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Stickstoffdioxid : Dieselfahrverbote sind sinnlos

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Es reicht also nicht, die Sterblichkeit von Menschen zu vergleichen, die unterschiedlichen NO2-Konzentrationen ausgesetzt sind. Denn vielleicht kommen diese Unterschiede gar nicht von NO2, sondern daher, dass Menschen, die an stark befahrenen Straßen wohnen, auch mehr rauchen, weniger auf ihre Gesundheit achten, mehr Feinstaub einatmen, mehr Straßenlärm ausgesetzt sind – oder dass sie ohnehin schon kränker waren, bevor sie in eine solche Straße gezogen sind, und deshalb früher sterben. In epidemiologischen Zusammenhangs-Studien kann man Störfaktoren aber nie vollständig berücksichtigen, schon allein deswegen nicht, weil man nicht all diese Faktoren kennt beziehungsweise messen kann.

Wir wissen nicht, ob Diesel-Fahrverbote Leben retten

Ich habe für einen spezifischen Zusammenhang zwischen NO2-Luftkonzentrationen und dem Sterbe- und Erkrankungsrisiko bei einer systematischen Datenbanksuche insgesamt 14 Studien gefunden. Davon beschreiben sechs das Vorliegen eines solchen Zusammenhangs, drei zeigen, dass ein solcher unabhängiger Zusammenhang nicht besteht, und fünf kommen zu keinem klaren Ergebnis. Keine der Studien, die einen Zusammenhang zwischen NO2 und Sterblichkeit beschrieben haben, berücksichtigte und korrigierte alle wesentlichen Faktoren, die mit dem Wohnen an stark befahrenen Straßen verbunden sind und Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Aus den vorliegenden Zusammenhangs-Studien lässt sich also weder die Schädlichkeit noch die Unschädlichkeit von Stickstoffdioxid in der Atemluft wissenschaftlich klar belegen. Das heißt, wir wissen nicht, ob die Sterblichkeit von Menschen an stark befahrenen Straßen sinkt, wenn wir alle Diesel verboten haben und stattdessen Benziner durch die Straßen fahren.

Diese Unsicherheit wirft bei der Lösung unseres Problems daher nun die Frage nach der Beweislast auf, oder anders ausgedrückt: Muss man die Schädlichkeit von NO2 beweisen, bevor man Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhängt, oder muss man vielmehr die Unschädlichkeit von NO2 beweisen, wenn man solche Fahrverbote in bestimmten Straßen nicht verhängt? Hierbei kommt es nicht auf Wissenschaft an, sondern auf subjektive Werte und Überzeugungen.

Solche Werteentscheidungen entziehen sich meist logischen und wissenschaftlichen Argumenten. Hierbei spielen viele Faktoren eine Rolle, die so gut wie nichts mit der eigentlichen Fragestellung zu tun haben, zum Beispiel der Betrug der Autoindustrie beim Messen der Abgase, ökologische Einstellungen, Meinung zum Recht auf unbeschränkten Autoverkehr, eigene Gesundheitsüberzeugungen und vieles mehr. Solche Werteentscheidungen dürfen Wissenschaftler nicht treffen, und wenn sie es doch tun, überschreiten sie ihre Kompetenzen. Werteentscheidungen sind Sache von Politikern. Sie dürfen „unwissenschaftlich“ entscheiden: Dafür haben sie eine demokratische Legitimation.

Allerdings können politisch opportune Schein-Lösungen nebenwirkungsbehaftet sein: Wenn NO2 nicht die Ursache, sondern nur ein Anzeiger einer gesundheitsschädlichen Luftbelastung ist, dann werden Dieselfahrverbote so viel bringen wie das Ausschalten der Warnlampe bei Motorölmangel.

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