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Kampf gegen Corona-Folgen : Der Überlebenskampf der Flieger tobt

Flugzeuge der norwegischen Billigfluggesellschaft Norwegian Air Shuttle Bild: Reuters

Airlines zittern in der Krise. Eine Lösung für Condor steht aus. Norwegian muss bangen, dass Aktionäre einen kühnen Plan billigen. Aber Easyjet sieht sich auch für Monate Stillstand gerüstet.

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          Jede Sekunde zähle – mit diesem Alarmton umschreibt Luftfahrtanalyst Daniel Röska seine Sicht auf den Billigflieger Norwegian. Dem britischen Rivalen Easyjet bescheinigt dessen Chef Johan Lundgren indes, mit den vorhandenen Mitteln sogar – unter bestimmten Voraussetzungen – Monate durchhalten zu können. In der Corona-Krise ächzen viele Fluggesellschaften und bitten um Staatshilfe, doch bei den Norwegern scheint die Not besonders groß. Anleihegläubiger, Flugzeugvermieter, Aktionäre – sie alle sollen bei einem kühnen Rettungsplan mitziehen: Forderungen über 4,3 Milliarden Dollar in neue Aktien zu wandeln.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Kühn ist das, weil Norwegian an der Börse nur noch rund 70 Millionen Euro wert ist. Die Flut neuer Aktien würde Anteile der Altaktionäre weitgehend verwässern. Der Aktienkurs stürzte schon ab, ein Papier ist für etwa 45 Cent zu bekommen. Beobachter sehen eine „Verzweiflungstat“ der Gesellschaft, die vor der Krise mit ihrem Expansionsplan an die Grenzen der Belastbarkeit geflogen war. Am 4. Mai sollen die Aktionäre den Plan abnicken.

          Norwegian hat deutlich gemacht, dass Zugeständnisse von Gläubigern und Eignern nötig seien, um noch Staatshilfe zu bekommen. Garantien für Kredite über 3 Milliarden Norwegische Kronen (264 Millionen Euro) hat Norwegen in Aussicht gestellt – ohne Bedingungen wollte man aber nur 10 Prozent davon gewähren. Fällt der Rettungsplan durch, droht das Aus.

          Reserven für bis zu neun Monate

          Davon sieht man sich bei Easyjet weit entfernt, obwohl 337 Jets am Boden stehen. Man habe durch neue Kredite bis zu 3,3 Milliarden Pfund Reserven und könne bis zu neun Monate Stillstand überstehen. „So lange und noch länger hält unser Cash“, sagte Chef Lundgren in einer Telefonkonferenz. In Deutschland nennt der größere Lufthansa-Konzern deutlich mehr Reserven und befindet sich dennoch in Gesprächen über Staatshilfen.

          Aktionäre beruhigte Lundgrens Botschaft dennoch. Easyjet startete mit Kursgewinnen, die aber im Tagesverlauf abschmolzen. Die Bernstein-Analysten bescheinigen dem Billigflieger, von den großen britischen Gesellschaften „sicherlich am besten“ dazustehen. Der British-Airways-Konzern IAG wird ähnlich eingestuft. Der scheidende IAG-Chef Willie Walsh hat ausgeschlossen, dass IAG Staatshilfen beantragen werde. Virgin Atlantic hat die hingegen angefordert. Der Konzern des Milliardärs Richard Branson gilt unter den großen britischen Linien als der schwächste.

          Hierzulande ist am dringendsten eine Lösung für Condor nötig, deren Hilfskredit der staatlichen KfW-Bank aus dem vergangenen Herbst am Freitag fällig ist. Damals war Condor nach dem Aus des Mutterkonzerns Thomas Cook in die Klemme geraten, die als Retter präsentierte polnische LOT hat den Kauf platzen lassen. Als Lösung zeichnet sich ein neues KfW-Darlehen ab, ein Treuhänder soll bis zum nächsten Verkaufsanlauf die Rolle des Eigners übernehmen. Ein direkter Staatseinstieg gilt als wenig wahrscheinlich.

          In Australien wird Staatshilfe zum Zankapfel

          Auch in der Schweiz stehen Hilfen unmittelbar bevor – für den dortigen Easyjet-Ableger und die Lufthansa-Marke Swiss. Die Regierung in Bern will mit Staatsgarantien Überbrückungskredite ermöglichen. Die Garantien sollen an Auflagen geknüpft werden. So dürfen die Darlehensnehmer keine Mittel an Mutterkonzerne zurückführen: „Das Geld muss im Land bleiben, das ist nicht verhandelbar“, sagte Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga.

          Dass Staatshilfe nicht immer zur Beruhigung in der Luftfahrt beiträgt, ist in Australien zu verfolgen. Dort gibt es einen Kampf zwischen der börsennotierten Qantas und ihrem einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten Virgin Australia. Virgin will und braucht staatliche Hilfe von zunächst rund 1,4 Milliarden Australischen Dollar (813 Millionen Euro) – sonst wird es zum Untergang von Virgin und einem Monopol von Qantas im inneraustralischen Verkehr kommen. Deshalb gilt Virgin als systemrelevant.

          Dagegen schießt Qantas-Chef Alan Joyce. Bekäme Virgin die Summe, müsse die größere Qantas-Gruppe 4,2 Milliarden Australische Dollar erhalten. Die aber wolle er gar nicht. Schließlich ginge es derzeit um „das Überleben des Stärksten“. Qantas hat sich am Markt eine Milliarde Australische Dollar besorgt, für die es mit Flugzeugen bürgt, und sieht sich bereit, notfalls weitere 3,5 Milliarden Dollar aufzunehmen.

          Bleibt der Mittelsitz künftig leer?

          „Wenn gute Unternehmen gut geführt worden sind, dann sollte die Regierung sie ihren eigenen Weg aus der Krise finden lassen. Und nicht auf die schwachen schauen, die seit einem Jahrzehnt schlecht gemanagt worden sind“, sagte Joyce. Er ist auch erbost, weil Air New Zealand 900 Millionen Neuseeland Dollar (473 Millionen Euro) vom Staat bekommen hat. „Ohne diesen Eingriff riskierte Neuseeland, keine nationale Fluggesellschaft mehr zu haben“, sagte Finanzminister Grant Robertson. Der Staat hält 52 Prozent an Air New Zealand.

          Während Lufthansa ihren Notflugplan um zwei Wochen bis zum 17. Mai verlängerte, sinnierte Easyjet-Chef Lundgren über einen Neustart. „Wir gehen davon aus, dass wir zunächst mit Inlandsflügen starten“, sagte er. Wann grenzüberschreitender Verkehr wieder möglich sei, bleibe offen. Auch an Bord könnte sich etwas ändern, damit Passagiere Abstand halten. „Mittelsitze werden vermutlich zunächst frei bleiben.“ Die finanziellen Folgen, wenn ein Drittel der Sitze leer fliegt, sind indes noch nicht quantifiziert.

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