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Geldmangel im Nahverkehr : Bus und Bahn stecken in der Corona-Klemme

  • -Aktualisiert am

Weniger Passagiere bedeuten mehr Abstand, aber auch geringere Einnahmen für den öffentlichen Nahverkehr. Bild: dpa

Mit der Corona-Pandemie fehlen Nahverkehrsbetrieben viele Passagiere und damit wichtige Einnahmen. Im Osten drohen stillgelegte Strecken, fürchtet Sachsen Verkehrsminister.

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          Busse und Bahnen fahren in der Corona-Pandemie weiter, sind aber leerer als sonst. Das sorgt für Ebbe in Kassen der Nahverkehrsbetriebe: Es fehlen vor allem die Käufer einzelner Fahrkarten. Viele kommunale Unternehmen wissen derzeit nicht, wie sie der neuen Finanznot begegnen sollen. Ohne Hilfe drohe im Osten Deutschlands der Rückbau der Infrastruktur, warnt Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig. „Streckenstilllegungen wären dann die Konsequenz“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der SPD-Politiker fordert einen weiteren Rettungsschirm für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) nach dem Vorbild für die Corona-Ausfälle im vergangenen Jahr. An den Hilfen hatten sich die Bundesregierung und die Bundesländer jeweils zur Hälfte beteiligt.

          Der Nahverkehr spürt die sinkende Mobilität in der Pandemie-Zeit besonders und gilt als Verlierer unter den Verkehrsmitteln. Wegen des Abstandsgebots sitzen und stehen weniger Menschen in den Bussen und Bahnen. Wie schon im Vorjahr bleibt die Zahl der Fahrgäste auch in den ersten Monaten dieses Jahres nach einer Umfrage unter den großen Nahverkehrsbetrieben fast um die Hälfte unter den Werten vor der Corona-Krise. In Berlin fahren in diesem Jahr bisher rund 40 bis 45 Prozent weniger Menschen mit Bussen und Bahnen als zuvor. In München waren es im Januar und Februar etwa 30 bis 40 Prozent weniger Fahrgäste als im Vorjahreszeitraum, in Hamburg beträgt der Rückgang rund 45 Prozent und in Stuttgart etwa 50 Prozent.

          Mindereinnahmen in Milliardenhöhe

          Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen VDV beziffert die voraussichtlichen Verluste durch fehlende Fahrgeldeinnahmen in diesem Jahr auf etwa 3,6 Milliarden Euro. In den neun Pandemiemonaten des vergangenen Jahres waren es etwa 3,3 Milliarden Euro, die durch den Rettungsschirm von Bund und Ländern weitgehend ausgeglichen werden konnten. Nun sei jedoch eine baldige Anschlussregelung unumgänglich, heißt es. Hierzu haben sich die Landesminister schon verständigt, doch noch fehlt die Zusage der Bundesregierung. Ohne einen zweiten Rettungsschirm wären die Verkehrsunternehmen gezwungen, ihr Angebot auszudünnen, um Fahrten einzusparen, warnt der VDV auf Anfrage. Auch in normalen Zeiten finanziert der Staat weite Teile des Nahverkehrs, weil die Karteneinnahmen nicht ausreichen.

          Die Verkehrsbetriebe können ihre Kosten kaum senken, weil Busse und Bahnen weiterfahren sollen. Teilweise wird auf Ferientakt oder auf mehr Fahrzeuge umgestellt. „Da wir aktuell nicht nur 100 Prozent des Angebots fahren, sondern täglich sogar einhundert zusätzliche Busse einsetzen, ist jetzt sogar mehr Platz bei deutlich weniger Fahrgästen und somit mehr Abstand möglich“, teilen die Berliner Verkehrsbetriebe BVG mit. Das bringt mehr Schutz vor einer Corona-Infektion, ist aber auch mit höheren Kosten verbunden.

          30 bis 50 Prozent weniger Passagiere

          Die Berliner Betriebe nahmen im vergangenen Jahr rund 190 Millionen Euro weniger ein als zuvor. Deutschlands größtes Nahverkehrsunternehmen glich das durch Bundes- und Landesgeld sowie eigene Anstrengungen aus, erwartet jedoch für dieses Jahr wieder einen Verlust. Ähnlich rechnet der Münchner Nahverkehr analog zu den Rückgängen der Fahrgastzahlen mit einem Einnahmenrückgang von 30 bis 40 Prozent. In Hamburg geht der Verkehrsbetrieb davon aus, dass der Bund entsprechende Mittel für einen zusätzlichen Defizitausgleich in diesem Jahr zur Verfügung stellen wird.

          Sachsens Minister Dulig sieht im Osten weniger Spielraum für die Nahverkehrsmittel als im Westen, weil die Vergabe der Bundesmittel verschieden ist. „Wir können aufgrund der unterschiedlichen Verteilung der Regionalisierungsmittel nicht mehr“, sagt er über die östlichen Bundesländer. „Wir werden gezwungen, im Osten Strecken stillzulegen, während der Westen mehr Spielräume hat.“ Er schätzt den Bedarf der sächsischen Verkehrsbetriebe auf 92 Millionen Euro in diesem Jahr. Wie viele Politiker spricht Dulig davon, dass sich generell das Mobilitätsverhalten der Menschen weg vom Individualverkehr wenden sollte. Durch die Corona-Änderungen ist das zumindest ausgesetzt. „Doch wenn sich das Angebot minimiert, haben wir den Schaden“, warnt er.

          Die Finanznot zeigt sich auch im Westen. Was wäre wohl ohne den Rettungsschirm für den Nahverkehr im vergangenen Jahr geschehen? Die Antwort des Stuttgarter Nahverkehrsbetreibers VVS ist da eindeutig: Ohne die Bundes- und Landesmittel aus dem Rettungsschirm wären die Verkehrsunternehmen nicht in der Lage gewesen, das Leistungsangebot in der Krise aufrechtzuerhalten. „Auch die lokalen und regionalen Aufgabenträger hätten die Mittel aus eigener Kraft nicht ersetzen können“, teilt der VVS mit. Neben einer deutlichen Einschränkung des Angebots für die Fahrgäste hätte es in größerer Anzahl auch Insolvenzen oder Marktaustritte der Verkehrsunternehmen gegeben. Nun bleiben auch in diesem Jahr die Fahrgäste oft weiter aus. Damit droht sich das Szenario aus dem Vorjahr zu wiederholen.

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