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Carsten Germis (cag.)

Kommentar : Die leeren Versprechen der VW-Führung

VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch Bild: dpa

Der Protest der Kleinaktionäre auf der Hauptversammlung von Volkswagen ist heftiger als erwartet. Zu recht! Die Versammlung erinnert an die Überheblichkeit früherer Tage.

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          Die Führung von Volkswagen hat gewusst, dass sie auf der Hauptversammlung des Konzerns in Hannover Gegenwind bekommen würde. Doch das Misstrauen der institutionellen Anleger und der Kleinaktionäre war noch größer als erwartet. Zu recht. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Hans Dieter Pötsch, hat wenig dafür getan, die Bedenken der Aktionäre zu zerstreuen. Im Gegenteil: Wissend, dass die beherrschenden Eigentümerfamilien Porsche und Piech alles mittragen, hatten Pötsch und der Vorstand von Volkswagen nur ein Ziel: Sie wollten das Treffen schnell und möglichst ohne Störungen über die Bühne bringen.

          Die Transparenz, die Pötsch immer wieder versprochen hatte, die Aufklärung über den Dieselskandal blieb Volkswagen den Aktionären schuldig. Über den Stand der hausinternen Suche nach den Verantwortlichen für die Manipulationen an elf Millionen Dieselmotoren wollte Pötsch nicht sprechen. Angeblich verhinderten Vergleichsverhandlungen in Amerika mehr Offenheit. Sogar die Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwälte gegen damalige Vorstandsmitglieder wegen des Verdachts der Marktmanipulation sind für Vorstand und Aufsichtsrat von VW kein Problem.

          Von Anfang an war klar, Vorstand und Aufsichtsrat werden entlastet, bekommen also einen Persilschein ausgestellt. Wie kann man das auf der Hauptversammlung ruhigen Gewissens vorschlagen? Sicher gilt auch für den VW-Vorstand die Unschuldsvermutung. Aber die Ermittlungsergebnisse nicht zu veröffentlichen und zu behaupten, es gebe keine neuen Erkenntnisse und das Vorgehen der Staatsanwälte zu ignorieren, ist das Gegenteil von Transparenz, die angeblich zur neuen Unternehmenskultur gehört.

          Diese Hauptversammlung erinnerte an die Überheblichkeit früherer Tage. Wenn man sagt, alles tun zu wollen, um den Skandal aufzuklären, sollte man keine Nebelkerzen werfen. Vor allem Niedersachsen als zweitgrößter Anteilseigner von Volkswagen muss sich fragen lassen, warum das Land zu all dem schweigt.

          Herrscht in der Staatskanzlei die Angst, dass das alte, gut ausbalancierte Machtviereck zwischen Porscheclan, Gewerkschaften, Niedersachsen und VW-Führung aufgebrochen werden könnte? Nickt Hannover deshalb alles ab, was aus Wolfsburg kommt? Die Antwort auf die Frage vieler Anteilseigner nach der Rolle Niedersachsens ist Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) schuldig geblieben. Das Versprechen, Volkswagen habe gelernt und verstanden, löste diese Hauptversammlung nicht ein.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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