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Whistleblower : Der Verrat

In engster Nähe zu Winterkorn gab es über viele Jahre einen Vertrauten, den sie in der Firma den „Feuerwehrmann“ nannten und der den vielsagenden Namen Bernd Gottweis trägt. Auch das geht aus den FBI-Dokumenten hervor. Gottweis war für die „Brandmauer“ zuständig, er hatte dafür zu sorgen, dass Winterkorn nichts entging, ohne dass er zu viel wissen musste. Wer die Macht hat, muss sich einen Raum der Unschuld und des Nichtwissens sichern.

Gesetzeswidrigkeiten im Interesse des Unternehmens

In vielen Familien gibt es so etwas wie ein „offenes Geheimnis“, ein von allen geteiltes Wissen (zum Beispiel darüber, dass das jüngste Kind einen anderen Vater hat), welches auszuplaudern verboten ist und als Verrat geahndet würde. Der Abgasbetrug fällt unter den Typus einer für die Firma „nützlichen Illegalität“ (Niklas Luhmann), den man in der Unternehmensfamilie verschweigt: Man handelt gesetzeswidrig, aber für einen guten Zweck und im Interesse des Unternehmens, nicht um es zu schädigen.

Viele Kollegen sind eingebunden: Sie wissen, ahnen dumpf, dulden stillschweigend. Auf diese Weise werden alle voneinander abhängig. Den Philosophen Avishai Margalit erinnern solche Abhängigkeitsbeziehungen in großen Konzern an Feudalverhältnisse einer vormodernen Gesellschaft: Ihre Bindewirkung haben sie oberflächlich betrachtet über den arbeitsrechtlichen Vertrag. Doch das Klebemittel, das wirklich haftet, ist die unbedingt geforderte Vasallentreue.

„Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin“, sagt Martin Winterkorn.
„Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin“, sagt Martin Winterkorn. : Bild: dpa

Whistleblower muss sich vorher lösen

In Berichtshierarchien der modernen Managementhierarchie und ihren klar definierten Ebenen (C berichtet an B, der an A berichtet) spiegeln sich Vasallen-Verhältnisse der mittelalterlichen Lehensgefolgschaft. Kommt dann noch ein „offenes Geheimnis“ dazu, ist die Bindung nahezu unlösbar.

Wer hier auszubrechen wagt, bekommt es mit seinem Gewissen zu tun. Wenn man das Bild für die Loyalität als eines chemischen Klebers akzeptiert, dann braucht der Whistleblower ein starkes Lösemittel, um die Bindung aufzulösen. Sollte sie inzwischen sehr harzig geworden sein, könnte es mit Terpentin allein nicht getan sein. Die moralischen Bindekräfte der Lehenstreue sind stärker als die Verheißungen des Heldentums für den „Hinweisgeber“ (welch schwacher Begriff), der am Ende von seiner Kollegenfamilie und sogar sich selbst verdammt werden könnte als „Verräter“ (welch starkes Wort).

„Wir brauchen keine Ja-Sager“

Seit Volkswagen im Herbst 2015 den Software-Betrug zugegeben hat, sieht der Fall ganz anders aus. Was vorher als „Loyalität“ positiv besetzt und gefordert war, wird jetzt als „Klima von Angst und Schrecken“ denunziert. Dabei sind es zwei Seiten derselben Medaille. Ob eingeschworene Gemeinschaft oder autoritäre Firmenkultur ist eine Frage des Zeitpunkts.

Die autoritäre Grundstruktur des Feudalismus hat man auch erst Jahrhunderte später erkannt. Vorher sah es so aus, als könne der Betrug die Kosten der Diesel-Fertigung begrenzen. Heute, nachdem die auf über 20Milliarden Euro sich summierenden Rechnungen aus Amerika in Wolfsburg eingegangen sind, zeigt es sich, dass Loyalität teuer wird. Jetzt melden sich Beschuldigte als Kronzeugen: Sie plaudern, um der Strafe zu entgehen. Doch zwischen dem Kronzeugen und dem Whistleblower liegen Welten.

Im Überschwang einer Reinigungskultur wollte der neue VW-Chef Matthias Müller bei seiner ersten Pressekonferenz im Dezember 2015 ein Gebot zur Illoyalität in der Belegschaft institutionalisieren: „Wir brauchen keine Ja-Sager“, rief er den Arbeitern zu und lobte die „Unangepassten“. Seither hat man davon nichts mehr gehört. Firmen sind auf Loyalität angewiesen. Das macht sie anfällig für Betrug, der (lange) nicht auffliegt, weil die, die ihn aufdecken wollen, damit leben müssten, als Verräter ausgegrenzt zu werden.

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