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Kommentar : Diesel für den Klimaschutz

Groß, schwer – und mit Dieselmotor sparsamer als mit Benzinmotor: der Opel Grandland X, präsentiert von Unternehmenschef Michael Lohscheller. Bild: Reuters

Große Autos sind etwas Tolles – und dank Diesel hält sich sogar der Verbrauch in Grenzen. Benzin- und Dieselkraftstoff sollten aber gleich teuer sein.

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          Über den Diesel gibt es wieder Schlimmes zu berichten. Gerade hatten sich Autokäufer als Konsequenz aus dem Skandal um die manipulierten Abgaswerte von VW damit abgefunden, dass sie bei der Entscheidung für oder gegen eine der beiden üblichen Antriebsarten die Wahl zwischen Pest und Cholera hatten: Entweder sie tanken Benzin und blasen damit viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, was die Erderwärmung beschleunigt. Oder sie greifen zum Diesel, schützen damit zwar das Klima, verpesten die Luft aber mit Stickoxid, das der Gesundheit ihrer Mitmenschen schadet.

          Jetzt taugt das Argument nicht mehr, Diesel-Fahrer seien Klimaschützer. In der vergangenen Woche hat das Verkehrsministerium veröffentlicht, wie viel Kohlendioxid die in Deutschland 2016 zugelassenen Autos mit Diesel-Antrieb im Durchschnitt ausstoßen. Es sind 128 Gramm je Kilometer. Für Benziner liegt der Wert bei 129 Gramm. Ist damit die nächste große Diesel-Lüge entlarvt?

          So einfach ist es nicht. Wären Autos mit Diesel-Antrieb im Durchschnitt genauso schwer – oder leicht – wie solche mit Benzinmotor, würden sie auch deutlich weniger Kohlendioxid ausstoßen. Tatsächlich wiegen Diesel-Neuwagen aber im Schnitt rund 400 Kilo mehr, sie haben auch fast 30 PS mehr als Benziner. Moderne Diesel-Motoren sorgen dafür, dass sie trotzdem nur ein Gramm Kohlendioxid je Kilometer mehr ausstoßen als die leichteren Autos mit Benzinmotor. Anders ausgedrückt – und vorausgesetzt, Umweltverträglichkeit spielt für die Kaufentscheidung eine Rolle: Die Diesel-Technik war in den vergangenen Jahren eine großangelegte Verkaufsförderung für schwere Autos mit vielen PS. Es sind die sportlichen Geländewagen, die SUVs.

          Dank Diesel hält sich auch der Verbrauch von großen Autos in Grenzen

          So ein großes Auto ist etwas Wunderbares. Es passen hinten jede Menge Getränkekisten und Koffer rein, der Hund hat Platz, die Kinder sowieso, und vorne sitzt der Fahrer schön hoch, die Übersicht ist grandios. Dank Diesel-Technik hält sich der Verbrauch in Grenzen, eine willkommene Entlastung für das grüne Gewissen. Aber Hand aufs Herz: Jeder SUV-Fahrer weiß, dass ein Kleinwagen unter diesem Gesichtspunkt besser wäre.

          Dennoch lässt sich aus der Diesel-Nachricht der Woche einiges lernen über das Verhältnis von Wirtschaft, Politik und Technik, über die Wirkung von Anreizen und Regulierungen. Erstens haben Verbraucher oft ganz andere Vorstellungen von dem, was für sie erstrebenswert ist, als Parlamentarier oder Behördenleiter bei der Verabschiedung von Grenzwerten und Auflagen im Kopf haben. Zweitens finden Unternehmen zielsicher die technischen Möglichkeiten (Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes trotz Gewichtszunahme) oder die Schlupflöcher im Reglement (Messung des Stickoxidausstoßes nur auf dem Prüfstand und nicht auf der Straße), um die eigensinnigen Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Drittens machen der technische Fortschritt, Veränderungen im Verbraucherverhalten und neue wissenschaftliche Erkenntnisse gut gemeinte Markteingriffe aus der Vergangenheit regelmäßig obsolet. Dann gehören sie korrigiert.

          Was heißt das für den Diesel? Seit Jahrzehnten ist Benzin an der Tankstelle rund 20 Cent je Liter teurer als Diesel. Das liegt daran, dass die Mineralölsteuer für Benzin so viel höher ist. Es ging einmal darum, Lastwagen und Taxis zu begünstigen; als Firmenwagen oder Familienkutschen waren Diesel-Fahrzeuge nicht verbreitet. Das hat sich geändert. Zugleich hat es sich eingebürgert, die Benachteiligung des Benziners mit dem Beitrag des Diesels zum Klimaschutz zu begründen. Im Ergebnis hat das den Verkauf besonders schwerer Autos aber erst recht angekurbelt. Ein Zielkonflikt, der sich lösen lässt: Kosten Normalbenzin und Diesel gleich viel, fällt der Nachteil für kleinere, leichtere Autos weg, die außerdem so viel weniger Stickoxid ausstoßen. Wenn uns die nächste Regierung überraschen will, hier ist der Plan dafür: Runter mit der Steuer auf Normalbenzin, der Gesundheit und dem Klima zuliebe.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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