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Whistleblower : Der Verrat

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn bei der Anhörung vor dem Bundestagsunterschungsausschuss zum VW-Skandal am 19. Januar 2017. Bild: AFP

Whistleblower werden meist als Helden verehrt, erleiden aber auch die Seelenqualen des Verrats. Fand sich deshalb bei VW niemand, der den Dieselskandal aufdecken wollte?

          Am 21. November 2006 wurde ein Mann namens Klaus Volkert in Wolfsburg verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Volkert war viele Jahre Betriebsratsvorsitzender der Volkswagen AG und damit einer der mächtigsten Männer im Automobilkonzern. Vor dem Ermittlungsrichter legte er ein umfassendes Geständnis ab: Aus der Firmenleitung von VW wurden über lange Zeit mit Unterstützung Volkerts Mitglieder des Betriebsrats mit finanziellen Zuwendungen, Luxusreisen und Dienstleistungen von Prostituierten bestochen. Ein Fall von schwerer Korruption. Volkert wurde wegen Beihilfe zur Untreue zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute hat Volkswagen einen Umweltskandal. Damals hatte das Unternehmen einen Korruptionsskandal. Welches die schlimmere Affäre ist, bleibt Geschmackssache; weitaus teurer für das Unternehmen wird der heutige Dieselskandal. Wo liegen die Gründe für die Skandalanfälligkeit eines Unternehmens? Und warum gelingt es, Betrügereien so lange unter der Decke zu halten?

          Internes System zur Skandalabwehr

          Auch in der VW-Korruptionsaffäre blieben die von ganz oben gedeckten Schweinereien des Unternehmens lange Jahre verborgen; schon aus dem Jahr 1993 stammt ein Aktenvermerk des Vorstands, Herrn Volkert sei „jeder Wunsch zu erfüllen“. Ans Tageslicht kam der Skandal dann durch einen Bericht des Magazins „Focus“ Anfang 2005; die Quellen des Berichts blieben im Dunkeln.

          Als Lehre aus dem schmuddeligen Skandal von damals hatte Volkswagen schon im Jahr 2006 im gesamten Konzern ein System sogenannter Ombudsleute eingeführt, denen die Mitarbeiter einen Verdacht auf Unregelmäßigkeiten aller Art melden können, ohne Angst vor Sanktionen haben zu müssen. Zwei externe Rechtsanwälte versprechen, allen Hinweisen nachzugehen und zugleich die Hinweisgeber („Whistleblower“) zu schützen. Dieses System geht auf eine aus Schweden stammende Einrichtung zurück, die seit den siebziger Jahren in der ganzen Welt große Verbreitung fand, um die Skandalanfälligkeit von Konzernen und staatlichen Administrationen zu verringern und für Transparenz zu sorgen.

          „Verschwörung“ beginnt im Jahr 2006

          Im selben Jahr 2006, in dem VW die Belegschaft zum Anschwärzen ermutigt, tüftelt der Konzern gerade an einem 2,0-Liter-Dieselmotor, muss jedoch mit Schrecken zur Kenntnis nehmen, dass die Motoren die strengeren Abgasregeln nicht erfüllen können, die in den Vereinigten Staaten von 2007 an gelten. Daraufhin entwickeln VW-Mitarbeiter eine Schummelsoftware („defeat devise“), welche die Stickoxidemissionen der Dieselfahrzeuge in Testsituationen reduziert, um die Umweltbehörden zu täuschen. In einer Anfang Januar 2017 veröffentlichten Klageschrift gegen sechs VW-Mitarbeiter spricht das amerikanische Justizministerium von einer „Verschwörung“, die damals begann und bis September 2015 anhielt.

          Abermals hatte es also fast ein Jahrzehnt gedauert, bis der Skandal aufflog. Doch dieses Mal ist völlig transparent, wie der Betrug öffentlich wurde. Die kalifornische Umweltbehörde hatte 2013 ein Forschungsinstitut mit der Überprüfung von Dieselemissionen beauftragt. Dabei kam heraus: Im Normalbetrieb sind die Abgasemissionen der getesteten VW-Dieselfahrzeuge 40 mal höher als im Labor.

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