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Nach Scheitern der Citybahn : Gutachter nehmen sich die Aartalbahn wieder vor

Liegt brach: die Aartalbahnstrecke am Bahnhof „Eiserne Hand“ Bild: Marcus Kaufhold

Die Reaktivierung der stillgelegten Aartalbahn war und ist als isoliertes Vorhaben eine unwirtschaftliche Option. Mangels Alternativen soll sie abermals untersucht werden.

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          Nach dem Scheitern der Wiesbadener Citybahnpläne rückt die Reaktivierung der 1986 endgültig stillgelegten Aartalbahn wieder ins Zentrum der Überlegungen, um den Schienenverkehr in der Region zu stärken. Wie berichtet, hätte die Citybahn als Straßenbahn über neue Gleise auf der alten Aartaltrasse Bad Schwalbach und Taunusstein mit Wiesbaden und Mainz verbinden sollen. In Bad Schwalbach war eine Umsteigemöglichkeit in Richtung Limburg und Diez vorgesehen, weil Rheinland-Pfalz eine Reaktivierung des nördlichen Abschnitts der Aartalbahn prüft.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Nur wenige Tage nach dem Scheitern der Citybahn hatte der Rheingau-Taunus-Kreis als Alternative schon eine „Aar-Taunus-Ringbahn“ vorgeschlagen. Dazu solle die Ländchesbahn verlängert werden. Eine solche Ringbahn könne mit modernen Wasserstoffzügen in Normalspurbreite betrieben werden. Das ermögliche den Verzicht auf die kostenträchtige Elektrifizierung der Strecke. Ob der Vorschlag Chancen auf Realisierung hat, ist aber höchst ungewiss.

          Denn schon bislang war die Skepsis gegenüber einer Reaktivierung der Aartalbahn sehr hoch, weil der volkswirtschaftliche Gewinn, der als „Nutzen-Kosten-Faktor“ über eine öffentliche Förderung entscheidet, als zu gering erachtet worden ist. In der Vergangenheit waren daran alle Überlegungen einer Reaktivierung der denkmalgeschützten Strecke gescheitert. Noch in den Tagen unmittelbar nach der Abstimmung gegen die Citybahn hatte Wiesbadens Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) darauf hingewiesen, dass gleich mehrere Gutachten eine Förderung durch Bund und Land aufgrund des schlechten Nutzen-Kosten-Wertes bisher so gut wie ausgeschlossen hätten.

          Ein erheblicher Rückschlag

          Das gilt nicht nur für Hessen. Schon vor zwei Jahren gab es für die Pläne von Rheinland-Pfalz, den neun Kilometer langen Abschnitt zwischen Diez und der Landesgrenze bei Zollhaus für den Nahverkehr zu reaktivieren, einen erheblichen Rückschlag. Denn der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz bewertete das Projekt als unwirtschaftlich und verwarf die Nutzen-Kosten-Untersuchungen der Landesregierung als allzu optimistisch und wegen „methodisch fehlerhafter Ansätze“. Risiken wie die Geologie des Taunusgebirges, Lärmschutzanforderungen sowie Kosten für Abschreibung, Zinsen und Unterhalt seien ausgeblendet oder zu gering angesetzt worden. Tatsächlich sinke bei realistischeren Annahmen der Nutzen-Kosten-Faktor der Strecke auf 0,36. Das allerdings ist weit entfernt von einem volkswirtschaftlich vernünftigen Projekt. Ob sich das bei einer abermaligen Gesamtbetrachtung drastisch ändert, ist fraglich.

          Bild: F.A.Z.

          Das letzte Gutachten für den hessischen Abschnitt, also die Strecke zwischen Aarbergen und Wiesbaden, ging im Jahr 2009 bei hohen Investitions- und Betriebskosten von maximal 3400 Fahrgästen am Tag aus. Der für eine öffentliche Förderung notwendige Nutzen-Kosten-Faktor von mindestens 1,0 wurde mit 0,6 seinerzeit klar verfehlt. Damit wurde bestätigt, was eine vergleichbare, aber überschlägige Untersuchung schon im Jahr 2005 ergeben hatte: Damals errechneten die Gutachter je nach Variante einen negativen Kosten-Nutzen-Faktor von minus 0,24 oder minus 0,65. Daraufhin empfahlen sie, erst gar keine aufwendige und teure vollständige Nutzen-Kosten-Analyse in Auftrag zu geben. Ob sich die Ausgangslage inzwischen tatsächlich verändert hat, soll nun mit hohem Aufwand abermals geprüft werden, zumal die Aartalbahn die einzige Schienenoption ist, die verbleibt, um den Pendlern aus dem Aartal neben der Fahrt mit Auto oder Bus über die ohnehin stark frequentierten Verkehrsachsen eine Option zu geben, nach Wiesbaden oder an Wiesbaden vorbei zu gelangen. Inzwischen haben sich Vertreter aus dem hessischen Verkehrsministerium, dem Rhein-Main-Verkehrsverbund, dem Rheingau-Taunus-Kreis und der Landeshauptstadt Wiesbaden zu ersten Beratungen über das weitere Vorgehen getroffen.

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