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Umweltschützer und Autobauer : Die seltsame Allianz von Greenpeace und Volkswagen

  • -Aktualisiert am

„Schluss mit Lügen“: Greenpeace-Aktivisten protestieren in Wolfsburg wieder gegen den Autokonzern - nach einer langen Pause. Bild: Reuters

Lange Zeit schimpften die Umweltschützer den zweitgrößten Autobauer der Welt als Klimakiller. Dann war Sendepause. Wieso?

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          Greenpeace ist bekannt dafür, Unternehmen mächtig auf die Nerven zu gehen. Auch der Volkswagen-Konzern kann ein Lied davon singen. Die Aktivisten kletterten auf Dächer des Autoherstellers, um Transparente zu entrollen, machten Radau vor Hauptversammlungen und verballhornten im Jahre 2011 den VW-Spot, bei dem sich ein Kind als Darth Vader verkleidet, dem Bösewicht von Stars Wars. „VW the dark side“ – VW als Kampfstern und Klimakiller, war die Interpretation der Umweltschützer.

          Das war für den zweitgrößten Fahrzeugproduzenten der Welt ein Problem. „Volkswagen stand seit dem Jahr 2011 im Fokus einer internationalen Klimaschutzkampagne. Messeauftritte wurden mit Protestaktionen gestört, die oft erhebliches Medienecho fanden“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. „Ziel der Kampagne war es, Volkswagen zu nötigen, mehr für den Klimaschutz zu tun.“ Parallel seien dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn im Rahmen einer Mailing-Aktion Zehntausende von Postkarten zugestellt worden.

          Mit der viralen Videokampagne zu Stars Wars wollte Greenpeace den Autohersteller auffordern, sich stärker für die Reduzierung von CO2-Emissionen einzusetzen. Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreiteten sich die Clips rasend schnell. Einer der Gründe für die Kampagne war nach Angaben von Greenpeace der gleichzeitig veröffentlichte Bericht „Die dunkle Seite des Volkswagen-Konzerns“. „Dieser macht deutlich, wie der Konzern seit Jahren Konzepte für Ein-, Zwei- und Drei-Liter-Autos entwickelt, während er im Verkauf vor allem auf Spritschlucker setzt.“

          „Wir lassen uns nicht erpressen“

          Greenpeace schoss in dieser Zeit aus vollen Rohren auf VW. Sucht man auf der Internetseite der Organisation nach Pressemitteilungen mit dem Bezug Volkswagen, findet man in den Jahren 2011 und 2012 jeweils zehn Mitteilungen. „Volkswagen – Das Problem“ lautete die Überschrift einer Mitteilung aus dem Jahr 2011 zum Beispiel. Eine Anspielung auf den VW-Spruch „Das Auto“. Oder: „Gruppen informieren über Klimamärchen von VW.“ Im Jahr 2012 wurden die Angriffe fortgesetzt: „Der neue Golf: Zu viel Verbrauch, zu wenig Klimaschutz.“ Oder: „Pariser Autosalon: Viel Nebel um den neuen Golf“. Auch von Protestaktionen wurde stolz berichtet: „Greenpeace-Aktivisten steigen Volkswagen aufs Dach“.

          Anfang des Jahres 2013 gingen die Angriffe in der Anzahl dann drastisch zurück. Auch der Ton wurde deutlich konzilianter. Seit 2012 finden sich insgesamt nur vier Mitteilungen im Archiv der Organisation. 2013 veröffentlichte sie zwei: „Klimawandel und die Verantwortung der Autokonzerne“ sowie „Volkswagen und Greenpeace bekräftigen strikte CO2-Grenzwerte für Neuwagen“. Im Jahr 2014 keine einzige. Wieso wurde aus der vorlauten, frechen und nervigen Umweltorganisation Greenpeace auf einmal ein zahmer Bettvorleger? Eine Interpretation lautet: Die idealistischen Fachleute, die gerne durch Kompromisse Fortschritte erzielen, hatten sich gegen Führungsleute, die das Krawall-Modell fahren, um Aufmerksamkeit und Spenden zu generieren, durchgesetzt. Damals wurde auf EU-Ebene über Grenzwerte verhandelt, und VW und Greenpeace stritten sich über die CO2-Reduzierung der Flotte des Konzerns auf durchschnittlich 95 Gramm bis zum Jahr 2020. Bei dieser Berechnung waren auch „Supercredits“ in der Kritik, die vorsahen, Elektrofahrzeuge und Hybridfahrzeuge als Niedrigemissionsfahrzeuge mehrfach anzurechnen.

          Hat es also Absprachen gegeben, nach dem Motto: VW bekennt sich zum 95- Gramm-Ziel, und Greenpeace hört auf anzugreifen? „Es hat keine Absprachen gegeben, wir lassen uns nicht erpressen“, sagt Daniel Moser von Greenpeace. Der Sprecher von VW sagt: „Dialog fand statt, als sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass Greenpeace die Kampagne unter keinen Umständen ohne Erfolg abbrechen würde.“ Ergebnis der Verhandlungen sei eine „Gemeinsame Erklärung“ gewesen.

          „Die Salamitaktik muss ein Ende haben“

          In der Tat gab VW zu Beginn des Genfer Autosalons am 4. März 2013 erstmals die weitreichende Entscheidung bekannt, den Verbrauch seiner Neuwagenflotte stärker zu verringern als bislang vorgesehen. Winterkorn sagte, dass Volkswagen das von der EU gesetzlich festgelegte Emissionsziel von durchschnittlich 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer bis 2020 erreichen werde: „Ich garantiere, dass wir alles daransetzen werden, 95 Gramm CO2-Emissionen ohne Wenn und Aber zu erreichen.“

          Abgasskandal : VW präsentiert die technischen Maßnahmen im Video

          Die Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Behrens unterstützte Volkswagen auf einmal: „Dies ist eine Entscheidung für den Klimaschutz und ein wichtiges Signal, sich für den Schutz der Umwelt und Gesellschaft einzusetzen und klimafreundliche technische Lösungen in Serie zu fertigen. Wir werden mit Volkswagen weiter in Dialog bleiben, auch was Mobilitätskonzepte für die Zukunft angeht.“

          Die Allianz von VW und Greenpeace war für beide Seiten äußert hilfreich. Dass hernach bis zur Aufdeckung des Manipulationsskandals die Angriffe auf VW komplett eingestellt wurden, erklärt Daniel Moser von Greenpeace heute so: „Wir können nicht bei allen Themen dauerhaft dabeibleiben.“ Im Hintergrund sei man jedoch ständig mit Volkswagen kritisch im Gespräch gewesen. „Der Kontakt wurde danach allerdings nicht verstetigt und intensiviert“, sagt der Sprecher von VW. Der Dialog solle nun fortgesetzt werden. „Jetzt im aktuellen Skandal fordern wir ein, dass das 95-Gramm-Ziel eingereicht wird“, sagt Moser und klingt noch friedfertig. „Die Salamitaktik muss ein Ende haben.“ Greenpeace habe einen Brief an die neue Geschäftsführung von VW geschrieben und warte immer noch auf eine Antwort.

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