäldern bereitzustellen, um seine CO2-Bilanz zu verbessern – allerdings längst nicht so umfassend wie der Ölkonzern Shell.

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