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Reaktionen aus dem Ausland : Wie die Welt den Dieselskandal sieht

Der Dieselskandal kratzt an Deutschlands Image. Bild: AFP

Der Diesel-Skandal erschüttert die Bundesrepublik. Die Reaktionen aus dem Ausland hingegen reichen von Hohn über Spott bis zu Gleichgültigkeit, berichten F.A.Z.-Korrespondenten.

          Während in Berlin Politiker und Vertreter der deutschen Autokonzerne auf dem „Diesel-Gipfel“ über die Zukunft des Selbstzünders debattieren, sind andere Nationen schon einen Schritt weitergegangen: Erst kürzlich kündigten die Nachbarländer Frankreich und Großbritannien an, vom Jahr 2040 an Verbrennungsmotoren auf den Straßen verbieten zu wollen. Und auch in anderen Ländern hat der Skandal, der vor knapp zwei Jahren durch die Affäre manipulierter Software in Volkswagens Diesel-Modellen ausgelöst worden war, weitere Kreise gezogen. Indien plant beispielsweise, schon vom Jahr 2030 an nur noch Elektroautos neu zuzulassen. Norwegen hat sich sogar vorgenommen, dass von 2025 an alle Neuwagen emissionsfrei sein sollen. So weit ist man in Deutschland noch lange nicht. Eines zeigt sich jedoch beim Blick auf die ausländische Berichterstattung: Deutschlands Vorzeigeindustrie wie auch die Nation selbst haben durch die Diesel-Affäre einen Imageschaden bekommen.

          Amerika – wo der Skandal seinen Ursprung hat

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Made in Germany“ steht vor einer neuen Prüfung, titelte der Nachrichtensender CNN. Deutschlands Ruf für technische Exzellenz könnte noch mehr bedroht sein als bislang schon, hieß es in der „New York Times“. Der Kartellverdacht gegen deutsche Autohersteller sorgt auch in Nordamerika für Schlagzeilen. Und, wie es schon in der Abgasaffäre um Volkswagen der Fall war, haben juristische Auseinandersetzungen in der klagefreudigen Region nicht lange auf sich warten lassen. In New Jersey und Kalifornien wurden schon potentielle Sammelklagen gegen mehrere deutsche Hersteller eingereicht, ebenso im kanadischen Toronto. Aus dem amerikanischen Politikbetrieb gibt es bislang indessen zu den Kartellvorwürfen kaum Reaktionen, womöglich weil er genug mit sich selbst beschäftigt ist. Das war im Abgasskandal von VW noch anders. Schon wenige Wochen nach Bekanntwerden der Vorwürfe um manipulierte Dieselmotoren wurde dazu eine öffentlichkeitswirksame Anhörung vor dem amerikanischen Kongress abgehalten. Nirgendwo war die Affäre für VW so teuer wie in Amerika. Um Rechtsstreitigkeiten beizulegen, haben die Deutschen hier in diversen Vergleichen der Zahlung von mehr als 20 Milliarden Dollar zugestimmt. Auch das Geschäft in den Autohäusern hat sich bis heute nicht erholt. Die VW-Absatzzahlen in den ersten sechs Monaten lagen deutlich unter dem Wert aus dem Jahr 2015, bevor die Tricksereien bekanntwurden.

          Italien – wo die Zulieferer von den deutschen Konzernen abhängen

          „Ein dicker Hund von den Deutschen“, schrieb damals Massimo Mucchetti, ehemals stellvertretender Chefredakteur des „Corriere della Sera“ und nun Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im italienischen Senat, noch voller Hohn zu Beginn des VW-Abgasskandals. „Dieser Betrug schwächt auch den Kult der Austerität, der von der deutschen Regierung gepflegt wird und Schulden mit Schuld gleichsetzt“, urteilte der Politiker und Journalist. Doch die neue Runde des deutschen Autoskandals hat sich nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion Italiens niedergeschlagen. Die Medien äußern sich auffallend verhalten. Nun lebt Italien weit weniger vom heimischen Fiat-Konzern als vielmehr von den Erfolgen der deutschen Autoindustrie, die viele italienische Zulieferer hat. Eine andere Frage wird jedoch sein, ob Italiener künftig weiterhin bereit sind, Premiumpreise für deutsche Autos zu zahlen. Volkswagen genoss in Italien das Prestige einer Premiummarke. Ohne glaubwürdigen Kurswechsel ist dieser Ruf nun dahin.

          China – wo der Diesel seit je einen schlechten Ruf genießt

          In China, dem mit Abstand größten und am schnellsten wachsenden Automarkt der Welt, ist die Krise der deutschen Autoindustrie kein großes Thema in den sozialen Netzwerken. Auch in den Zeitungen wurde zwar über die Tricksereien mit Dieselmotoren und die Kartellvorwürfe meist in Form von Berichten ausländischer Nachrichtenagenturen berichtet. Kommentare, die von Chinas Staatspresse gegenüber ausländischen Unternehmen oft unerbittlich sein können, fehlen jedoch. Das hat vor allem damit zu tun, dass in China Dieselmotoren fast ausschließlich in Lastkraftwagen zu finden sind, da der Diesel im Land seit je eine schlechte Reputation genießt. Der Diesel-Anteil bei Personenkraftwagen ist verschwindend gering.

          Schweiz – wo die Verstrickung der deutschen Politik angeprangert wird

          In der Schweiz ist das Kopfschütteln groß. Dort werden der Dieselskandal und die jüngsten Kartellvorwürfe sehr aufmerksam verfolgt. „Fährt sich Deutschlands Autoindustrie vor die Wand?“ fragte der Zürcher „Tages-Anzeiger“ in einem großen Artikel. Die „Neue Zürcher Zeitung“ knöpft sich in einem Kommentar mit der Überschrift „Der doppelte Skandal“ die deutsche Politik vor.

          Diese verlange einen Kulturwandel in der Industrie, obschon der Dieselskandal unter den Augen des Staates seinen Lauf genommen habe, schreibt das Blatt mit Blick auf die Beteiligung des Landes Niedersachsen an Volkswagen. „Die Politik macht mit ihrer planwirtschaftlichen Umweltpolitik, der (steuerlichen) Privilegierung des Diesels und ihrer unrühmlichen Rolle bei VW nicht die bessere Figur.“ Deutsche Autos sind in der wohlhabenden Schweiz eigentlich sehr beliebt. Doch der Imageschaden könnte Folgen haben, vor allem für den Verkauf von Dieselfahrzeugen, die im vergangenen Jahr mehr als 40 Prozent aller Neuzulassungen ausmachten.

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          Japan – wo der „saubere Diesel“ eigentlich im Aufschwung ist

          In Japan kommt die Abgasaffäre zu einer Zeit, in welcher der „saubere Diesel“ in Japan im Aufschwung ist, was vor allem Mercedes und BMW nutzt, denn Volkswagen, Audi und Porsche verkaufen bislang keine Dieselfahrzeuge in Japan. Grund sind im Jahr 2009 eingeführte Steuervorteile für umweltfreundliche Autos. Wurden damals lediglich rund 4400 Diesel-Modelle neu zugelassen, waren es im vergangenen Jahr schon rund 14.3500. Gemessen an insgesamt 4,15 Millionen Neuzulassungen ist das zwar noch gering. Der Rufschaden durch den Diesel-Skandal kann die Autokonzerne trotzdem schwer treffen. Volkswagen verlor in den Jahren 2015 und 2016, nach Bekanntwerden der Diesel-Tricksereien, in Japan deutlich und rutschte vom Spitzenplatz der Importeure auf Rang drei ab. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen derzeit meist die Auswirkungen auf japanische Kunden. Die halten sich in Grenzen. Mercedes-Benz hat rund 40.000 Diesel in Japan abgesetzt.

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