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Neues Hochgeschwindigkeitsnetz : Deutsche Bahn bringt Ägypten in Fahrt

Am Nil entlang: So soll die ägyptische Hochgeschwindigkeitsstrecke einmal aussehen. Bild: Siemens AG

Für einen Milliardenbetrag soll die DB den ersten Abschnitt einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke betreiben und instand halten. Die Chancen sind hoch, dass die Bahn am Nil pünktlicher ist als in Deutschland.

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          Die Deutsche Bahn (DB) hat in Ägypten einen internationalen Großauftrag an Land gezogen. Nach Indien und Toronto ist dies schon der dritte in diesem Jahr. Für einen Milliardenbetrag soll der deutsche Staatskonzern in den kommenden 15 Jahren den ersten Abschnitt einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke betreiben und instand halten. Einen entsprechenden Vertrag haben Vertreter der DB und Ägyptens auf der UN-Klimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich am Dienstag unterzeichnet.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, die DB International Operations (DB IO), wird damit das größte Bahnprojekt in der Geschichte Ägyptens übernehmen. Nach Angaben der Bahn ist es mit 2000 Streckenkilometern das sechstgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. Ein Konsortium um Siemens Mobility errichtet die Infrastruktur und liefert die Fahrzeuge für den Personenverkehr sowie Güterlokomotiven.

          Das bedeutet: In Ägypten werden bald Züge verkehren, die sehr an die deutschen ICEs erinnern: Hochgeschwindigkeitszüge des Siemens-Modells Velaro, die mit 230 Kilometern je Stunde unterwegs sind, allerdings auf einer völlig neuen Infrastruktur. Und das könnte im Vergleich zu Deutschland den entscheidenden Unterschied in der Pünktlichkeit machen: Für 12 Milliarden Euro baut Ägypten nämlich ein völlig neues Bahnnetz, erst von Ost nach West, dann den Nil entlang und schließlich ans Rote Meer.

          „Die ägyptische Regierung hat Großes vor“, sagt Niko Warbanoff im Gespräch mit der F.A.Z. Er ist Vorstandsvorsitzender der zuständigen DB-Tochtergesellschaft, der DB Eco Group. In einem Land mit einer stark wachsenden Bevölkerung und einem völlig überlasteten Straßenverkehr sollen die Menschen zunehmend in moderne Züge gelockt werden. „Die Ägypterinnen und Ägypter brauchen Infrastruktur, sie brauchen ein modernes Bahnsystem für das enorme Verkehrsaufkommen“, betont Warbanoff. Das spare Reisezeit – allein durch die Linie 1 soll sie sich für 30 Millionen Menschen halbieren – sowie klimaschädliche Emissionen.

          Ähnlich euphorisch wie die Bahn reagiert Siemens auf das Projekt. Die Münchner liefern 41 achtteilige Velaro-Hochgeschwindigkeitszüge, 94 vierteilige Desiro-Regionalzüge, 41 Vectron-Güterlokomotiven und Infrastruktureinrichtungen. Siemens-Mobility-Chef Michael Peter hatte sich im August im Gespräch mit der F.A.Z. stolz gezeigt, den großen chinesischen Rivalen CRRC im Wettbewerb um das Ägyptennetz ausgestochen zu haben. Für Siemens ist der Auftrag, der insgesamt mehr als 8 Milliarden Euro umfasst, laut Vorstandschef Roland Busch der größte in der Geschichte des Konzerns.

          Rechnungshof rügt Risiken

          Die Deutsche Bahn wiederum treibt mit dem Engagement am Nil ihr Auslandsgeschäft voran, für das sie nicht zuletzt vom Bundesrechnungshof schon heftig gerügt wurde. „Die Deutsche Bahn hat ihr Kerngeschäft der Eisenbahn in Deutschland zunehmend aus den Augen verloren“, heißt es in einem Bericht vom März. Statt einen „stabilisierenden Beitrag“ für die Finanzen zu leisten, bewirkten diese Tätigkeiten das Gegenteil: Die Risiken dieser Auslandstätigkeit könnten sich zulasten des Bundes auswirken, der als Alleingesellschafter mittelbar am Auslandsgeschäft beteiligt ist.

          Tatsächlich war die Bahn auch schon vor Ägypten in erheblichem Umfang jenseits der Grenzen aktiv. Dies zeigt sich in erster Linie in den beiden großen Tochtergesellschaften DB Schenker (internationale Logistik) und DB Arriva (europäische Bahn- und Busverkehre). Die beiden Bereiche tragen deutlich mehr als die Hälfte zum Gesamtumsatz des Konzerns bei, der eigentliche Zugverkehr in Deutschland spielt geschäftlich nur eine Nebenrolle. Das breite internationale Portfolio der DB spiegelt sich schwarz auf weiß im Geschäftsbericht auf sieben dicht beschriebenen Seiten. Hier reichen die Beteiligungen von Irland bis Uruguay und von Saudi-Arabien bis Singapur.

          Dass die Deutsche Bahn in ihrem Heimatland ihr Kerngeschäft „aus den Augen verloren habe“, wie es der Bundesrechnungshof formuliert, könnten womöglich auch Millionen Bahnkunden so sehen. Sie hatten in den vergangenen Sommermonaten darunter zu leiden, dass die Züge so unpünktlich sind wie niemals zuvor. Die Pünktlichkeitswerte sanken erstmals unter die Marke von 60 Prozent. Der Schienenverkehr in Deutschland gilt als stark überlastet. Derzeit fahren so viele Züge wie nie auf den Strecken, außerdem machen viele Baustellen der Bahn zu schaffen.

          Die Bahn sieht den Auftrag als Chance

          Der Staatskonzern sieht den neuen Auftrag nicht als Belastung, sondern als große Chance, international weiter zu wachsen. Das zeigt sich auch im Aufbau der Tochtergesellschaft. Von derzeit 7000 Mitarbeitern will sie sich in den kommenden Jahren auf 10.000 Mitarbeiter vergrößern. Das Geschäftsmodell, das man mit Aufträgen wie in Ägypten verfolge, sei relativ risikoarm, versichert Bahnmanager Warbanoff. „Wir investieren weder in die Infrastruktur und Fahrzeuge, noch sind wir von den Ticketerlösen abhängig.“ Der Technologietransfer sei auch für die Arbeit in Deutschland wichtig: „Einige Technologien können wir zum ersten Mal dort einsetzen und dann für die starke Schiene in Deutschland nutzen.“ Zudem würden die erwirtschafteten Gewinne in Deutschland reinvestiert. Die Bundesregierung jedenfalls habe das Vorhaben unterstützt.

          Die erste Linie des Verkehrsnetzes wird von 2025 an die Metropolregionen Kairo, New Administrative Capital und Alexandria verbinden. Mit zwei weiteren Strecken und 60 Stationen werden Kairo und Abu Simbel sowie Luxor mit Hurghada am Roten Meer erschlossen. Am Ende sollen 90 Prozent der ägyptischen Bevölkerung Zugang zum neuen Netz haben. Ein Auftrag, der ebenfalls für Wirbel sorgte, kam in diesem Jahr zudem aus der kanadischen Metropole Toronto. Dort soll die Bahn den Regionalverkehr übernehmen. Mit einem Auftragsvolumen im zweistelligen Milliardenbereich ist dies sogar der größte Auslandsvertrag bisher.

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