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Made in Germany : Der Generalverdacht

Haben bisher viel Reputation genossen: Produkte mit dem Gütesiegel „Made in Germany“ Bild: AP

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte hat nicht nur Folgen für Volkswagen. Die Autoindustrie fürchtet, in Sippenhaft genommen zu werden. „Made in Germany“ steht auf dem Spiel.

          Die Dame am Empfang trägt Dirndl, der Verkäufer hinter dem Tresen Lederhosen. In München ist Oktoberfest, und das VW-Autohaus feiert mit, als wäre nichts gewesen. An diesem Samstag wird der neue Touran vorgestellt, und der Händler im Münchner Westen verspricht seinen Kunden ein „Schmankerl“: Den neuen Kompaktvan soll es mit einem „ganz besonderen Wiesn-Special“ geben, einem „Maß-Bier-Paket“, das einen Tankgutschein über 1000 Euro enthält. Und mit etwas Glück, sagt der Verkäufer, kann man einen Touran gewinnen. Noch ist das neue Auto unter einem weißen Leinentuch verdeckt, und die Hinweistafel verrät nichts über die Motorisierung.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ob Diesel oder Benziner, Energieeffizienzklasse A, B oder C, grüner, gelber oder roter Balken – interessiert es den VW-Kunden wirklich? Und die Tatsache, dass VW elf Millionen Autos mit Dieselmotoren bestückt hat, die von einer manipulativen Software gesteuert werden? Gibt es diesen Betrug wirklich nur bei VW, oder sind die Selbstzünder überall viel dreckiger und umweltbelastender, als alle deutschen Hersteller behaupten? Vermutlich hofft nicht nur der Händler in München, dass solche Fragen an diesem Samstag nicht gestellt werden; dass beim neuen Touran die Versprechen des Hochglanzprospektes, die „durchgehenden Glasflächen“, das „großzügige Platzangebot mit Agilität versprechender Kompaktheit“ und die „sportlich-eleganten LED-Hauptscheinwerfer“ eine größere Rolle spielen als Kraftstoffverbrauchswerte, die innerorts, außerorts und kombiniert ausgewiesen werden – und denen der Kunde in Zeiten niedriger Kraftstoffpreise ohnehin nicht viel Beachtung schenkt.

          Zehn Jahre nach der schmuddeligen Affäre um Schmiergelder, Vergnügungsreisen und Sexpartys auf Firmenkosten wird VW wieder von einem schlimmen Skandal erschüttert. Damals geriet das „System VW“ in Verruf, jener Sonderweg mit Viertagewoche und einer Kohabitation von Management und Betriebsrat, der in der Sackgasse endete. Heute geht es um das Auto, um einen Betrug am Kunden. Das wiegt ungleich schwerer. Der Kollateralschaden wird in die Milliarden gehen. Strafanzeigen, Strafverfahren, Schadenersatz für Autofahrer und Aktionäre.

          Genaugenommen sind bislang ältere Modelle des Vierzylinder-Motors mit Direkteinspritzung und Turboaufladung (TDI) betroffen, die nach der Emissionseinstufung EU 5 zertifiziert wurden. Der Motor, der werksintern auf das Kürzel EA189 hört, wurde seit 2007 in vielen Modellen des Konzerns verbaut, im VW Golf wie im Passat, im Audi A1 wie im A4. Alle neueren Motoren erfüllten die gesetzlichen Anforderungen und Umweltnormen, teilte VW mit, sie seien also nicht betroffen. Doch das ist Nebensache.

          Rein technisch gesehen, mag der VW-Skandal auf die Autos aus Wolfsburg beschränkt sein. Er wird den Konzern mit seinen zwölf Marken, 120 Fabriken und 600.000 Mitarbeitern in aller Welt gewiss teuer zu stehen kommen. Die Welle der Empörung schlägt jedoch höher. Sie erreicht die gesamte Autoindustrie und mit ihr die größten und angesehensten Unternehmen Deutschlands. Da kann der Autozulieferer Bosch, der die Technik zur Abgasnachbehandlung beherrscht, die Verantwortung auf VW abwälzen. Da kann der Wettbewerber BMW sagen, das eigene Unternehmen habe nicht manipuliert, und doch reicht ein spekulativer Magazinbericht, um die BMW-Aktie und mit ihr sämtliche anderen Auto-Titel an einem Tag auf Talfahrt zu schicken. Die deutsche Autoindustrie weiß, dass ihre Reputation auf dem Spiel steht.

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