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Notarzt über Scheuer-Vorschlag : „Die Unfallfolgen sind beim Motorradfahren häufig dramatischer“

Das Foto zeigt einen Motorrad-Unfall in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin. Notärzte warnen davor, das Fahren von leichten Motorrädern mit einem Auto-Führerschein zu erlauben. Bild: dpa

Notarzt Reifferscheid hält nichts von der Idee des Verkehrsministers, Motorradfahren nach ein paar Übungsstunden zu erlauben. Ein Gespräch über typische Verletzungen, die richtige Schutzkleidung – und ob er seinen Kindern das Motorradfahren verbietet.

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          Herr Reifferscheid, was halten Sie als Notarzt vom Vorschlag des Bundesverkehrsministers, das Fahren von leichten Motorrädern nach ein paar Übungsstunden zu erlauben?

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Ich halte nicht viel davon. Um gut Motorrad zu fahren, brauchen Sie Übung. Und für Motorradfahrer ist die Gefahr im Straßenverkehr schon jetzt höher, weil sie nun mal keine Knautschzone haben. Bundesverkehrsminister Scheuer will zwar die erlaubte Motorleistung begrenzen, aber 100 km/h können sie dann trotzdem fahren. Das reicht für sehr ernsthafte Verletzungen.

          Haben Sie einen Motorradführerschein?

          Nein.

          Warum nicht?

          Die Entscheidung ist gefallen, bevor ich Notarzt wurde. Aber als Notarzt habe ich natürlich schon viele Motorradunfälle gesehen, die nicht besonders glücklich ausgegangen sind. Ich will zwar niemandem grundsätzlich davon abraten, Motorrad zu fahren. Aber wenigstens eine fundierte Ausbildung muss sein.

          Dr. med. Florian Reifferscheid ist Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands und außerdem ärztlicher Leiter des Notarztdienstes am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

          Wie lange sind Sie schon Notarzt?

          Seit 13 Jahren.

          Mein Bruder ist jahrelang Motorrad gefahren, hat seine Maschine aber verkauft, kurz nachdem er Rettungssanitäter wurde und die Körper von toten Motorradfahrern gesehen hat. Können Sie das nachvollziehen?

          Ja! Nachdem man die ersten Motorradopfer vor sich liegen hatte, setzt man sich anders mit der Thematik auseinander. Allerdings: Wenn Sie alles unterlassen wollen, wo es fatale Unfälle geben kann, dürfen Sie eigentlich auch nicht mehr Fahrrad fahren.

          Gibt es typische Verletzungen, wenn ein Mensch mit dem Motorrad verunglückt ist?

          Es gibt Motorradfahrer, die nach einem Unfall zunächst unversehrt aussehen, aber trotzdem tot sind. Und es gibt welche, wo es zu Amputationen gekommen ist. Oft ist das dann im Bereich der unteren Extremitäten, also der Beine, der Unterschenkel oder der Füße. Es gibt aber natürlich auch Autofahrer, die nach einem Unfall, sagen wir mal verunstaltet sind.

          Kommt es auf dem Motorrad zu schlimmeren Verletzungen als im Auto?

          Es kommt wirklich darauf an, was passiert ist. Der Fahrradfahrer, der vom Bus erfasst wurde, sieht danach auch nicht gut aus. Trotzdem sind die Unfallfolgen beim Motorradfahren häufig dramatischer. Sie müssen keine 180 km/h fahren, um sich umzubringen, es reichen schon niedrigere Geschwindigkeiten, weil die Knautschzone fehlt.

          Worauf sollten Motorradfahrer achten?

          Auf alle Fälle sollten Sie sich eine vernünftige Schutzausrüstung kaufen, denn Sie fahren dann nicht in einem Auto mit Airbags. Kaufen Sie also eine gute Leder-Kombi, investieren Sie in Protektoren und einen ordentlichen Helm! Im Übrigen halte ich es für möglich, dass diejenigen, die bald ohne extra Prüfung Motorrad fahren dürfen, das mal eben nebenbei tun wollen und sich dann dafür keine vernünftige Ausrüstung kaufen.

          Sie haben selbst drei Kinder. Sollten Eltern Ihren Kindern das Motorradfahren verbieten?

          Ich habe mit meiner älteren Tochter schon übers Motorradfahren diskutiert. Ich habe mir vorgenommen, es ihr nicht zu verbieten – aber ich rate ihr nicht dazu.

          Was schlägt Verkehrsminister Scheuer konkret vor?

          Nach dem Entwurf des Bundesverkehrsministeriums von Ressortchef Andreas Scheuer (CSU) müssen die Fahrer, die ohne Motorradführerschein loslegen wollen, mindestens 25 Jahre alt sein, seit fünf Jahren einen Führerschein der Klasse B haben und eine „Fahrerschulung“ mit mindestens fünf 90-minütigen Fahrstunden absolvieren. Dann soll ihnen erlaubt werden, Krafträder der Klasse A1 mit einem Hubraum von bis zu 125 Kubikzentimetern und einer Motorleistung von nicht mehr als 11 Kilowatt zu fahren (15 PS).

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