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Whistleblower : Der Verrat

Die amerikanische Doppelmoral gegenüber Whistleblowern

Wie ernst man die Ambivalenz des Whistleblowers nehmen muss, zeigt sich am Handeln der Staaten. Wenn es darum geht, gegen Korruption in den Unternehmen vorzugehen, übertreffen sich die Staaten darin, Regelkonformität („Compliance“) einzufordern. Wenn es um den eigenen Staat geht, verfolgen sie jeden Whistleblower gnadenlos als Verräter von sensiblen Staatsgeheimnissen. Es ist ein klarer Fall von Doppelmoral.

Ehrlich sein, oder nicht? Ein Unrechtsbewusstsein gab es bei VW bereits seit Jahren.
Ehrlich sein, oder nicht? Ein Unrechtsbewusstsein gab es bei VW bereits seit Jahren. : Bild: dpa

Die amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning, die Präsident Barack Obama in der vergangenen Woche kurz vor dem Ende seiner Regentschaft begnadigte, hatte die Höchststrafe von 35 Jahren für Verrat und Spionage erhalten, weil sie als Soldat im Irak Armeedokumente von Militärrechnern heruntergeladen und der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt hatte. Sie, die sagt, sie wollte eine öffentliche Debatte über die Unmoral der Kriege anstoßen, gilt – neben Edward Snowden – in ihrem Land als Staatsfeind Nummer Eins.

Schärferes Hinweisgebersystem bei VW

Das führt zurück zu Volkswagen. Jeder Whistleblower muss ahnen, dass er – allen Freibriefen zum Trotz – am Ende doch als Nestbeschmutzer dasteht. Er mag zwar offiziell gefeiert werden, wird aber anschließend gemobbt. Die Sache ist eben riskant. Beleg für das Risiko könnte sein, dass bei VW seit Januar 2017 ein verschärftes „Hinweisgebersystem“ in Kraft getreten ist. Dass dieses nötig wurde, wird mehr als vage mit „Lehren aus dem Geschehenen“ begründet. Hat man es vorher doch nicht so ernst gemeint? Dann spricht aber – außer viel luftiger Rhetorik – wenig dafür, dass man es jetzt ernst meint.

Schlimmer noch als die Angst, am Ende von der Firma gemobbt oder gekündigt zu werden, sind die inneren Qualen, die ein Whistleblower ertragen muss, weil er sich gegen die moralische Verpflichtung zur Loyalität stemmt. Illoyalität ist der Preis seiner Tat. Loyalität wirkt als zäher Klebestoff in einer guten Beziehung, schreibt der israelische Philosoph Avishai Margalit in einer dieser Tage erschienenen brillanten Studie über den „Verrat“ („On Betrayal“, Harvard University Press).

Verrat in der Familie

Margalit öffnet die Augen dafür, dass Loyalität nicht nur positiv zu sehen ist, sondern gefährlich werden kann. Ihre stärkste Bindung entfaltet sie in der Familie: Dort wirkt die Blutsverwandtschaft als Kitt. Nicht ohne Grund legen aber auch Unternehmen größten Wert auf Loyalität ihrer Mitarbeiter, wenn sie diese auf gemeinsame Ziele einschwören – getreu dem Motto: Wir gehören doch alle zu einer großen Familie. Verrat in der Familie ist das Allerschlimmste, was sich denken lässt: So etwas macht man nicht.

Man kennt den Verrat aus den Mafia-Filmen und weiß, was mit den Verrätern passiert. Den „Paten“ an der Spitze des Clans schotten seine Mitglieder aus gutem Grund vor den Informationen über kleinere oder größere kriminelle Regelverstöße ab, weil man dieses gefährliche Wissen ihm nicht zumuten will und weil er in der Not – etwa vor Gericht – anschließend guten Gewissens sagen kann, nichts gewusst zu haben.

Winterkorn sollte nicht zu viel wissen

„Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin“, gab der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende am vergangenen Donnerstag vor dem VW-Untersuchungsausschuss des Bundestags zu Protokoll. „Mein Name ist Winterhase“, wie die Bildzeitung tags darauf titelte.

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