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Vereinbarungen gekündigt : Kündigungen von Lufthansa-Piloten drohen

Streitpunkt: Auf wie vielen Lufthansa-Flugzeugen steht künftig noch Lufthansa? Bild: Albermann, Martin

Eskalation bei der Lufthansa: Konzern und Gewerkschaft können sich nicht auf einen neuen Krisenpakt einigen und kündigen Vereinbarungen. Im Frühjahr drohen Kündigungen – und im Sommer möglicherweise Streiks.

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          Zwischen der Deutschen Lufthansa und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sind die Gespräche über einen neuen Corona-Krisenpakt festgefahren. Beide Seiten verkündeten zum Ende der Woche das Aus von Vereinbarungen. Die VC bezeichnete es am Freitag als „zum jetzigen Zeitpunkt völlig falsches Signal“, dass der Konzern einseitig einen Pakt aus dem Jahr 2017 aufgekündigt habe.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dieser Perspektiv-Vereinbarung war festgeschrieben, dass im Kernkonzern mindestens 325 Flugzeuge betrieben werden, was 5000 Piloten den Arbeitsplatz sicherte. Die VC kündigte daraufhin ihrerseits den Vergütungstarifvertrag für Piloten zum 30. Juni 2022. VC-Präsident Stefan Herth warf dem Konzern vor, mit den Piloten nun gerade die Beschäftigtengruppe unter Druck zu setzen, die während der Pandemie durch finanzielle Zugeständnisse den größten Krisenbeitrag geleistet habe. Allerdings verdienen Piloten auch mehr als Flugbegleiter oder Bodenpersonal.

          Piloten beklagen Lufthansas „Begehrlichkeit“

          „Die Piloten haben sich in großer Verbundenheit zum Unternehmen zu Einsicht und großen Einschnitten bereit erklärt“, sagt Herth. Er warf Lufthansa zu weitgehende Forderungen für einen neuen Krisenpakt vor: „Die Begehrlichkeit einer Verstetigung dieser absenkten Bedingungen über die Krise hinaus erfährt seitens der VC eine klare Ablehnung.“

          Seit Monaten verhandeln Lufthansa und Piloten ergebnislos über eine Anschlussvereinbarung für den bisherigen Krisenpakt, der Ende März ausläuft. Mit den anderen Berufsgruppen – Flugbegleiter und Bodenpersonal – ist der Konzern sich schon länger einig. Und eigentlich sollte bis zum Jahresende auch mit den Piloten eine Lösung gefunden sein. Die erscheint nun unwahrscheinlicher. Findet man nicht zu einer Einigung sind mit dem Auslaufen des Vergütungstarifvertrags im Sommer Pilotenstreiks möglich.

          Konzern: Können Zusage nicht aufrechterhalten

          Lufthansa beteuert, dass die Verhandlungen nicht gescheitert seien. Zum Aus der Vereinbarung, die die Beschäftigung von Piloten in mindestens 325 Flugzeugen zu Konzerntarifkonditionen sicherstellt, sagte ein Konzernsprecher: „Die Flottenzusage haben wir nun gekündigt, weil wir diese nicht aufrechterhalten können. Absehbar wird es weniger Nachfrage geben.“

          LUFTHANSA

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          Die Lufthansa-Flotte mit dem Kranichlogo am Heck schrumpft. Die VC hatte in der Vergangenheit aber beklagt, dass unter der Marke Eurowings Discover für Urlauberflüge und im Joint-Venture AeroLogic für Frachtflüge, an dem Lufthansa 50 Prozent hält, Kapazitäten außerhalb des Konzerntarifs aufgebaut werden.

          Vor allem Germanwings-Piloten droht die Kündigung

          Damit ein Personalüberhang in einem nach der Pandemie geschrumpften Lufthansa-Konzern nicht zu Entlassungen führt, hatte der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr mehrfach gefordert, über Teilzeitvereinbarungen betriebsbedingte Kündigungen abzuwenden. Bis zu 600 der 5000 Piloten sollen nach früheren Angaben überzählig sein. Die VC beteuert, Vorschläge unterbreitet zu haben. Einig wurde man sich aber bis jetzt nicht.

          Akut vor einer Kündigung bedroht sind nun Piloten der Tochtergesellschaft Germanwings. Deren Betrieb hatte Lufthansa in der Pandemie schon eingestellt. Das geschah zwar wegen der Corona-Krise vorzeitig, geplant war es in der Konzernstrategie ohnehin. Sofern es nun keine Einigung über die Konditionen für einen Wechsel der knapp 400 Germanwings-Piloten zu anderen Betriebseinheiten gibt, sind von April an Kündigungen möglich.

          Sozialplangespräche hatten auch dort in den Streit geführt. Wie das Magazin „Der Spiegel“ meldete, kassierten die Piloten zudem eine Schlappe. Nach einem Spruch der angerufenen Einigungsstelle bekommen Germanwings-Piloten, die den Konzern verlassen, keine Abfindung. Unter anderem für Eurowings Discover wurden derweil Piloten gesucht, allerdings zu schlechteren Konditionen. Bei Arbeitnehmervertretern stieß das nie auf Gegenliebe, Lufthansa verweist hingegen darauf, dass ein Teil der Beschäftigten dennoch die neuen Stellen angenommen habe.

          Lufthansa will die Chance auf eine nun zügige Übereinkunft noch in diesem Jahr nicht verloren geben. Den Piloten teilte man mit, dass 2022 „mit zu vielen offenen Fragen“ zu beginnen drohe. VC-Präsident Herth erwiderte aber darauf: „Wir erwarten einen kreativen Verhandlungspartner, der von völlig falschen Signalen an den verantwortungsvollen Tarifpartner VC zukünftig ablässt und sich auf fortschrittliche Vereinbarungen einlässt."

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