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Neue Vorwürfe gegen Audi : In Ingolstadt brennt es lichterloh

Rupert Stadler Bild: AFP

Audi-Chef Rupert Stadler gerät wegen neuer Vorwürfe im Abgasskandal immer stärker unter Druck. Trotzdem darf er weitermachen. Schuld sind immer andere. Diesmal ist es der Verkehrsminister.

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          Auf dem Prüfstand geben die Audi-Modelle der Baureihen A8 und A7 kein schlechtes Bild ab. Die Luxuslimousinen aus Ingolstadt besitzen eine Software, die den Grad von Lenkbewegungen erkennt und nur bei kleinen Bewegungen die Abgas-Reinigungssysteme anschaltet. Sobald das Lenkrad jedoch mehr als 15 Grad eingeschlagen wird, wie im realen Straßenverkehr, dann erhöht sich der Ausstoß von gesundheitsschädigendem Stickoxid. Der Abgasausstoß verdoppelt sich gar, erläuterte jetzt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) einer verdutzten Öffentlichkeit.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In den Vereinigten Staaten ist Audi mit dem Lenkradtrick schon vor einem Jahr aufgefallen, musste einräumen, eine verbotene Software zur Abgasreinigung verwendet zu haben – und zahlte dafür mehr als eine Milliarde Dollar Strafe. In wenigen Wochen wird die Vorzeigemarke des Volkswagen-Konzerns auch in Deutschland einige Dieselautos in die Werkstätten zurückrufen, immerhin 24.000 Fahrzeuge der Jahre 2010 bis 2013.

          Verantwortlich für das Dieseldesaster ist Rupert Stadler. Das Verhaltensmuster des Vorstandsvorsitzenden ist so auffällig wie die Lenkwinkelerkennung der Audimodelle: Bloß nicht zu viel bewegen, immer nur ein bisschen zugeben. Und erst wenn die Ausschläge für alle unübersehbar sind, dann kann man immer noch behaupten, es sei keine schlechte Absicht gewesen. Auch am Freitag, als der Skandal ein neues Ausmaß erreichte, blieb es dabei. Audi gab eine Erklärung heraus, die sich las wie ein harmloser Rückruf, und in der das Unternehmen offenkundig wert auf die Feststellung legte, die „Auffälligkeiten“ selbst festgestellt zu haben. Nebenbei bemerkte ein Unternehmenssprecher, dass es sich „nicht um eine unzulässige Abschalteinrichtung“ handele. Und Stadler kritisierte den Verkehrsminister. „Dass Herr Dobrindt allein vorprescht, hat mich persönlich sehr enttäuscht“, sagte er in einem Interview mit der Branchenzeitung „Automobilwoche“.

          In Ingolstadt brennt es lichterloh

          Dabei brennt es in Ingolstadt auch ohne die neuen Vorwürfe aus der Politik lichterloh. Überall im Konzern laufen die Untersuchungen, werden Mitarbeiter verhört, sind ganze Abteilungen verunsichert. Besonders verheerend verlief der Tag der Bilanzpressekonferenz Mitte März. Da waren neben all den Journalisten auch rund 100 Ermittler der Staatsanwaltschaft angerückt. Sie durchsuchten die Büros an den Audi-Standorten in Ingolstadt und Neckarsulm sowie Privatwohnungen von Audi-Mitarbeitern. Die Strafverfolger ermitteln wegen des Verdachts auf Betrug, und seit Freitag blicken sie nun zusätzlich auf die Fahrzeugverkäufe in Deutschland und Europa.

          Nach dem Manipulationsskandal befindet sich VW in der tiefsten Krise des Unternehmens. Öffnen
          Volkswagen-Chronik : Vom sauberen Auto zum schmutzigen Skandal Bild: AFP

          Stadler will von den dubiosen Vorgängen im eigenen Konzern nichts gewusst haben. Lange leugnete er, dass die Selbstzünder von Audi ebenfalls manipuliert wurden und wie die VW-Motoren viel mehr Abgase in die Luft pusteten als angepriesen. Schon im Herbst 2015, als die amerikanische Regierung die Abgasaffäre um Volkswagen publik machte, stand auch Audi unter Verdacht. Doch Stadler bestritt vehement, dass sein Unternehmen damit auch nur am Rande zu tun habe. Vorsorglich stellte man Strafanzeige gegen unbekannt, wegen „sämtlicher nach deutschem Strafrecht in Betracht kommender Delikte“. Dann sickerten immer neue Einzelheiten durch, kamen immer neue Ungereimtheiten heraus. Und am Ende steht Audi nicht anders da als Volkswagen – mit dem Unterschied, dass Stadler noch im Amt ist, während sein langjähriger Weggefährte Martin Winterkorn als VW-Chef die politische Verantwortung übernommen hat.

          „Ich habe meine Leute gefragt, ob wir sauber sind“

          Stadler ist Betriebswirt. Zu seiner Verteidigung erklärte er einmal, er habe sich bei seinen Ingenieuren stets rückversichert: „Ich habe meine Leute gefragt, ob wir sauber sind“, und die hätten ja gesagt, erzählte er den Anwälten der vom Konzern beauftragten Anwaltskanzlei Jones Day. Die Sprache der Techniker ist eben nicht die Sprache des Kaufmanns. Und der Mann an der Spitze von Audi ist, so die Lesart, von seinen Angestellten dreist belogen worden. Stadler blieb im Amt, zwei Entwicklungsvorstände mussten gehen. Ulrich Weiß, der ehemalige Chef der Motorenentwicklung, hat Stadler allerdings schwer belastet. Jones Day soll bisher keine Verdachtsmomente gegen den Audi-Chef gefunden haben, heißt es bei Volkswagen.

          Stadler hat von Anfang an als Krisenmanager versagt. Der 54 Jahre alte Manager, der einst das Büro des gefallenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch geleitet hat, schien sich gar in der Rolle des Aufklärers zu gefallen. Dabei muss er einen Skandal bewältigen, der unter seiner Regie entstanden ist. Inzwischen sieht der grauhaarige, aber irgendwie noch jugendlich wirkende Stadler deutlich mitgenommen aus, erzählen Audianer. Mehrfach musste er vor dem VW-Aufsichtsrat und auch Konzernchef Matthias Müller antreten. Aber jedes Mal erhielt er die Rückendeckung der Gremien.

          Müller ist auch Aufsichtsratsvorsitzender von Audi. Und als solcher verlängerte er Stadlers Vertrag vor kurzem gar um weitere fünf Jahre bis Anfang 2023. Stadler wiederum ist auch Mitglied des VW-Konzernvorstandes. Auf der VW-Hauptversammlung vor zwei Wochen war Stadler wie die anderen VW-Vorstände mit mehr als 90 Prozent Zustimmung entlastet worden. Im VW-Konzern halten sie offenbar alle zusammen, komme was wolle. Eine kleine Lenkbewegung wird doch nicht Europas größten Autokonzern und seine Führung vom Kurs abbringen.

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