https://www.faz.net/-gqe-9lo6o

Von Montag an : London führt hohe Abgas-Maut ein

Verkehr in der Bermondsey Street in London Bild: dpa

Besser als ein Fahrverbot? Wer ab Montag in die Londoner Innenstadt fahren will, muss eine hohe Gebühr zahlen – es sei denn, er fährt ein emissionsarmes Auto.

          3 Min.

          Während in deutschen Großstädten reihenweise Diesel-Fahrverbote drohen, setzt Europas größte Metropole auf einen anderen Weg, um für bessere Luft zu sorgen. An den Straßenrändern der Londoner Innenstadt sind in den vergangenen Monaten Hunderte neue Schilder montiert worden. Die roten Tafeln weisen die Verkehrsteilnehmer darauf hin, dass sie den Bereich der „Ultra Low Emission Zone“  erreichen. Autofahrer, die innerhalb dieser Luftreinhaltungszone unterwegs sind, müssen ab Montag insgesamt 24 Pfund (27,90 Euro) am Tag bezahlen – jedenfalls dann, wenn sie in einem als emissionsintensiv eingestuften Fahrzeug sitzen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat die City-Maut für bessere Luft im vergangenen Sommer angekündigt, um die hohe Konzentrationen gesundheitsschädlicher Stickoxide in der Luft zu verringern. Die neue Abgabe wird nach Angaben des kommunalen Verkehrsbetreibers Transport for London voraussichtlich rund 2,5 Millionen Autos und Lieferwagen, die in der Innenstadt unterwegs sind, treffen. Zur Kasse gebeten werden Fahrer, deren Autos und Kleinlaster nicht die Schadstoffstandards Euro 4 (Benziner) der Euro 6 (Diesel) erfüllen. 

          Die Gebühr beträgt für Autos und Lieferwagen 12,50 Pfund an allen Wochentagen und rund um die Uhr. Sie wird zusätzlich zur bestehenden Innenstadt-Maut („congestion charge“) von 11,50 Pfund erhoben, die es in London bereits seit dem Jahr 2003 gibt, und die vor allem Staus in der Innenstadt bekämpfen soll. Schätzungen zufolge wird die Luftreinhaltungsmaut dem chronisch klammen Verkehrsbetreiber Transport for London, der unter anderem für die U-Bahn in der britischen Hauptstadt zuständig ist, jährliche Einnahmen von 700 Millionen bis 1,5 Milliarden Pfund bringen.

          „Mautsysteme sind viel effizienter als Fahrverbote“

          Wäre die City-Maut nach dem Vorbild Londons auch in deutschen Großstädten sinnvoll? Wirtschaftsforscher halten sie jedenfalls für besser, als Dieselfahrer komplett auszusperren, wie das hierzulande vorgesehen ist. „Mautsysteme sind ein sehr viel effizienteres Instrument als Fahrverbote“, sagt der Kölner Ökonom Axel Ockenfels der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aus Sicht der Autofahrer wären sie das kleinere Übel: „Ökonomisch betrachtet, sind nämlich Fahrverbote letztlich auch Mautpreise, nur eben prohibitiv hohe“, argumentiert der Wirtschaftsprofessor, der sich in seiner Forschung mit der optimalen Gestaltung von Märkten (Marktdesign) befasst.

          In London gibt es allerdings auch Kritik an der neuen Abgasgebühr. Diese könne zu gewalttätigen Protesten wie die der „Gelbwesten“ in Frankreich führen, befürchtet Gareth Bacon, Fraktionschef der Konservativen in der Londoner Stadtversammlung. Die Abgabe sei unfair, weil sie Geringverdiener besonders hart treffe.  Auch die Unruhen in Frankreich haben sich an höheren Abgaben für Autofahrer aus Umweltschutzgründen entzündet.

          Londons Bürgermeister Khan verteidigt die neue Abgasmaut hingegen. Die Luft in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt sei so schlecht, dass „mutiges Handeln“ gefordert sei. In der Hauptstadt liegen die Stickoxid-Emissionen regelmäßig über dem gesetzlichen Limit. Der Bürgermeister will die Maut in den kommenden Jahren sogar deutlich ausweiten: Bisher wird sie nur in einem relativ kleinen Teil des Stadtgebiets mit rund 21 Quadratkilometern Fläche erhoben. Bis zum Jahr 2021 soll der Radius der Luftreinhaltungszone schrittweise stark vergrößert werden.

          Am Anfang wohl heftiger Widerstand

          Erhoben werden Mautgebühren für Autos in London schon heute vollautomatisch: Die Nummernschilder der Fahrzeuge werden von am Straßenrand montierten Kameras gelesen. Säumige Zahler bekommen eine happige Strafe aufgebrummt. Ähnliche Gebührensysteme gibt es auch in anderen Großstädten wie Mailand, Singapur und Stockholm. „Anfänglich stößt die Einführung einer City-Maut in der Bevölkerung zwar fast immer auf heftigen Widerstand“, sagt der Kölner Ökonom Ockenfels. „Aber die Erfahrungen zeigen auch, dass eine Mehrheit der Menschen oft ihre Meinung ändert und diese Abgaben unterstützt, wenn sie erst einmal eingeführt sind und die Vorteile sichtbar werden.“

          In London gilt zumindest die bisherige niedrigere Maut mittlerweile als Erfolg. Nach der Einführung vor 16 Jahren gab es deutlich weniger Verkehrsaufkommen und Staus. Der Wirtschaftsforscher Ockenfels empfiehlt allerdings eine Differenzierung der Preise: „Pauschale Abgaben wie die in London sind nicht optimal. Ökonomisch sinnvoller wäre eine flexible Bepreisung“, sagt er. Wer in der Hauptverkehrszeit in die Innenstadt fährt, zahlt mehr als zu anderen Tageszeiten. Wenn ein solches „intelligentes Mautsystem“ richtig konzipiert werde, könnten mit relativ geringen Eingriffen Staus sogar komplett vermieden werden, glaubt Ockenfels.

          Weitere Themen

          Eine Batterie für alles!

          FAZ Plus Artikel: Zukunft der Menschheit : Eine Batterie für alles!

          Mit einem Handy fing alles an, inzwischen geben Autohersteller jährlich dutzende Milliarden dafür aus: Lithium-Ionen-Akkus treiben heute zahllose Geräte an. Die größte Zeit der Batterien steht aber noch bevor.

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bestens gefüllt – auch am Wochenende: Das britische Parlament am „Super Saturday“.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung will Brexit-Verschiebung beantragen

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.
          Die „People’s Vote“- Bewegung verlangt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

          Protestmarsch in London : „Wir wurden von Anfang an belogen“

          Zum „Super Saturday“ sind auch Hunderttausende Demonstranten nach London gekommen. Viele fühlen sich belogen, wollen Boris Johnson die Zukunft nicht anvertrauen – sondern selbst ein zweites Mal abstimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.