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Autobranche im Umbruch : Wie Software-Updates den Diesel retten sollen

Dem Diesel ein Dorn im Auge: Verkehrsminister Dobrindt lässt sich im Elektro-Dienstwagen chauffieren. Bild: dpa

In Kürze verhandeln Politiker und Automanager über die Zukunft des Diesels. Steht der Selbstzünder vor dem Aus? Es zeichnet sich eine Strategie der Umrüstung ab.

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          Rund zwei Wochen noch, dann wird sich zeigen, ob die Autoindustrie den Diesel retten kann. Am 2. August richten das Bundesverkehrsministerium und das Bundesumweltministerium das „Nationale Forum Diesel“ aus. Dort wollen Politik und Branchenvertreter besprechen, wie es weitergeht mit dem Selbstzünder. Auf der Teilnehmerliste stehen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums vom Mittwoch die ausrichtenden Ministerien sowie das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesforschungsministerium. Mit Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen sind jene Bundesländer dabei, in denen besonders viele Menschen in der Autoindustrie beschäftigt sind. Die Branche ist vertreten durch die Verbände und durch die Autohersteller Audi, BMW, Daimler, Ford, Opel, Porsche und Volkswagen.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Der Diesel ist angesichts des Volkswagen-Skandals, hoher Stickstoffdioxidemissionen und drohender Fahrverbote in Großstädten in Verruf geraten und steckt in einer tiefen Vertrauenskrise. Zuletzt fielen die Zulassungszahlen für Dieselfahrzeuge stark. Nun zeichnet sich ab, dass viele Hersteller mit einer Umrüststrategie zu dem Dieselgipfel reisen werden.

          Autoindustrie will umrüsten

          Wie FAZ.NET am Mittwoch berichtete, hat der Stuttgarter Autohersteller Daimler angekündigt, rund drei Millionen Dieselfahrzeuge der Abgasnormen Euro 5 und Euro 6 freiwillig zurückzurufen. In der Werkstatt soll die Motorsteuerungssoftware aktualisiert werden, um so die Abgaswerte zu verbessern. Die Aktion soll laut Daimler 220 Millionen Euro kosten, die das Unternehmen tragen will. Rein rechnerisch sind das gut 70 Euro Umrüstkosten je Fahrzeug.

          Daimler ist mit diesem Umrüstungsvorhaben nicht allein. Der Volkswagen-Konzern ist nach eigenen Angaben davon überzeugt, „dass Euro-5-Diesel mit einer entsprechenden Software so verbessert werden können, dass Fahrverbote in Städten und Gemeinden verhindert werden können“. Der Konzern will den Aufwand für die Kunden möglichst gering halten und das Software-Update „kostenneutral gestalten“ heißt es. Bevor man weitere Details nenne, wolle man die Ergebnisse des Dieselgipfels abwarten, sagte ein VW-Sprecher.

          In Bayern haben sich schon die beiden heimischen Autohersteller Audi und BMW gegenüber der Landesregierung dazu verpflichtet, ihre Euro-5-Fahrzeuge nachzurüsten. Auch hier ist es das Ziel, Fahrverbote zu vermeiden. „Wir werden unsere Euro-5-Diesel ertüchtigen und die Stickoxidwerte mit Hilfe neuer Software senken“, sagte ein Audi-Sprecher auf Anfrage. Die Kosten für das Software-Update bezifferte er auf rund 50 Euro; zusätzlich fielen Werkstattkosten in gleicher Höhe für den halbstündigen Eingriff an. Audi will die Kosten ebenso übernehmen wie BMW – vorausgesetzt, dass auch die ausländischen Hersteller mitmachen.

          Betroffen sind Fahrzeuge der Baujahre 2009 bis September 2014. Nach Aussage eines BMW-Sprechers können mindestens die Hälfte aller rund 700.000 Euro-5-BMW und -Mini umgerüstet werden. „Bei den Baujahren 2001 und älter kann es schwierig werden“, räumte der Sprecher ein. Von Audi waren hierzulande Anfang dieses Jahres laut dem Kraftfahrtbundesamt noch gut 655.000 Euro-5-Diesel zugelassen. Alle Hersteller zusammengenommen brachten es zum 1. Januar auf 5,9 Millionen Dieselfahrzeuge dieser Schadstoffklasse. Das sind rund 39 Prozent aller in Deutschland zugelassenen Diesel. Die technische Nachbesserung kann bis weit in das kommende Jahr hinein dauern, ist aus der Branche zu hören. Denn die neue Software für die Motorsteuerung muss bei allen Herstellern erst noch entwickelt werden. Sie soll dafür sorgen, dass die Abgasreinigung bei kritischen Außentemperaturen – dem sogenannten Thermofenster – nicht mehr so schnell abgeschaltet wird. Wie hoch die Reduktion der Stickoxidemissionen sein wird, und ob Euro-5-Diesel nahe an das Niveau der Euro-6-Grenzwerte gebracht werden können, ist unter Fachleuten umstritten.

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          Offenkundig setzen die Autohersteller auf eine freiwillige Nachbesserung anstelle eines vom Kraftfahrtbundesamt verordneten Rückrufs. Da viele Fahrzeuge schon den Besitzer gewechselt haben, verfügen die Hersteller oft nicht über die richtige Adresse, um die Kunden anzuschreiben. So ist geplant, dass der Fahrzeughalter selbst entscheidet, ob er in einer Vertragswerkstatt die neue Software aufspielen lässt oder nicht. Je mehr Dieselfahrer mitmachen, um so größer wäre der positive Effekt auf die Luftqualität. Sorgen von Gebrauchtwagenbesitzern, das Software-Update könnte die Haltbarkeit des Motors beeinträchtigen oder die Verbrauchswerte in die Höhe treiben, versucht die Industrie zu zerstreuen. „In das Software-Update fließen alle in den vergangenen Jahren gewonnen Erkenntnisse ein“, sagte etwa ein BMW-Sprecher.

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