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Risikoforscher im Interview : „Kühe sind gefährlicher als Autos“

Es gibt in Deutschland einen starken Lobbyismus, nicht nur bei Autoherstellern. Aber man sollte nicht nur auf Wirtschaft und Politik zeigen, sondern auch auf sich selbst. Wer sich an der Massentierhaltung stört, der soll halt kein super-preiswertes Hühnchen mehr kaufen. Hier brauchen wir mehr Selbstverantwortung. Immer gleich nach Papa Politik zu rufen, der alles richten soll, ist etwas sehr Deutsches – im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo man der Politik eher misstraut und selbst die Ärmel hochkrempelt.

Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er forscht seit Jahren zum Thema Risiko.

Kann ein Nicht-Experte die verschiedenen Risiken überhaupt abwägen?

Jeder, der sich informieren will, kann lernen. Alles andere ist eine Ausrede. Wir versuchen den Bürgern zu helfen, selbst kompetenter zu werden. Deshalb erarbeiten wir gerade einen Risiko-Atlas, den jeder im Internet einsehen kann: Was sind die größten Gefahren, die mir und meiner Familie in den nächsten zehn Jahren drohen?

Was kommt dabei heraus?

Die Menschen lassen sich viel zu viel Angst einreden, und die wirklichen Gefahren lösen kaum ein Wimpernzucken aus. Vor Terroranschlägen haben die Deutschen zum Beispiel große Angst, obwohl sie eines der geringsten Risiken für das eigene Leben darstellen. Vor dem Rauchen fürchten sich die Leute kaum, obwohl es das größte Gesundheitsrisiko ist. Unterschätzt werden auch die Gefahren durch vermeidbare Fehler im Krankenhaus, die laut AOK jährlich rund 19 000 Menschenleben kosten.

Sind solche Todeszahlen überhaupt der geeignete Indikator, um Risiken richtig einzuschätzen?

Verständlicher ist es, wenn man die Zahlen in Bezug setzt zu den Risiken, die man täglich eingeht.

Was hilft es mir, die Wahrscheinlichkeiten zu kennen?

Dann kann ich etwas tun, und zwar dort, wo es wirklich etwas bringt. Wir Deutschen verfallen oft lieber in Schockstarre, statt zu handeln. Erinnern Sie sich noch an all die Katastrophen, die wir befürchtet haben: Waldsterben, Schweinegrippe, Vogelgrippe – oder den Rinderwahnsinn, wo angeblich bis zu hunderttausend Todesfälle drohten? Nach etwa neun Monaten wurde das Thema von den Medien wieder fallengelassen, ohne dass die Katastrophe eingetreten war.

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Beim Waldsterben hat der Skandal immerhin zu besserer Luft geführt.

An den Folgen des Rinderwahnsinns starben jedenfalls europaweit nur 150 Menschen in einem ganzen Jahrzehnt. In derselben Zeit sind genauso viele Menschen durch das Trinken von parfümiertem Lampenöl gestorben, vor allem Kinder. Darüber wurde so gut wie nicht berichtet, und es war entsprechend schwer, einen Warnhinweis auf den Flaschen durchzusetzen.

Ein Journalist sprach davon, dass die Autoindustrie Menschen „vergast“. Selbst wenn man den geschmacklosen Nazi-Vergleich beiseitelässt, bleibt der Vorwurf der gezielten Tötung. Hilft solche Moralisierung?

Das ist natürlich ein sehr unglücklicher Vergleich. Mit vorsätzlicher Tötung hat das wohl nichts zu tun, auch wenn wir über die wahren Motive immer noch erstaunlich wenig wissen. Hauptursache scheint mir eine negative Fehlerkultur in Großunternehmen zu sein, die zu defensivem Verhalten führt. Statt aus Fehlern zu lernen, vertuscht man diese. Immer weniger Führungskräfte wollen Verantwortung übernehmen. Und man schützt sich selbst, nicht das Unternehmen.

Über die drohenden Fahrverbote entscheiden Gerichte. Welchen Spielraum gibt es da noch für Bürger oder Politik, Risiken abzuwägen?

Wenn sie wollten, könnten Politiker andere Gesetze beschließen, nach denen die Gerichte dann urteilen. Wir reden viel darüber, ob der Diesel das Problem ist. Über jene, die kriminell gehandelt haben und die Software manipuliert haben, hören wir vergleichbar wenig. Eine Führungskraft würde anders handeln, wenn sie wüsste, dass sie für einen solchen Betrug ins Gefängnis kommt – und für den entstandenen Schaden nicht bloß die Aktionäre oder gar die Steuerzahler aufkommen müssen.

Manche Ingenieure sagen: Den sauberen Diesel, den die Politik wollte, gibt es nicht. Das Schummeln war deshalb alternativlos.

Ich denke schon, dass es einen sauberen Diesel geben kann. Wenn wir die Frage der Stickoxide nicht mehr isoliert betrachten, sondern gemeinsam mit dem CO2 – dann ist die Bilanz des Diesels gar nicht so schlecht.

Fahren Sie eigentlich selbst Diesel?

Einen von BMW, ja. Ich fahre ihn aber selten.

Hat sich Ihr persönliches Verhalten durch die Debatte geändert?

Ich benutze ohnehin so viel wie möglich öffentliche Verkehrsmittel. Mein Grill ist seit langem außer Dienst. Und beruflich versuche ich, die Risiko-Kompetenz der Bürger zu verbessern. Der technische Fortschritt hilft uns herzlich wenig, wenn wir diese Technologien nicht verstehen. Dabei schaut der Durchschnittsdeutsche immer noch drei bis vier Stunden am Tag fern. An Zeitmangel kann es also nicht scheitern.

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