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Mobilitätsmesse ITS : So will Hamburg den Nahverkehr revolutionieren

Allein unterwegs: Der Roboterbus HEAT fährt in der Hamburger Hafencity – mit Sicherheitsfahrer, falls die Technik streikt. Bild: dpa

Selbstfahrende Busse und Shuttles, Stadträder und intelligente Apps sollen die Straßen entlasten. Doch der Weg zum zukunftsfähigen Verkehrssystem ist weit.

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          Noch stößt der kleine Roboterbus sichtlich an Grenzen, wenn es kompliziert wird im Straßenverkehr. Manchmal stoppt er unnötig abrupt, weil er eine Gefahr vermutet, wo gar keine ist. Dann zuckelt er mit der Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde weiter – nur um plötzlich unvermittelt stehen zu bleiben und alle anderen Fahrzeuge vorbeizulassen, bevor er schließlich doch sicher ans Ziel kommt. HEAT nennt die Hamburger Hochbahn das Projekt in der Hafencity, eine Abkürzung für „Hamburg Electric Autonomous Transportation“. Mittels des kleinen, rotschwarzen Prototyps soll es die Möglichkeiten autonom fahrender Kleinbusse im Stadtverkehr ausloten.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Schon seit einigen Monaten zieht der Bus, eine Entwicklung des Ingenieurdienstleisters IAV, der Hochbahn und weiterer Partner, im Gebiet zwischen Speicherstadt, Elbphilharmonie und Überseequartier seine Kreise. Jetzt rückt er besonders in den Fokus, denn HEAT ist eines von 42 Ankerprojekten des ITS Weltkongresses, einer Fachmesse für intelligente Transportsysteme, die in dieser Woche in der Hansestadt tagt. Rund 13. 000 Besucher werden erwartet, und der grüne Verkehrssenator Anjes Tjarks verspricht, dass die Menschen in Hamburg dauerhaft von den vorgestellten Projekten profitieren sollen. Ziel sei es, zur „digitalen Modellstadt für eine smarte Mobilität der Zukunft“ zu werden.

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          Die Messe will den ganzen Transportsektor abdecken, also auch die Güterlogistik, was wegen des Standorts Hamburg mit seinem Hafen und den vielen dort ansässigen Unternehmen naheliegt. Der öffentliche Nahverkehr ist aber ein Schwerpunkt mit wichtigen Vorzeigeprojekten. Deutsche Bahn und Siemens schicken auf der Strecke der S21 im Osten Hamburgs anlässlich der Messe eine fahrerlose S-Bahn auf Tour, mit ihrer besonderen Technik eine Weltpremiere. Der Hamburger Verkehrsverbund HVV stellt eine App vor, die Fahrten automatisch abrechnet, was das klassische Ticket überflüssig machen soll. Autonom fahrende Gruppentaxis privater Anbieter, eine engere Verbindung zwischen Bus, Bahn, Stadtrad und Leihwagen: all das soll den innerstädtischen Verkehr entlasten.

          Utopisch klingende Ziele

          Für Deutschlands zweitgrößte Stadt mit fast 1,9 Millionen Einwohnern ist das ein wichtiges Thema. Denn an vielen Stellen ist das Straßennetz überlastet, gerade zu den Stoßzeiten, an denen Verkehrsachsen wie die Stresemannstraße oder die Sievekingsallee im Stau versinken. Viele Hamburger rollen daher mit den Augen, wenn Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wie jetzt zum Start des ITS-Kongresses vollmundig verkündet, man sei eine Stadt, die die Mobilitätswende „aktiv voranbringt“.

          Noch ist davon im Alltag wenig zu sehen. Innerhalb der nächsten Jahre soll es aber zügig vorangehen. So will Hamburg den Anteil der Wege, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Shuttle-Diensten privater Anbieter wie Moia, mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt wird, von zuletzt 64 Prozent bis zum Jahr 2030 auf 80 Prozent erhöhen. Damit sehen sich SPD und die mitregierenden Grünen als eine der Vorreiterstädte in Deutschland.

          Besonders viel Geld fließt in die Schiene. Ende dieses Jahres erfolgt der Spatenstich für den Bau der U-Bahn-Linie 5, einer neuen Verkehrsader quer durch die Stadt. Allein der erste Bauabschnitt zwischen Bramfeld und der City Nord dürfte rund 1,8 Milliarden Euro kosten. Auch die Hamburger S-Bahn, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, legt sich ins Zeug. Sie will die im Osten der Stadt erprobte Technik autonomer Züge schrittweise auf das gesamte S-Bahn-Netz ausweiten. All das soll auch zum Hamburg-Takt beitragen, einem Projekt, das es jedem Bürger ermöglichen soll, binnen fünf Minuten ein Verkehrsmittel zu erreichen, das ihn in schneller Taktung abholt. Der Bund fördert das Vorhaben mit 30 Millionen Euro.

          Auch private Anbieter sollen helfen

          Nicht nur öffentliche Unternehmen, auch private Anbieter sollen dabei eine Rolle spielen. Zum Beispiel Moia, eine Tochtergesellschaft des Volkswagen-Konzerns. Das Unternehmen ist schon seit einigen Jahren in Hamburg mit markanten, goldschwarz lackierten Sammeltaxis unterwegs, die vom Jahr 2025 an auch autonom, also ohne Fahrer, durch die Straßen kurven sollen. Mit steigender Zahl von Fahrzeugen werde das Ganze immer interessanter, sagt Geschäftsführer Robert Henrich: „Moia ist aktuell mit mehreren Hundert Fahrzeugen auf der Straße. Wird die Flotte auf 1000 oder mehr Shuttles erhöht, spielt Ridepooling seine Vorteile voll aus.“ Der Begriff Ridepooling umreißt das besondere Geschäftsmodell von Moia, in dem Fahrgäste sich via App ein Sammeltaxi rufen. Ein Algorithmus im Hintergrund rechnet dann den besten Weg aus, um alle Mitfahrer an ihre Ziele zu bringen.

          Neben der VW-Gesellschaft Moia sind auch andere Unternehmen in dem Geschäft unterwegs oder zumindest mit ähnlichen Modellen. So bietet die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) mit dem Projekt „IOKI Hamburg“ einen Rufdienst für Shuttles an, die Lücken der Verkehrsnetze in den Stadtteilen Osdorf und Lurup schließen sollen. Auch hier steckt viel Software dahinter, wie schon die Abkürzung IOKI zeigt, eine Zusammensetzung aus den Worten „Input“, „Output“, sowie „Künstliche Intelligenz“. Das Besondere ist dabei, dass die Fahrzeuge unter einer Linienbuskonzession fahren und in den bestehenden öffentlichen Personennahverkehr integriert sind. Das könnte früher oder später auch mit dem kleinen Roboterbus aus dem Projekt HEAT in der Hafencity passieren – wenn er sich bewährt. Bislang ist die Laufzeit des Projekts bis Oktober begrenzt.

          Frachtdrohne im Test: Anfang vergangenen Jahres hatte sich der Logistikdienstleister DB Schenker an Volocopter beteiligt, einem Spezialisten für Flugtaxis. Anlässlich der Transportmesse ITS in Hamburg haben die beiden Partner jetzt auf einem Gelände nahe dem dortigen Containerterminal Steinwerder zum ersten Mal vor Publikum ihre Volodrone abheben lassen, ein autonom fliegendes Vehikel für den Gütertransport. Nach früheren Angaben soll sie im kommerziellen Betrieb bis zu 40 Kilometer zurücklegen können, und zusätzlich zu ihrem eigenen Gewicht von etwa 600 Kilogramm rund 200 Kilogramm transportieren können. DB Schenker will mit dem Projekt die Möglichkeiten für Lufttransport erproben.
          Frachtdrohne im Test: Anfang vergangenen Jahres hatte sich der Logistikdienstleister DB Schenker an Volocopter beteiligt, einem Spezialisten für Flugtaxis. Anlässlich der Transportmesse ITS in Hamburg haben die beiden Partner jetzt auf einem Gelände nahe dem dortigen Containerterminal Steinwerder zum ersten Mal vor Publikum ihre Volodrone abheben lassen, ein autonom fliegendes Vehikel für den Gütertransport. Nach früheren Angaben soll sie im kommerziellen Betrieb bis zu 40 Kilometer zurücklegen können, und zusätzlich zu ihrem eigenen Gewicht von etwa 600 Kilogramm rund 200 Kilogramm transportieren können. DB Schenker will mit dem Projekt die Möglichkeiten für Lufttransport erproben. : Bild: Volocopter & DB Schenker

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