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Nach Standorteinigung : Neue Sorgen um Opel in Rüsselsheim

Opel-Stammwerk in Rüsselsheim: Nicht für jeden Mitarbeiter geht es weiter. Bild: dpa

Nach Monaten des Ringens hat sich Opel mit den Arbeitnehmervertretern geeinigt. Gewerkschaftsvertreter fürchten trotz dessen weitere Einschnitte. Eine Entscheidung könnte schnell fallen.

          Vor knapp einem Jahr hatte sich der Autohersteller Opel nach monatelangem Ringen mit den deutschen Arbeitnehmervertretern im Kern geeinigt, wie die Standorte in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach gesichert werden sollen. Die Arbeitnehmer erklärten sich mit einem Stellenabbau über freiwillige Abfindungen, Altersteilzeit und Vorruhestand einverstanden. 3700 der zuletzt rund 19.000 in Deutschland angestellten Opel-Mitarbeiter werden noch oder haben das Unternehmen schon auf diese Weise verlassen.

          Im Gegenzug sagten Opel und dessen Eigentümer, der französische Autokonzern PSA Peugeot Citroën, in einem „Zukunftstarifvertrag“ zu, in die Standorte zu investieren und vor allem den Kündigungsschutz bis Ende Juni 2023 zu achten. Im Falle des Stammwerks in Rüsselsheim ist jedoch bis heute unklar, welches zweite Auto die rund 3000 Mitarbeiter künftig fertigen werden. Noch laufen in Rüsselsheim die Mittelklasse-Limousine Insignia sowie der Zafira-Van vom Band. Doch die Zafira-Produktion wird schon bald eingestellt. Deshalb melden sich nun, wie schon so oft seit der Opel-Übernahme durch PSA im Jahr 2017, die Arbeitnehmervertreter besorgt zu Wort.

          Vor kurzem haben die Vertrauensleute der Industriegewerkschaft Metall in Rüsselsheim ein Flugblatt verteilt und sich darin mit kernigen Worten gegen angebliche Pläne von Opel gestellt. „Ungebrochen. Ungebeugt. Wir sind Werk – wir sind Opel“, ist die Informationsschrift an die Mitarbeiter überschrieben. Der IG Metall zufolge hat die Geschäftsleitung die Absicht, die Fertigungskapazität im Fahrzeugwerk um ein Drittel zu reduzieren, von 60 auf 40 Autos in der Stunde: „Diese Schrumpfungsstrategie für das Stammwerk Rüsselsheim akzeptieren wir nicht. Sie ist betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll.“ Zudem sehe der Zukunftstarifvertrag Investitionen in den Bestand und den Erhalt des Betriebes vor, heißt es in dem Flugblatt weiter: „Eine Schrumpfung des Werks wird Geist und Inhalt des Tarifvertrags nicht gerecht.“

          Kein Statement zu Produktionsreduzierungen

          Opel äußert sich nicht zu möglichen Produktionsreduzierungen in Rüsselsheim. Das Unternehmen kommentiere keine Spekulationen, teilte ein Sprecher mit. „Grundsätzlich gilt: Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit und Auslastung unserer Werke weiter verbessern, dies gilt natürlich auch für Rüsselsheim.“ Um das Ziel zu erreichen, setze Opel darauf, profitable Modelle auf Produktionsplattformen des französischen Eigentümers PSA zu fertigen.

          Hintergrund der unbestätigten Produktionsreduzierung ist die Umstellung der Rüsselsheimer Fertigung auf Technik des Eigentümers PSA. Um die PSA-Produktionsplattform in Rüsselsheim aufzubauen, müssen womöglich Maschinen ausgetauscht und vor allem Mitarbeiter umgeschult werden. Zudem dauert es einige Monate, bis eine neue Produktionslinie läuft. Die Arbeitnehmervertreter fürchten nun, dass diese bei Modellwechseln übliche sogenannte Einrüstung zu Einschnitten und möglicherweise auch zu einem weiteren Arbeitsplatzabbau führen könnte. „Wir werden im Zusammenhang mit dieser Einrüstung keine Verhandlungen mit der Geschäftsleitung über weitere Entgeltzugeständnisse führen.“ Eine Veränderung der Arbeitsorganisation dürfe nicht „auf die Knochen der Menschen gehen“ und müsse unter Einbeziehung der Belegschaft verhandelt werden. Zudem müsse die Zeit bis zum Anlauf eines neuen zweiten Modells in Rüsselsheim mit Kurzarbeit überbrückt werden, wobei die Lohnausfälle aus Beiträgen der Arbeitslosenversicherung finanziert werden würden. Die Opel-Vertrauensleute sehen darin eine „Brückenlösung bis zum Anlauf des zweiten Modells“, wie es im Flugblatt heißt. Nicht akzeptabel sei dagegen, „wenn die Geschäftsleitung weiteren Personalabbau ohne Ersatz oder Wiederbesetzung mit Stamm-Kollegen fordern wird“. Augenscheinlich geht in Rüsselsheim die Angst um, dass PSA und Opel bisherige Festangestellte durch Leiharbeiter ersetzen könnten.

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          Derweil könnte nach Informationen der „Allgemeinen Zeitung“ aus Mainz das bisher nicht bekannte zweite Modell in Rüsselsheim ein alter Bekannter werden. Demnach soll ein Teil der Produktion des Kompaktwagens Astra aus dem polnischen Opel-Werk in Gliwice wieder nach Rüsselsheim verlagert werden und dann vom übernächsten Jahr an vom Band rollen. Die Astra-Produktion in Rüsselsheim war im Jahr 2015 ausgelaufen.

          Ob es so kommt, dürfte sich schon bald entscheiden, wenn die Parteien abermals darüber reden, wie der vor einem Jahr geschlossene Zukunftstarifvertrag ausgestaltet werden soll. Dem Vernehmen nach wollen Opel, die Arbeitnehmervertreter und die Mitglieder der IG Metall in der Tarifkommission innerhalb der nächsten zwei Wochen über die Zukunft im Werk in Rüsselsheim diskutieren. Eine Entscheidung könnte schnell fallen, hieß es in der vergangenen Woche. Ein erstes Treffen soll noch im Laufe dieser Woche angesetzt sein.

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