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Lange Lieferzeiten : Dieselfahrer müssen bei Umtausch monatelang auf ihr neues Auto warten

  • -Aktualisiert am

Autokäufer müssen lange auf ihre Neuwagen warten. Bild: dpa

Die Fahrverbote kommen. Vor allem mit Umtauschprämien der Hersteller will die Regierung dafür sorgen, dass Bürger weiterhin mit dem Auto in die Innenstädte kommen. Doch wie Recherchen von FAZ.NET zeigen, bekommen umtauschwillige Kunden trotzdem ein Zeitproblem.

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          Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wirkten nach dem beschlossenen Diesel-Kompromiss am Dienstag beinahe euphorisch: „Wir haben hier, glaube ich, ein großes Ding auf den Weg gebracht“, lobte Schulze. Der Koalitionsausschuss habe sich auf einen „sehr, sehr großen Schritt verständigt“, ergänzte Scheuer.

          Überwiegend mit großen Umtauschprämien der deutschen und ausländischen Automobilhersteller von bis zu 10.000 Euro wollen Scheuer und Schulze die Fahrer alter Dieselfahrzeuge zum Kauf eines neueren, emissionsärmeren Autos animieren. Damit sollen weitere Fahrverbote verhindert werden und vor allem Pendler weiterhin auch in Städte fahren können, in denen ein Fahrverbot für ältere Diesel verhängt wird.

          Ob das funktioniert, erscheint aber zumindest fraglich. Denn die Hersteller haben teils gravierend lange Lieferzeiten für ihre modernen Fahrzeuge: Nach Recherchen von FAZ.NET dürften Kunden, wenn sie sich zum Umtausch entscheiden, teils erst Monate nach Inkrafttreten der Fahrverbote ihr neues Auto bekommen. Pendelnde Dieselfahrer haben das Nachsehen.

          Lieferzeiten bis zu acht Monate

          So rechnet Audi nach eigenen Angaben beim SUV-Modell Q5 mit Lieferzeiten von bis zu acht Monaten. Auf einen Audi A3 Sportback müssen Neukäufer etwa vier Monate warten. Die französische Marke Citroën kalkuliert bei ihrem Kombi-Modell C3 Aircross mit knapp fünf Monaten Lieferfrist, beim Hochdachkombi Berlingo kann es bis zur Lieferung bis zu vier Monaten dauern. Und Daimler kündigt bei seinen umweltfreundlichen Plug-in-Hybriden bereits an: Aufgrund der hohen Nachfrage sind die bestellbaren Kontingente nahezu ausgebucht.

          Die Lieferzeiten sind allerdings stark abhängig von Modell, Motor-Getriebe-Variante, gewählter Ausstattung oder Auftragsbestand. Je nachdem, wie stark man sein Fahrzeug individualisieren möchte, schwanken auch die Lieferzeiten. Auch die Umstellung auf den neuen Abgas-Standard WLTP spielt bei vielen Herstellern eine Rolle. Allerdings sind besonders deutsche Kunden bei den Autoherstellern dafür bekannt, sehr viel individuelle Ausstattung zu verlangen – das verlängert die Lieferzeit zusätzlich. Zwar könnten Diesel-Kunden auch auf gebrauchte Fahrzeuge zurückgreifen. Allerdings sinken für Fahrzeuge aus zweiter Hand bei einigen Herstellern die Prämien. Zudem ist der Gebrauchtwagenmarkt gerade für Dieselfahrzeuge mit in Fahrverbotszonen erlaubten, neuen Abgasnormen begrenzt.


          Was die Dieseleinigung für Autofahrer bedeutet

          © dpa

            Das ist die große Frage. Schulze setzt darauf, dass sie in den letzten Jahren verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen wollen. Was die Umtauschprämien angeht, zeigen sich die Autohersteller auch kooperativ. Völlig anders sieht das bei den Hardware-Nachrüstungen aus. Ein Überblick darüber, was die einzelnen Hersteller versprochen haben – und was nicht: Zum Artikel

            Volkswagen

            Volkswagen will Dieselbesitzern so schnell wie möglich Umtauschprämien anbieten. Die geplanten Prämien der Volumenmarken des Konzerns sollen im Schnitt etwa 4000 Euro für Diesel der Abgasnormen Euro 1 bis Euro 4 betragen und 5000 Euro für Euro-5-Diesel, teilte Volkswagen am Dienstag in Wolfsburg mit. Nachrüstungen stimmt der Konzern im Grundsatz zu. Allerdings erwartet er, „dass die Bundesregierung sicherstellt, dass sich alle Hersteller an den entsprechenden Maßnahmen beteiligen“. Ein Insider wies der Nachrichtenagentur Reuters zufolge zudem auf eine Spitzfindigkeit hin: Volkswagen habe vor dem Koalitionsausschuss nur zugesagt, 80 Prozent der Kosten einer Umrüstung zu übernehmen. Allein daran fühle man sich gebunden – nicht an die nun geäußerte „Erwartung“, die kompletten Kosten zu zahlen.

            Daimler

            Daimler ist der zweite Hersteller, der sich im Grundsatz offen für Nachrüstungen zeigt. Allerdings will sich der Konzern Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zufolge „eher auf Prämien konzentrieren“. Daimler wolle bis zu 5000 Euro Umtauschprämie zahlen, sagte der Minister.

            BMW

            Der Münchner Hersteller lehnt Hardware-Nachrüstungen rundheraus ab. „Wir konzentrieren uns auf die Flottenerneuerung, weil sie schnell Verbesserungen bringt“, so der Konzern. Die Nachrüstung alter Dieselautos dauere dagegen zu lange. Sie könne Gewicht, Leistung, Verbrauch und CO2-Ausstoß des Autos verschlechtern. Dazu kämen noch Gewährleistungsfragen. Ab sofort bekämen BMW-Fahrer in Regionen mit hoher Stickoxid-Belastung aber 6000 Euro Rabatt, wenn sie ihren Euro-4- oder Euro-5-Diesel durch ein Neufahrzeug ersetzten, sagte ein BMW-Sprecher am Dienstag in München. Beim Kauf eines jungen Gebrauchten oder eines Vorführwagens zahle der Konzern 4500 Euro Umtauschprämie.

            Opel

            Auch der inzwischen dem französischen PSA-Konzern gehörende Hersteller Opel lehnt Hardware-Nachrüstungen ab. Sie seien ökonomisch nicht sinnvoll und technologisch nicht ausgereift, teilte das Unternehmen mit. „Zudem würde es zu lange dauern, sie zu implementieren.“


          Drei Monate bis zum Fahrverbot

          Das sind schlechte Nachrichten für Dieselfahrer in Städten, in denen bald ein Fahrverbot in Kraft tritt. In Stuttgart etwa droht es für Dieselfahrzeuge der Abgasnorm Euro 4 oder darunter bereits zum Jahreswechsel am 1. Januar 2019. Für Anwohner soll es eine Übergangsfrist bis zum 1. April 2019 geben. Baden-Württembergs Vekehrsminister Winfried Herrmann (Grüne) betonte zuletzt, dass sich trotz Umtauschprämie und möglicher Hardware-Nachrüstungen das Fahrverbot wahrscheinlich nicht verhindern ließe.

          Bis zum möglichen Start des Fahrverbots bleiben in Stuttgart rund drei Monate. Wer sich ausgerechnet hatte, mit einem umgetauschten Diesel in die Innenstadt zu kommen, geht wahrscheinlich leer aus. Die meisten Autohersteller haben bei ihren neuen Modellen längere Lieferzeiten. Selbst für Anwohner, die bis April noch knapp sechs Monate haben, könnte es eng werden.

          Nur wenig Zeit bis zum Fahrverbot

          Stuttgart ist nicht die einzige Stadt, in der sich das Problem stellt. In Frankfurt sollen die Fahrverbote einen Monat später, am 1. Februar 2019, starten. Allerdings könnten Frankfurter von dem Extra-Geld der Hersteller auch gleich gar nicht profitieren: Bundesumweltministerin Svenja Schulze stellte sich bisher auf den Standpunkt, dass die Stadt es mit dem neuen Luftreinhalteplan schaffen müsse, die Grenzwerte einzuhalten, ohne ein Fahrverbot verhängen zu müssen.

          Für Frankfurter und Pendler nach Frankfurt soll es demnach erst gar keine Umtauschprämie oder Hardware-Nachrüstungen geben. Der Stickoxid-Jahresmittelwert von Frankfurt liegt sieben Mikrogramm über dem vorgeschriebenen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Ob es aber klappt, das Fahrverbot mit einem neuen Luftreinhalteplan zu verhindern, ist offen.

          Lieferengpass bei E-Bussen

          Dazu kommt, dass nicht nur die Auto-Hersteller lange Lieferzeiten für ihre Fahrzeuge haben. Einem Zeitungsbericht zufolge drohen auch bei Elektrobussen für belastete Großstädte Lieferengpässe. Der Ersatz von alten Dieselbussen durch moderne mit Elektroantrieb ist ein wichtiger Baustein, um die Luft in von Fahrverboten bedrohten Städten zu entlasten. Allerdings können die wenigen Hersteller für Elektrobusse die große Nachfrage nicht bewältigen. Selbst externe Unternehmen aus China können dem Bericht zufolge die Nachfrage deutscher Städte nicht erfüllen. Und deutsche Busbauer haben die elektrischen Busse meist noch gar nicht im Angebot.

          Die emissionsfreien Busse sind in den Luftreinhalteplänen der Städte oft fest eingeplant. Wenn sie nicht geliefert werden, könnten auch weiterhin die Grenzwerte gerissen werden – und Fahrverbote verhängt werden müssen.

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