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VW-Abgasaffäre : Das große Aufräumen nach dem Skandal

Das VW-Werk in Wolfsburg Bild: dpa

Ein Jahr nach dem Abgasbetrug sind für VW die Folgen noch immer nicht absehbar. Der Konzern steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Vor der heutigen Mitarbeiterversammlung bangen viele um ihre Stellen.

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          Früher waren Mitarbeiterversammlungen in Wolfsburg ein großes Volksfest. Es gab kämpferische Reden, Betriebskapelle, Currywurst. Doch seit einem Jahr ist nichts mehr bei Volkswagen so, wie es war. Wenn an diesem Mittwoch wieder rund 20.000 Mitarbeiter in die Halle 11 des Stammwerks strömen, ist die Stimmung angespannt. Der Zwölf-Marken-Konzern mit 610.000 Beschäftigten in aller Welt steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte. Und Bernd Osterloh, der mächtige Betriebsratsboss, wird nicht darum herumkommen, der Belegschaft einige Wahrheiten zu präsentieren: Der Skandal um manipulierte Dieselmotoren kostet Milliarden, gleichzeitig muss VW viel Geld in die neue Mobilität investieren.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ohne Einsparungen ist all dies nicht zu bewältigen. Womöglich bleibt nur unausgesprochen, was viele Mitarbeiter längst befürchten: Dieses Mal wird es einen großen Personalabbau geben. Auch eine Werksschließung, genannt wird zuerst die Motorenfabrik in Salzgitter, ist kein Tabu mehr.

          Bild: F.A.Z.

          Der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller bemühte sich, im Vorfeld die Ängste zu zerstreuen: „Wir werden niemanden rausschmeißen oder betriebsbedingt kündigen“, sagte er vor wenigen Tagen. Trotzdem ist klar, dass sich nicht nur in Wolfsburg und Salzgitter, in Braunschweig oder Kassel vieles ändern wird. Die Personalausgaben sind an vielen Standorten zu hoch, die Produktion ist ineffizient und teuer.

          Daher sind Einschnitte unverzichtbar. Zu den Details will der Konzern sich noch nicht äußern. Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler schätzt, dass VW allein in diesem und dem kommenden Jahr rund 5000 Stellen abbauen wird, indem etwa offene Positionen nicht nachbesetzt werden. Aus seiner Sicht müsste der Vorstand eigentlich noch stärker eingreifen: „Das ist die Untergrenze dessen, was eigentlich notwendig wäre.“

          Arbeitsgruppe sucht nach Auswegen für Kernmarke VW

          Im Fokus steht die renditeschwache Kernmarke VW. Um ihr Ergebnis zu verbessern, feilen Betriebsräte und Manager an einem „Zukunftspakt“, der bis zum Herbst vorliegen soll. Die wöchentlich tagenden Arbeitsgruppen sollen Wege finden, um die Effizienz zu erhöhen und gleichzeitig die Beschäftigung zu sichern. Allerdings hakt es an vielen Stellen. Im Umfeld des Betriebsrats heißt es, das Management wolle pauschale Kostensenkungen durchsetzen, ohne konkrete Zukunftsstrategien vorzulegen.

          Sorgen bereitet das Werk in Salzgitter, das mit 7000 Beschäftigten Otto- und Dieselmotoren produziert und im Zuge der von Müller angekündigten Elektrooffensive in eine Unterbeschäftigung geraten könnte. Personalvorstand Karlheinz Blessing lässt bereits prüfen, wie eine Batteriefertigung am Standort „ein Maximum an Arbeitsplätzen“ erhalten könnte. Auch die Auslastung der Komponentenwerke ist ein Thema, da VW in Zukunft womöglich noch mehr Teile von Zulieferern kaufen und weniger selbst produzieren wird.

          Der Druck ist auch deshalb so groß, weil die Bewältigung des Dieselskandals so kostspielig ist. Rund 18 Milliarden Euro hat VW schon zurückgestellt, und diese Summe dürfte bei weitem nicht ausreichen. 13,7 Milliarden Euro verschlingt allein der Vergleich mit amerikanischen Autokäufern und Behörden, den Europas größter Autokonzern im Juni geschlossen hatte. Hinzu kommen strafrechtliche Ermittlungen und Klagen von Anlegern, die den Konzern wegen angeblicher Verstöße gegen Kapitalmarktregeln verklagt haben.

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