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Abgasskandal : Sind jetzt alle Autofirmen Betrüger?

Mächtig, mächtiger, Wolfgang Porsche Bild: Reuters

Fast die ganze Fahrzeugbranche hat beim Abgas getrickst. Aber nur Volkswagen hat betrogen. Dafür sichern sie sich dort jetzt ordentliche Boni. Das hat System.

          Dass die Ingenieurleistungen der deutsche Automobilbranche weltweit besonders kreativ sind, weiß man seit den Zeiten von Gottfried Daimler, Carl Benz oder Rudolf Diesel. Dass die deutschen Autoleute aber auch bei der Erfindung neuer Begriffe und deren Interpretation mit Einfallsreichtum brillieren, weiß man spätestens seit vergangenem Freitag.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Thermofenster“ heißt das neue Zauberwort, das Verkehrsminister Alexander Dobrindt am Freitag als Ergebnis der „Untersuchungskommission Volkswagen“ dem aktiven Sprachschatz der Deutschen hinzufügte. Dahinter verbergen sich in der Branche beliebte Verfahren, mit denen die Autohersteller die Wirksamkeit ihrer Emissionskontrollsysteme zurückfahren, um Dieselmotoren vor Beschädigung oder Unfall zu schützen. So etwas ist zum Beispiel dann erlaubt, wenn eine bestimmte Außentemperatur unterschritten wird. Offenbar aber, so belehrt uns Minister Dobrindt, waren die Leute bei Audi, Porsche, Mercedes, Volkswagen oder Opel in der Vergangenheit besonders großzügig dabei, wenn es galt, diese Gefahren für den Motor zu sehen und solche „Thermofenster“ zu nutzen. Der Effekt: Es besteht eine große Bandbreite bei der Messung der Stickoxide von Dieselmotoren zwischen der Straße und dem Labor. Die Autos sehen allesamt umweltfreundlicher aus als sie es in Wirklichkeit sind.

          Furcht vor der amerikanischen Justizmaschine

          Seit Dobrindts Pressekonferenz ist Aufruhr im Autoland. Denn der CSU-Politiker hat ausgeplaudert, was viele schon lange ahnten: Nicht nur Volkswagen, sondern fast die gesamte Fahrzeugbranche – BMW ist die rühmliche Ausnahme – hat beim Abgas getrickst. 630.000 Fahrzeuge holen die Hersteller jetzt in ihre Werkstätten zurück. Und wirken dabei ziemlich kleinlaut.

          Ein kleiner, aber nicht unerheblicher Unterschied, blieb bei der ganzen Aufregung allerdings auf der Stecke: Dobrindts Kommission war eingerichtet worden, um zu erkunden, ob neben Volkswagen auch andere Autobauer illegale Abschaltmechanismen verwenden. Dies sei nicht der Fall, konstatierte Dobrindt: „Kein weiteres Fahrzeug verwendet eine Prüfzykluserkennung wie VW“, heißt es in dem Bericht. Ob sie vielleicht andere illegale Software verwenden? Da ist man inzwischen hellhörig, zumal die Leute bei Daimler in Stuttgart inzwischen arg vorsichtig geworden sind und noch nicht einmal mehr sagen wollen, sie hätten keine „defeat devices“ (Betrugssoftware) verwendet, mit denen die Abgasnachbehandlung abgeschaltet werde. Ob sie befürchten, am Ende werde doch noch Dreck am Stecken sichtbar oder ob sie nur übervorsichtig sind aus Furcht vor der amerikanischen Justizmaschine, das weiß man nicht.

          Verniedlichende „Dieselthematik“

          Fakt nach heutigen Stand ist also: VW hat betrogen und den Betrug auch zugegeben. Alle anderen Hersteller von Dieselfahrzeugen haben den legalen Spielraum (Stichwort: Thermofenster) bis zum Krachen gedehnt. Das ist ein Unterschied. Die Grenze zwischen Legalität und Illegalität sollte man in einem Rechtsstaat nicht verwischen.

          Offenkundig gibt es aber auch bei Volkswagen, wo sie bis heute den Abgasbetrug verniedlichend „Dieselthematik“ nennen, nicht wenige, die den gesetzesbrecherischen Ernst ihrer Lage nicht sehen oder nicht sehen wollen. Obwohl VW in der vergangenen Woche mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust in seiner Unternehmensgeschichte bekannt geben musste, dank der hohen Rückstellungen zur Abfederung des Dieselskandals in Höhe von 16,2 Milliarden Euro, waren Eigentümer und Top-Manager nicht bereit, aus diesem Jahrhundertereignis für sich selbst Konsequenzen abzuleiten. Das Autogeschäft laufe doch bestens, so ihr Einwand. Alles andere, also der skandalbedingte Verlust, seien Sondereinflüsse, und was habe man persönlich damit zu schaffen. Die Großaktionäre des Konzerns – die Familien Piëch, Porsche und das Land Niedersachsen – dachten gar nicht daran, in einem Verlustjahr auf eine Dividende (wörtlich: Gewinnbeteiligung) zu verzichten. Und die Manager bestanden bis zuletzt auf ihren Boni, allem Druck aus der Öffentlichkeit zum Trotz.

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