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Manipulationen bei VW : Ist der Diesel eine Dreckschleuder?

Dampf ablassen: Die weißen Schwaden beim Kaltstart sind nur Wasser. Bild: Imago

Betrugsvorwürfe, Spekulationen, Personalkarussell: In der Diskussion um Volkswagen ist einiges durcheinander geraten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          3 Min.

          Ist der Diesel schmutziger als der Benzinmotor?

          Nein. Jedenfalls dann nicht, wenn die modernen Motoren die strengsten Abgasnormen auch tatsächlich erfüllen. Allerdings ist der Benzinmotor mit einem geregelten Katalysator aufgrund seiner Abgaszusammensetzung und -temperatur leichter von Schadstoffen zu befreien. Beim Diesel müssen dazu mehrere Komponenten ineinandergreifen: ein kleiner Oxidationskatalysator im Motorraum reinigt das Abgas von unverbrannten Kohlenwasserstoffen und Kohlenmonoxid, ein Partikelfilter hält die festen Bestandteile (Ruß) zurück. Stickoxide, die unter hohen Temperaturen aus dem in der Luft enthaltenen Stickstoff entstehen, werden dadurch allerdings nicht beseitigt. Sie sind verantwortlich für den schlechten Ruf des Dieselmotors, denn sie belasten die Atemwege und sind für den sauren Regen mitverantwortlich. Zur Beseitigung wird ein Teil der Abgase in den Motor zurückgeführt, wodurch die Temperaturspitzen im Brennraum gesenkt werden. In Motoren, die Normen wie Euro 5 und 6 erfüllen sollen, kann zusätzlich ein Filterspeicher eingesetzt sein, der wie der Partikelfilter von Zeit zu Zeit freigebrannt werden muss. Eine andere Möglichkeit ist die Einspritzung einer Harnstofflösung (AdBlue) - ein teures Verfahren, das vor allem in Lastwagen und Autos der Oberklasse angewendet wird. Das Zusammenspiel der einzelnen Systeme erfordert eine komplizierte Steuerung über die Fahrzeugelektronik.

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          Wie kommen dann die gemessenen hohen Werte zusammen?

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Messungen für die Typenzulassung finden auf dem Rollenprüfstand statt. Das gilt sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für Europa. Dabei werden in einem standardisierten Zyklus Verbrauch und Abgasemission ermittelt. Die Messungen mit den viel zu hohen Werten fanden dagegen während der Fahrt auf der Straße statt. Wie beim Verbrauch ergeben sich für die Abgase in der Realität völlig andere Ergebnisse als auf dem Prüfstand, und zwar sowohl für Dieselmotoren als auch für Benziner. Stutzig macht allerdings jetzt die Höhe der Abweichung.

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          Warum wird nicht grundsätzlich auf der Straße gemessen?

          Der tatsächliche Abgasausstoß auf der Straße ist von vielen Faktoren abhängig, er lässt sich deshalb schwer standardisieren. Die Messung ist außerdem weniger genau, weil die vorbeistreichenden Abgase erfasst werden müssen. Auf dem Prüfstand werden sie eingesammelt. Dennoch sollen in Europa Praxiswerte in die Zulassung eingehen. Wie das Verfahren abläuft und wie die Daten vergleichbar gemacht werden können, wird derzeit diskutiert.

          Warum hat VW getrickst?

          Soweit bekannt, hat VW versucht, mit den manipulierten Messungen auf dem Prüfstand die amerikanischen Grenzwerte zu erfüllen. Sie unterscheiden sich von den europäischen, auch der Zyklus ist nicht vergleichbar.

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          Wird auch in Europa manipuliert?

          Das ist ungewiss. Grundsätzlich kann auch die europäische Norm mit der entsprechenden Software ausgetrickst werden. Den derzeit gültigen Grenzwert Euro 6 halten die Diesel nach Aussage der Hersteller ein, bei Euro 5 wurde offenbar manipuliert.

          Die Software erkennt anhand der Fahrbedingungen, dass sich das Auto nicht auf der Straße, sondern auf einem Prüfstand befindet. Die Elektronik kann dann die Abstimmung aller Komponenten so verändern, dass möglichst wenig Abgase entstehen, zum Beispiel auf Kosten des Fahrkomforts. Die Regeneration der Filter, die mit erhöhtem Schadstoffausstoß verbunden ist, kann verzögert werden. Und das Fahrzeug kann sich vorab auf veränderte Betriebszustände einstellen, etwa eine Beschleunigungsphase nach konstanter Geschwindigkeit. So wird die Reaktionszeit der Systeme verkürzt. Soweit vorhanden, lässt sich außerdem die Menge der eingespritzten Harnstofflösung variieren.

          Welche Motoren sind betroffen?

          Dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. Sicher ist bisher, dass rund 11 Millionen Motoren der Baureihe EA 189 von VW und Audi mit der Schummelsoftware ausgestattet sind. In Europa erfüllen sie Euro 5. Andere Baureihen haben sie laut VW ebenfalls, dort sei sie aber nicht aktiv. Ob für die zugelassenen Autos die Gefahr besteht, die Betriebserlaubnis zu verlieren, ist offen. Wenn die Fahrzeuge ohne Manipulation die Grenzwerte einhalten, reicht es wahrscheinlich, eine neue Software aufzuspielen.

          Hat der Dieselmotor noch Zukunft?

          Ja. Im Auto verbraucht der Diesel im Vergleich zum Benziner knapp ein Drittel weniger. Dieselöl ist etwas dichter, der Vorteil im Ausstoß von Kohlendioxid liegt bei etwa 20 Prozent. Ein hoher Dieselanteil in Personenwagen - in Europa ist es derzeit etwa die Hälfte - ist deshalb wichtig, um die Klimaziele zu erreichen. Hinsichtlich der Kilometerleistung liegt der Dieselmotor weit vorn. Große Motoren sind ohnehin allesamt Diesel.

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