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IAA nicht mehr in Frankfurt : Die Autobranche macht es sich zu einfach

  • -Aktualisiert am

Liegt die Zukunft der Automesse draußen in der Stadt? Derlei soll besser wirken als zwischen adretten Models eingerahmte Hochglanzkarossen in überhitzten Messehallen. Bild: Helmut Fricke

Die IAA zu verlagern, könnte der Anfang vom Ende sein. Automessen sind überall unter Druck.

          3 Min.

          Frankfurt hat nach 69 Jahren die IAA verloren, das ist ein Schlag. Ein Schlag für das Ansehen der Mainmetropole und ein Verlust an Wirtschaftskraft. Der die Internationale Automobilausstellung ausrichtende Verband der Autoindustrie VDA, einst heimisch am Main und dann in die neue Hauptstadt gezogen, hat sich entschieden, die Leitmesse der deutschen Schlüsselindustrie künftig in Berlin, Hamburg oder München stattfinden zu lassen. Leicht sind Schuldige ausgemacht, eine hochmütig gewordene Frankfurter Messegesellschaft, vor allem aber ein dümmlich handelnder Oberbürgermeister. Gegen Peter Feldmann Groll zu richten, fällt leicht, in der Awo-Affäre wie im IAA-Debakel spielt er eine unrühmliche Rolle. Doch so einfach darf es sich die Autobranche nicht machen. Sie benimmt sich wie ein unter Mitgliederschwund leidender Altherrenclub, dem nichts besseres einfällt, als einen Scherbenhaufen als Neuanfang zu verkaufen.

          Schon 2017 las Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der IAA den Führungskräften die Leviten. Nach dem VW-Diesel-Betrug herrschte Sprach- und Planlosigkeit. Konzertierte Aktionen zur Rückgewinnung von Vertrauen blieben aus, die Anti-Auto-Fraktion bekam immer mehr Rückenwind. Nie hätte es die für Freiheit, Innovationskraft und Wohlstand stehende Branche zulassen dürfen, dass die Deutsche Umwelthilfe mit skandalösen Verdrehungen zum Robin Hood der dem Auto angeblich lebensbedrohlich ausgesetzten Bevölkerung werden konnte.

          Auf dem (bisherigen) Höhepunkt der Anklagewelle fand denn die IAA 2019 statt, ein paar Demonstranten und medial geschickt lancierter Widerstand genügten, um die Messe zu ruinieren. Statt zuvor stets 800.000 bis 900.000 Besucher kamen nur 560.000, womit die Ausstellung freilich noch immer die publikumsstärkste war. Die Erosion indes war nicht zu übersehen. Viele Hersteller blieben fern. Es gelang dem Autoverband nicht, die Importmarken auf die IAA zu bringen, selbst die eigenen Mitglieder wie Daimler, Volkswagen oder BMW dampften ihre Auftritte ein. Überall in den Hallen war die Halbherzigkeit des Unterfangens zu spüren. Die in der Folge des VW-Skandals und weiterer Zankäpfel eingetretene Zerstrittenheit zwischen den Herstellern kulminierte im Rücktritt des VDA-Präsidenten noch während der Messe.

          Niemand weiß, wie die Zukunft gestaltet werden soll

          Das alles wird jetzt vergessen oder beiseitegeschoben, dabei weiß niemand, wie die Zukunft gestaltet werden soll. Nur weitergehen wie bisher, das soll es auf keinen Fall. In der in den vergangenen Jahren zu Gigantismus neigenden Branche ist die Überzeugung eingekehrt, man müsse neue Konzepte erdenken. Im Kern geht es um die Idee, näher an die Menschen zu rücken. Etwa durch einen Elektroautoparcours auf den Berliner Boulevards oder eine Wasserstoffflotte an der Waterkant. Derlei soll besser wirken als zwischen adretten Models eingerahmte Hochglanzkarossen in überhitzten Messehallen. Das kann funktionieren, ausgemacht aber ist es nicht.

          Es gab schon mal eine Messe in Deutschland, die sich als Ausstellung für jedermann zu etablieren versuchte, an die AMI Leipzig kann sich heute niemand mehr erinnern. Rund um die Welt sind Automessen unter Druck. In vier Wochen beginnt der schöne Autosalon in Genf, traditionell eine Bank im Kalender betuchter und interessierter Kundschaft, auch dort hagelt es Absagen von Herstellern. Und in Tokio wird neuerdings jeder T-Shirt-Käufer als Besucher mitgezählt, weil zur Motorshow ein paar Autos ins Einkaufszentrum gestellt werden. Die heutigen Marketingverantwortlichen und wohl auch ihre Vorstände sind der Meinung, dass solch offene Konzepte mehr Ertrag für weniger Aufwand bringen. Man darf gespannt sein.

          Es zählt die Nähe zur Macht

          Die Argumente werden schon mal so hingebogen, dass sie passen. Bis Mitte der Woche galt es als wichtig, die IAA künftig an einem Ort abzuhalten, der dem Auto zugewandt ist, der einen internationalen Flughafen und eine leistungsfähige Messe in Innenstadtnähe hat. Hätte man ein weißes Blatt vorliegen, stünde Frankfurt weit vorn. Doch es muss ein Signal der Veränderung her, und so gilt nun Berlin als Favorit, das bekanntlich keines dieser Kriterien erfüllt. Es zählen der Hauptstadtbonus und die Nähe zur Macht, bemüht werden wird im Zweifel die historische Wurzel.

          Attraktiv ist das pulsierende Berlin zweifellos. Nur wird all das nichts nützen, wenn die Branche sich nicht selbst wieder findet. Sie hat von heute an eine neue Präsidentin, Hildegard Müller steht viel Arbeit ins Haus. Es kann nämlich sein, dass die Aufgabe der weltweit als Markenzeichen etablierten Frankfurt Motor Show kein Anfang ist, sondern deren Ende. Das müsste sich die in die Defensive manövrierte Autoindustrie zum größten Teil selbst zuschreiben.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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