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Kommentar : Merkel mit Samthandschuhen

  • -Aktualisiert am

Merkel umgeben von Autogrößen: Opel-Chef Michael Lohscheller, VDA-Präsident Matthias Wissmann und Opel-Manager Philippe de Rovira. Ganz links Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier Bild: Helmut Fricke

„Stocksauer“ hatte sich Merkel vor nicht allzu langer Zeit auf die Autohersteller gezeigt. Auf der IAA waren ihre Töne leider deutlich leiser.

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          Es ist noch gar nicht lange her, da hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Autoindustrie hart kritisiert. „Entsetzt“ sei sie über die Abgasmanipulationen von Volkswagen, „stocksauer“ sogar, sagte Merkel während des Fernsehduells mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Als Merkel am Donnerstag nun die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt eröffnete, verwendete sie gemäßigtere Worte. Die Branche habe Verbraucher und Behörden „getäuscht und enttäuscht“ und „Regelungslücken exzessiv ausgenutzt“. Merkel verhielt sich während des Besuchs der Automesse wie ein guter Gast und fasste die Branche mit Samthandschuhen an.

          Dabei wiederholte sie Argumente, die auch die Branche vorbringt. Der Verbrennungsmotor werde noch Jahrzehnte gebraucht. Die Grenzwerte für das Treibhausgas Kohlendioxid und den Luftschadstoff Stickoxid sollen erreicht werden, ohne eine bestimmte Technik auf dem Weg dorthin vorzuschreiben. Und Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge sollen möglichst vermieden werden.

          Gegen all das ist erst einmal nichts einzuwenden. Es ist in der Tat besser, keine Verbote und Fristen zu setzen und dem Erfindergeist der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen Raum zu geben – so lange sie denn mit sauberen Methoden arbeiten. Mit einem gemäßigteren Kurs auf die Branche zuzugehen und damit die zeitweilig erhitzte Diskussion abzukühlen, ist auch nicht verkehrt. Allerdings darf das nicht dazu führen, dass die Branche jetzt wieder weitermacht wie bisher.

          Auch beim Angebot muss sich etwas tun – und die Kanzlerin darf das ruhig laut sagen

          In seiner Rolle als Präsident des europäischen Automobilverbandes sagte Daimler-Chef Zetsche dieser Tage, es liege nicht am Angebot oder an der Auswahl, dass in Europa so wenige Elektroautos auf der Straße fahren. Das darf bezweifelt werden, selbst wenn die diesjährige Internationale Automobil-Ausstellung das Thema Elektromobilität so sehr in den Fokus rückt wie niemals zuvor. 30 verschiedene Elektromodelle deutscher Hersteller gibt es, 100 sollen es bis zum Jahre 2020 werden. Doch dem steht noch eine Palette von gut 500 verschiedenen Autos mit Verbrennungsmotoren gegenüber.

          Zwar ist auch wahr, dass der Kunde immer noch lieber zum Verbrenner greift, dennoch muss sich auch beim Angebot etwas tun. Die Kanzlerin zeigte sich zuversichtlich, dass das geschieht. Sie hätte es aber ruhig noch einmal deutlicher sagen können.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

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