https://www.faz.net/-gqe-a5bll

Neuer Vorstandschef : Ein „Nägelfresser“ für die Conti-Spitze

Nikolai Setzer Bild: dpa

Nikolai Setzer wird neuer Chef des Autozulieferers Continental. Er steht vor einer Mammutaufgabe – und dürfte diese nicht gerade zimperlich angehen.

          3 Min.

          Nikolai Setzer gilt im Continental-Konzern als Manager, der hart durchgreift. „Nägelfresser“ nennt ihn ein Kollege, der ihn lange kennt und seinen Werdegang genau verfolgt hat. Zuerst hatte Setzer das kriselnde Reifengeschäft in Amerika restrukturiert, später dann als Konzernvorstand die Reifensparte als Ganzes zum zuverlässigen Gewinnbringer gemacht.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Seit der Aufsichtsrat ihn im vergangenen Jahr zum Sprecher des neu geschaffenen Automotive Board ernannt hatte, galt er außerdem als Kronprinz für die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden Elmar Degenhart. Dieser hatte sich zuletzt mit einem Sparprogramm für Continental aufgerieben und war immer stärker in die Kritik von Gewerkschaften und Investoren geraten.

          Zum Ende des Monats hat Degenhart aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt erklärt. Daher ist jetzt der Weg für Setzer überraschend schnell frei geworden. Der Aufsichtsrat hat den 49 Jahre alten Familienvater und begeisterten Läufer am Donnerstag zum neuen Chef des Autozulieferers aus Hannover ernannt – wie von Unternehmenskennern zuvor erwartet worden war. Die Entscheidungsträger wussten, dass der Wirtschaftsingenieur Setzer, der sein ganzes Berufsleben im Konzern verbracht hat, Conti im Fall einer Niederlage wohl verlassen hätte. Den potentiellen Verlust eines Top-Managers wollte man offenbar nicht riskieren.

          Die Arbeitnehmervertreter hatten sich schon vor Tagen festgelegt. Der von Technologiewandel und Corona gebeutelte Konzern brauche jetzt eine Führungskraft an der Spitze, die „das Unternehmen sehr gut kennt und das Vertrauen aller Beteiligten genießt“, ließ sich der Vorsitzende Hasan Allak in einer Mitteilung zitieren, mit der er auf den plötzlichen Abgang Degenharts reagiert hatte. Auch wenn der Name nicht fiel, war damit eindeutig Setzer gemeint, den Allak und die anderen Betriebsräte als harten, aber fairen und zuverlässigen Gesprächspartner kennengelernt haben.

          Schaeffler stimmte schließlich zu

          Einen weiteren Austausch gab es nach F.A.Z.-Informationen in der vergangenen Woche auf einem Treffen, zu der die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat den Kandidaten eingeladen hatte. Neben den Gewerkschaften stand offenbar auch der Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hinter Setzer. Nun hat offenbar auch die fränkische Unternehmerfamilie Schaeffler ihr Placet gegeben, ohne deren Rückhalt niemand in die oberste Führungsriege von Conti rückt. Sie hält 46 Prozent der Aktien des Dax-Konzerns.

          Am liebsten sähe es die Arbeitnehmerseite, wenn der neue Chef einen Teil der Einschnitte zurücknähme oder abmilderte, die Degenhart zuletzt gestartet hatte. Mehr als eine Milliarde Euro soll Conti nach aktuellem Stand vom Jahr 2023 an sparen. Das Management schließt mehrere Werke oder richtet sie neu aus, wovon allein in Deutschland rund 13.000 Stellen betroffen sind, global etwa 30.000. Da der als Sanierer geltende Setzer wohl nicht davon abrücken wird, verlegen sich die im Konzern vertretenen Gewerkschaften IG Metall und IG BCE jetzt darauf, zumindest einer weiteren Verschärfung von vornherein den Riegel vorzuschieben.

          Conti solle sich bereit erklären, den Großteil des verbleibenden deutschen Reifen- und Maschinenbaugeschäfts „mit zusätzlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten“ zu stärken und dabei auch „Investitionen für die Modernisierung“ zuzusichern, heißt es etwa von der IG BCE. Es gehe um mehr als 20 Werke und 20.000 Beschäftigte in der Bundesrepublik. Im Gegenzug will die Gewerkschaft den Weg für Instrumente frei machen, mit denen Conti beispielsweise die Arbeitszeit kollektiv senken kann.

          Stellt sich Setzer gegen die Gewerkschaften?

          Ob Setzer sich gezwungen sieht, die Forderungen der Gewerkschaften in den Wind zu schlagen und noch stärker zu sparen, hängt auch von der weiteren Entwicklung der Corona-Krise ab. Während der Sommermonate hatte die Pandemie das Geschäft weniger stark gedämpft als befürchtet, was sich auch in den Zahlen für das dritte Quartal spiegelt, die der Konzern am Mittwoch im Detail präsentierte.

          Da das Virus aktuell wieder stark grassiert, dürfte der Druck auf die Märkte aber wieder steigen. Außerdem muss Setzer die Finanzmärkte zufriedenstellen, die Conti zunehmend als Sanierungsfall sehen und schnelle Korrekturen fordern. Degenhart hatte die Schwierigkeiten erkannt, aber mit seiner ruhigen und auf Ausgleich bedachten Art nicht schnell genug Konsequenzen gezogen. Setzer ist da anders. „Wenn der sagt: ,So machen wir’s‘, dann setzt er die Dinge konsequent und zügig um“, heißt es im Konzern. „Da kann er knallhart sein.“

          Setzers bisheriger Auftrag war es, die Automotive-Sparte zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Sie bündelt das Geschäft mit Bauteilen, elektronischen Systemen und Software und ist besonders hart von der Corona-Krise betroffen. Das gilt auch fürs dritte Quartal, in dem sie zwar wie das Reifengeschäft und die Antriebssparte Vitesco wieder mehr Rückenwind vom Markt bekam, mit ihrer Rendite aber weiter stark hinter den anderen Geschäftsteilen zurückblieb. Indem die Kosten sinken und verlustreiche Fabriken schließen, soll sich die Marge verbessern.

          Die weiteren Baustellen im Konzern sind zahlreich. Nachdem Conti bislang keine Möglichkeit gesehen hat, Vitesco erfolgreich abzuspalten, muss der neue Chef einen Weg finden, das für den Konzernumbau wichtige Projekt zu retten. Die verbleibenden Unternehmensteile soll er so umbauen, dass Software und Sensorik eine viel größere Rolle spielen. Dafür sind neue Partnerschaften nötig, auch in der Entwicklung von Roboterautos, in der Conti schneller vorankommen soll. Sofern Setzer gewählt wird, muss er schon bald erste Antworten geben. Anfang Dezember starten mehrere Gesprächsrunden für Investoren, deren Höhepunkt der Kapitalmarkttag am 16. Dezember sein soll. Branchenbeobachter und Anleger erwarten sich davon mehr Klarheit, wie Conti nach den vielen Katastrophenmeldungen der vergangenen Monate wieder mehr Tempo aufnehmen will.

          Weitere Themen

          Flixbus übernimmt „Greyhound“ Video-Seite öffnen

          Bekannte US-Fernbuslinie : Flixbus übernimmt „Greyhound“

          Flixmobility hat das US-amerikanische Busunternehmen Greyhound übernommen. Die GmbH mit Sitz in München teilte am Donnerstag mit, dass sie die Firma mit den ikonischen blau-silbernen Bussen für 46 Millionen Dollar von der britischen FirstGroup gekauft habe.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.