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VW-Abgasaffäre : Das große Aufräumen nach dem Skandal

Nach dem Manipulationsskandal befindet sich VW in der tiefsten Krise des Unternehmens. Öffnen
Volkswagen-Chronik : Vom sauberen Auto zum schmutzigen Skandal Bild: AFP

Mehr als 700 Sammelklagen sind bei einem Bezirksgericht in San Francisco eingegangen. VW muss Autohändler entschädigen, Autos umrüsten und in einigen Märkten einen spürbaren Absatzrückgang verkraften. Arndt Ellinghorst von Evercore ISI schätzt, dass all dies im schlimmsten Fall bis zu 48 Milliarden Euro kosten könnte. Andere Schätzungen gehen von etwa 35 Milliarden Euro oder weniger aus, der Schaden für den Konzern ist auch nach einem Jahr noch nicht absehbar.

In Europa lehnt VW jede Entschädigung betroffener Kunden ab

Während VW dem zuständigen Richter Charles Breyer einen Entschädigungsplan wegen der rund 480000 manipulierten Zwei-Liter-Motoren vorgelegt hat und auf eine Zustimmung hoffen darf, gibt es für Audi noch keine Lösung. Die Tochtergesellschaft aus Ingolstadt war federführend bei der Manipulation der rund 85000 Autos mit Drei-Liter-Motoren der Marken Audi, Porsche und VW. Bisher wurden alle vorgelegten Pläne zur Reparatur der Fahrzeuge abgelehnt. Bis Ende Oktober muss Audi der amerikanischen Umweltbehörde EPA einen neuen Vorschlag präsentieren. Möglicherweise läuft es auf einen teuren Rückkauf der Autos hinaus. Audi hat für das vergangene Geschäftsjahr vorsorglich 228 Millionen Euro zurückgestellt und im ersten Halbjahr dieses Jahres noch einmal 132 Millionen Euro.

In Europa lehnt der VW-Konzern jede Entschädigung für betroffene Kunden ab. 8,2 Millionen Autos werden stattdessen in die Werkstätten zurückbeordert und nachgerüstet, davon 2,5 Millionen in Deutschland. Den Anfang macht hierzulande der Porsche Macan. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gab ein Software-Update für die 10500 zugelassenen Macan frei. Mit dem Eingriff in die Motorsteuerung soll sichergestellt werden, dass die Abgasreinigung auch schon bei niedrigen Außentemperaturen in vollem Umfang arbeitet – und nicht wie bisher erst bei mehr als 17 Grad.

Die Umrüstung des Macan ist Teil des „freiwilligen“ Rückrufs, den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bereits im April angekündigt hatte. Hintergrund waren Nachmessungen des KBA, die auch bei anderen Herstellern Zweifel an der Wirksamkeit der Abgasreinigung bei niedrigen Temperaturen aufkommen ließen. Auch Opel und Mercedes hatten daraufhin zugesagt, bei betroffenen Fahrzeugen die Abgasreinigung nachzubessern. Insgesamt sind es 630000 Rückrufe.

Innerhalb eines Jahres ist der Diesel in Verruf geraten. Zwar liegen die Pläne einer Blauen Plakette für Autos mit besonders geringem Stickoxidausstoß derzeit auf Eis, aber die Verunsicherung der Dieselfahrer ist geblieben. Dabei spielt es in der politischen Diskussion keine Rolle mehr, ob es Modelle des VW-Konzerns sind, in denen der Einbau einer Zykluserkennung die Stickoxidemission im Labortest verringert hat; es geht um die Dieseltechnologie in Gänze. Für Fachleute ist es nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Städte ältere Dieselautos per farblicher Plakette oder generellen Fahrverboten aus ihren Zentren verbannen. „In den großen Metropolen wird der Selbstzünder zurückgedrängt werden“, sagt etwa Elmar Kades, Direktor der Beratungsgesellschaft Alix Partners. Auch das ist eine Folge des Skandals.

EU-Kommissarin Bienkowska droht zögernden EU-Staaten Die Europäische Kommission will schon bald über rechtliche Schritte gegen Mitgliedstaaten entscheiden, die sich bisher im Abgasskandal zu zögerlich gezeigt haben. „Sie werden in den kommenden Monaten sicherlich Vertragsverletzungsverfahren erleben“, sagte die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska in der Nacht zum Dienstag in Straßburg vor dem Untersuchungsausschuss, den das EU-Parlament in Reaktion auf den VW-Skandal eingerichtet hat. „Ich werde so bald wie möglich handeln“, sagte Bienkowska weiter. Sie wolle in den kommenden Wochen über die Einleitung von Vertragsverletzungsverfahren entscheiden. Die Kommission kann nicht direkt gegen Verstöße von Autobauern gegen die EU-Abgasvorgaben vorgehen, weil dafür die Staaten zuständig sind. Sie kann aber gegen Staaten vorgehen, die das nicht ausreichend tun. Bienkowska sagte, sie habe Zweifel am Verhalten von weiteren Autoherstellern. Sie habe aber längst noch nicht alle benötigten Informationen aus den Mitgliedstaaten erhalten, die überprüfen sollen, ob weitere Hersteller Abschalteinrichtungen, also verbotene Software zur Manipulation von Abgaswerten bei Dieselautos, einsetzen. Sie habe zwar Berichte über die Untersuchungen erhalten, die in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien eingeleitet worden seien. „Aber alle Berichte haben Lücken“, sagte Bienkowska. Daher habe sie bei den Verkehrsministerien zusätzliche Auskünfte angefordert. Bienkowska verteidigte die geltenden europäischen Abgasregeln. „Die Gesetzgebung zu Abschalteinrichtungen ist klar“, sagte sie. Der VW-Skandal war ausgelöst worden, als die amerikanischen Behörden illegale Abschalteinrichtungen entdeckten, die der Autohersteller verwendete, um die amerikanischen Diesel-Abgasnormen zu erfüllen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte kritisiert, die Regeln seien unklar. Die EU-Kommissarin hielt dem entgegen, dass kein einziger Autohersteller vor dem VW-Skandal um eine Klarstellung dazu gebeten habe. Sie sei sehr verstört darüber, wie Verbraucher in Europa behandelt würden, die vom Abgasskandal betroffen seien, sagte die ehemalige polnische Ministerin. „Es gibt keinen guten Willen, Verbraucher zu entschädigen“, sagte sie. Amerikanische Kunden könnten im Gegensatz zu Europäern auf finanzielle Entschädigung hoffen. „Es muss etwas Vergleichbares für europäische Verbraucher geben“, forderte Bienkowska. Europaabgeordnete warfen unterdessen auch der Kommission Versäumnisse vor. 23 Mitgliedstaaten hätten die entsprechenden EU-Regeln nicht richtig umgesetzt, kritisierte der SPD-Abgeordnete Ismail Ertug. Dennoch habe die Kommission nichts getan. hmk.

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