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Whistleblower : Der Verrat

Unehrlich bleiben oder nicht?

Ein Jahr später, also 2014, erfährt VW von den Studienergebnissen. Erst Ende September 2015 gibt das Unternehmen den Betrug öffentlich zu. Die jetzt aktenkundig gewordenen E-Mails von VW-Mitarbeitern lassen keinen Zweifel daran, dass im Konzern schon seit Jahren ein Unrechtsbewusstsein existierte. Berühmtheit erlangt hat inzwischen eine im April 2014 an die Konzernzentrale adressierte Mail von Oliver Schmidt, damals als VW-Manager zuständig für die Koordination mit den amerikanischen Behörden, in der er Folgendes feststellte: „Es sollte zuerst entschieden werden, ob wir ehrlich sind. Wenn wir nicht ehrlich sind, bleibt alles, wie es ist.“

Die kalifornische Umnweltbehörde überprüfte 2013 die Dieselemissionen. Die Studienergebnisse erhielt VW erst ein jahr später.
Die kalifornische Umnweltbehörde überprüfte 2013 die Dieselemissionen. Die Studienergebnisse erhielt VW erst ein jahr später. : Bild: dpa

Wolfsburg hat sich für die Variante „nicht ehrlich“ entschieden. Zumindest bis zum Sommer 2015 blieb damit „alles, wie es ist“, sieht man einmal ab von der Anstrengung, die es gekostet haben muss, den Betrug unter den Teppich zu kehren und im letzten Moment verräterische Akten beiseitezuschaffen.

Kein Whistleblower meldete den Betrug

Die entscheidende Frage lautet: Warum fand sich in all den Jahren seit 2006 kein Mitarbeiter des Volkswagen-Konzerns, der die Courage hatte, den Betrug an die Ombudsleute zu melden? Immerhin wurde das Whistleblower-System just im Jahr des Dieselskandals eingerichtet mit dem erklärten Ziel, Betrügereien ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Mitwisser gab es, nachdem was man inzwischen weiß, eine ganze Reihe.

Der Whistleblower hätte sich von Politik und Medien als Held feiern lassen können und am Ende womöglich sogar sein Unternehmen vor dem ganz großen finanziellen und moralischen Schaden bewahrt. Die Vermutung, die verantwortlichen Software-Ingenieure seien sich keines Unrechts bewusst gewesen, scheidet aus; deren eigene Mails beweisen das Gegenteil.

Unrechtsbewusstsein war vorhanden

Man wusste, dass man Unrechtes tat, und diskutierte intern, wie man damit umgehen sollte. Dabei wurden durchaus kontroverse Meinungen zur Sprache gebracht. Doch niemand überschritt die Schwelle der Loyalität. Kein einziger wagte es, im Schutz des garantierten Hinweisgebersystems, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Wie kann das sein, wo wir doch nach verbreiteter Meinung inzwischen im „Zeitalter des Whistleblowings“ leben?

Um das zu verstehen, ist es nötig, sich mit der Figur des Whistleblowers eingehender zu befassen. Die „Pfeife“ („whistle“) des Schiedsrichters ahndet das Foul im Sport und sorgt für Fairness. Doch wer einen Freund „verpfeift“, wird leicht selbst zum Schwein.

Gefeierter Held oder Verräter

Das heißt: Der Whistleblower nimmt eine moralisch äußerst ambivalente Rolle ein. Aus Sicht der an der Wahrheit interessierten Öffentlichkeit ist er ein Held. Aus Sicht des Unternehmens, dessen Gesetzesverstöße er ausplaudert, ist er ein Verräter, der nicht ausschließlich uneigennützig handelt, sondern auf dem Weg zum gefeierten Helden womöglich nebenbei alte Rechnungen begleicht.

Der Whistleblower verrät ein Geheimnis, das besser nicht ans Licht gekommen wäre. Er stört die gute Gemeinschaft: „Wenn wir nicht ehrlich sind, bleibt alles, wie es ist“, schreibt VW-Mann Schmidt. Schlimmer noch: Der Verräter verrät zugleich auch seine Kollegen, mit denen er vorher kameradschaftlich zusammengearbeitet hat. Den Bruch der Solidarität muss er moralisch erst einmal aushalten (Filmtipp: „Die Faust im Nacken“ von 1954 mit Marlon Brando).

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