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Milliardenauftrag an Siemens : Bahn ordert Hochgeschwindigkeitszüge für die Zeit nach Corona

Am Design ändert sich wenig, an der Geschwindigkeit schon: Verkehrsminister Scheuer und Bahnchef Lutz (rechts) stellen das neue Modell vor. Bild: dpa

Erst glaubte die Deutsche Bahn, dass sie keine Fahrradstellplätze anbieten muss. Dann dachte sie, dass Tempo 250 ausreicht. Mit den neuen Modellen korrigiert sie diese Ansicht. Die Entscheidung hilft auch deutschen Arbeitnehmern.

          3 Min.

          Die Deutsche Bahn richtet sich auf eine Rückkehr zur Normalität nach der Corona-Krise ein und bestellt für eine Milliarde Euro neue ICE-Züge. Ende 2022 sollen 30 neue Hochgeschwindigkeitszüge auf das Gleis kommen, die Tempo 320 in der Stunde erreichen können. Einen entsprechenden Auftrag hat die Bahn jetzt an Siemens vergeben – nur ein halbes Jahr nach Ausschreibungsbeginn.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bahnchef Richard Lutz kündigte an, die neuen Züge sollten zwischen Nordrhein-Westfalen und München über die Schnellfahrstrecke Köln/Rhein-Main eingesetzt werden, aber auch auf dem Weg nach Paris und auf der Verbindung Berlin-München. Durch die Erweiterung der Flotte werde das Angebot im Fernverkehr um 13.000 Sitzplätze steigen.

          Vor der Corona-Pandemie kalkulierte die Deutsche Bahn mit einem Anstieg der Fahrgastzahlen von 150 Millionen (2019) auf rund 260 Millionen im Jahr 2030. Der Bahnchef äußerte die Hoffnung, dass sich die Auslastungszahlen rasch erholen. Derzeit fahren nur 50 bis 60 Prozent der Fahrgäste Bahn, die sonst gezählt wurden. Lutz räumte  ein, alle Prognosen seien ein „Blick in die Glaskugel durch die Nebelwand in den Kaffeesatz“. Eine echte Erholung werde die Bahn voraussichtlich erst dann verbuchen können, wenn es ein Medikament oder einen Impfstoff gegen Corona gebe.

          Der Auftrag sichert Arbeitsplätze bei Siemens in Deutschland

          Für diese Zeit wolle man aber mit der neuen ICE-Bestellung gerüstet sein. „Auf längere Sicht spricht alles für die klimafreundliche Schiene“, sagte Lutz. „Deshalb die Wachstums- und Investitionsstrategie unser Kompass.“ Bis 2026 werden nach Bahnangaben 421 ICE-Züge mit rund 220.000 Sitzplätzen im deutschen Netz unterwegs sein. Mit dem Siemens-Auftrag verbunden ist eine Option auf 60 weitere Züge.

          Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Siemens, Roland Busch, sagte, mit der Bestellung würden Tausende Arbeitsplätze bei Siemens und 50 Zulieferern in Deutschland gesichert. Basis des neuen Fahrzeugs sei der bewährte „Velaro D“, der in Deutschland seit vielen Jahren als ICE 3 unterwegs ist. Deshalb könnten die neuen Züge auch schon Ende 2022 geliefert werden. Die Weiterentwicklung  ermögliche einen grenzüberschreitenden Einsatz. Durchlässige Scheiben sollten den Daten- und Mobilfunkempfang im Zug verbessern.

          Außerdem werde es in allen Zügen Fahrradstellplätze geben, einen Lift für den Einstieg mobilitätseingeschränkter Personen sowie ein neu gestaltetes Bordrestaurant. Zusammen mit dem ICE 4, der aktuellen Zuggeneration mit Tempo 250, bilde der neue Zug ein „intelligentes Mischkonzept“. Denn nicht auf allen Verbindungen werde Höchstgeschwindigkeit gebraucht. Ziel sei es, die CO2-Emissionen stark zu reduzieren und gleichzeitig mehr Menschen in öffentliche Verkehrsmittel zu bringen.

          Die Bestellung folgt einer höheren Nachfrageerwartung

          Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wies darauf hin, dass „leistungsstarke Hochgeschwindigkeitszüge neben der Infrastruktur eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung des Deutschlandtakts“ seien, der Anschlüsse verbessern und Reisezeiten verkürzen soll. Neben 137 ICE-4-Zügen, die vor einigen Jahren bestellt wurden und von denen inzwischen rund 50 ausgeliefert sind, hat die Bahn Ende vergangenen Jahres 17 gebrauchte Doppelstockzüge des Schweizer Herstellers Stadler von der österreichischen Westbahn gekauft.

          Diese Züge fahren als IC  auf der Strecke Dresden–Berlin–Rostock. Die Bahn deckt mit der  abermaligen Bestellung  ihren Nachholbedarf und antizipiert die weiter steigende Kundennachfrage. In der Zeit vor dem 2008 gescheiterten Börsengang hatte der Konzern lange gespart. Das rächt sich noch heute, denn ältere Züge sind reparaturanfälliger und daher weniger verlässlich. Die Folge sind Zugausfälle und Verspätungen.

          Der Kauf der neuen Hochgeschwindigkeitszüge ist aber auch ein Beleg für einen Wandel in der Unternehmensphilosophie. Vor rund einem Jahrzehnt gelangte die Bahn zur Ansicht, dass eine Hochgeschwindigkeit bis 250 Kilometern in der Stunde reiche. Damals hieß es, gerade in Deutschland mit vielen Fernzughaltestellen ständen wenig Zeitgewinn hohe Kosten gegenüber: ein höherer Energieverbrauch, mehr Lärm und eine stärkere Abnutzung der (auch im Bau teureren) Infrastruktur.

          So sollte mehr Geld übrig bleiben für die Instandhaltung des Netzes und der vorhandenen Fahrzeugflotte. Den Kunden seien gute Anschlüsse wichtiger als ein paar Minuten Reisezeit, sagte die Bahn, um die neue Langsamkeit zu begründen. Diese Annahme dürfte zwar Bestand haben, dennoch will die Bahn auch wieder mehr Tempo aufs Gleis bringen – um zur Klimarettung dem Auto und dem Flugzeug Paroli bieten zu können. Inzwischen gewährt der Bund der Bahn dafür mehr Mittel denn je, Geld ist nicht der Engpass.

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