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F.A.S. exklusiv : Lungenärzte wehren sich im Streit um Stickoxid-Grenzwerte

Viel Verkehr wenig frische Luft zum Atmen. Doch wie gesundheitsgefährdend ist es, an einer vielbefahrenen Straße zu leben? Bild: dpa

Die Grenzwerte für Diesel-Abgase sind nicht richtig, sagt der Lungenarzt Dieter Köhler. Doch er hat sich verrechnet. Jetzt kontert der Mediziner. Und auch seine Unterstützer bleiben ihm treu – sie feilen an einer gemeinsamen Erklärung.

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          Wer einmal falsch rechnet, dem glaubt man nicht? Nein, Rechenfehler ändern überhaupt nichts, zumindest nicht wenn es den Deutschen um ihre Autos geht. Zwei Wochen lang haben Befürworter und Gegner des Diesels über eine Stellungnahme zu Stickoxid-Grenzwerten (NOx) gestritten, die mehr als 100 Lungenärzte unterschrieben hatten, angeführt von dem Lungenarzt Dieter Köhler und drei Ko-Autoren. Ihre Kernaussage: Die Grenzwerte für das Diesel-Abgas Stickoxid und für Feinstaub seien nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. Am Donnerstag rechnete die „Tageszeitung“ vor, dass in der Stellungnahme ein Fehler war: Köhler verglich die Feinstaub-Belastung an Hauptverkehrsstraßen mit der von Rauchern, dabei habe er allerdings die Belastung von Rauchern falsch eingeschätzt, weil er eine EU-Verordnung von 2004 ignoriert habe. Zudem habe er 2018 in einer Rechnung für das „Deutsche Ärzteblatt“ die Stickoxid-Belastungen von Rauchern überschätzt – auch die Ergebnisse dieser Rechnung seien in der Stellungnahme aufgetaucht.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bemerkenswert ist, dass dieser Aufruf zwar große Fans und empörte Gegner hatte, der Rechenfehler trotzdem zwei Wochen lang unbeachtet blieb. Offenbar drehte sich die Debatte weniger um die inhaltlichen Argumente der Stellungnahme und mehr darum, ob Köhler und seine Kollegen zu diesem Thema überhaupt etwas sagen dürfen.

          Der Rechenfehler ändert nichts an den Fronten

          Köhler ist nicht der erste, dem Rechenfehler vorgeworfen werden. Der Ökonom Kenneth Rogoff machte einst Furore mit der These, Staatsverschuldungen über 90 Prozent der Wirtschaftsleistung seien gefährlich. Ein Student wies ihm einen Excel-Fehler nach, reicherte das mit einiger Weltanschauung an und vermittelte so den Eindruck, Rogoffs Schlussfolgerung wäre falsch. Danach tauchte Rogoffs Stimme in der politischen Diskussion deutlich seltener auf. Thomas Piketty, der mit Thesen von strukturell wachsender Ungleichheit Furore machte, hatte gleich mehrfach mit Vorwürfen zu kämpfen, er habe sich verrechnet oder Daten falsch interpretiert. Seine Fans aber ließen sich von diesen Vorwürfen nicht beirren. Derzeit sieht es so aus, als würde es Köhler eher so gehen wie Thomas Piketty.

          Die Frontlinien haben sich seit der Enttarnung des Rechenfehlers nicht verändert. Wer Köhlers Stellungnahme vorher schon mochte, lässt sich auch jetzt nicht abbringen. „Die von Professor Köhler und anderen Experten angestoßene Debatte über die Verhältnismäßigkeit der Grenzwerte bleibt im Kern sinnvoll und berechtigt. Noch wichtiger als der Grenzwert sind auch die fragwürdigen, uneinheitlichen Messverfahren und Modellrechnungen“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Oliver Luksic.

          Wer mit Köhlers Stellungnahme vorher schon nicht mochte, spottete hinterher über den Rechenfehler. Die Grünen machten sich zum Anstifter einer Meuterei. Nach F.A.S.-Informationen schickte der grüne Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar eine Mail an alle Unterzeichner des Köhler-Aufrufs– darin die Frage, ob sie jetzt ihre Unterschrift zurückzögen. Bisher allerdings hatte er damit offenbar keinen Erfolg. Bis Samstagnachmittag hatte sich niemand gemeldet, der seine Meinung ändert.

          Die Initiatoren feilen an einer Stellungnahme, die am Sonntag veröffentlicht werden soll. Darin heißt es: „Die medizinischen Aussagen zur gesundheitlichen Relevanz der geltenden Grenzwerte bleiben für die Autoren unverändert. Die Zahl der Unterzeichner hat sich seit der ursprünglichen Stellungnahme erhöht.“

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