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Verkehrswende : Der ADAC will grüner werden

Die „gelben Engel“ wollen grüner werden. Bild: Picture-Alliance

Der ADAC schockt seine Mitglieder: Der größte Autoclub Deutschlands gibt seinen Widerstand gegen ein Tempolimit auf. Und das ist erst der Anfang.

          6 Min.

          Der Kampf gegen das Tempolimit war eines der großen Themen des ADAC: 46 Jahre liegt sein Triumph nun zurück – und er war so durchschlagend, dass sich heute kaum noch jemand daran erinnern kann, dass es in Deutschland überhaupt schon einmal ein Tempolimit gab. Ende 1973 war das, auf dem Höhepunkt der ersten Ölkrise, die zu Versorgungsengpässen an den Tankstellen führte. Um Treibstoff zu sparen, erließ die Bundesregierung von Willy Brandt vorübergehend ein Tempolimit: 100 Kilometer in der Stunde auf der Autobahn und 80 auf der Landstraße mussten genügen. Der damalige Verkehrsminister Lauritz Lauritzen sah diese Notmaßnahme als Chance, dauerhaft eine Geschwindigkeitsbegrenzung durchzusetzen. Doch nach nur gut hundert Tagen fiel die Beschränkung wieder – und zwar nicht zuletzt wegen des Widerstands von Seiten des ADAC.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die empörten Funktionäre des Automobilclubs hatten eine großangelegte Protestkampagne organisiert. Sie ließen eine Million Aufkleber verteilen mit der Aufschrift: „Freie Bürger fordern freie Fahrt!“ Diese vehemente politische Intervention war an der Mitgliederbasis zwar durchaus umstritten. Aber zum geflügelten Wort ist der Slogan dennoch geworden. Der Verkehrsminister musste damals klein beigeben: „Potente Interessengruppen sind sehr aktiv gewesen“, kommentierte Lauritzen resignierend. Ein historischer Lobbyerfolg für den ADAC.

          Im Jahr 2020 sieht die Sache ganz anders aus. Zwar wird in Deutschland wieder heftig über das Tempolimit gestritten. Doch der ADAC ist plötzlich raus aus der Debatte. Statt Aufkleber zu drucken, verschickte der Automobilclub Ende Januar eine Pressemitteilung mit der Überschrift: „ADAC neutral zum Tempolimit auf Autobahnen.“ Das ist etwa so überraschend, als würde Boris Johnson lapidar mitteilen, er könne sich auch eine Rückkehr in die EU vorstellen.

          Mehr Mitglieder als die evangelische Kirche

          Der ADAC, der da eine verkehrspolitische Kehrtwende hinlegt, ist nicht irgendeine Interessengruppe, sondern damals wie heute eine Macht im Land. Mehr als 21 Millionen Mitglieder zählt Deutschlands mit Abstand größter Verein – dreimal so viele wie der Deutsche Fußball-Bund und erstmals sogar mehr als die evangelische Kirche. Selbst Skandale wie der um den getürkten ADAC-Automobilpreis „Gelber Engel“ konnten die Expansion nicht lange bremsen. Seit jenem Reputations-Desaster vor sechs Jahren hat er mehr als zwei Millionen Neuzugänge gewonnen. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Zahl der ADAC-Mitglieder verzehnfacht. Längst ist der Autofahrerclub zu einem veritablen Konzern geworden.

          Das Erfolgsrezept des ADAC ist noch immer so zugkräftig wie ein hochmotorisierter SUV-Geländewagen. Befragungen zeigen, dass nach wie vor die allermeisten Mitglied sind, weil sie die Pannenhilfe schätzen. Wer mit dem Wagen am Straßenrand gestrandet ist, dem hilft zuverlässig einer von mehr als 1700 Straßenwachtfahrern, wie die Pannenhelfer im gelben Overall beim ADAC offiziell heißen. Rund vier Millionen Mal im Jahr rücken sie aus. Zwar bieten Autohersteller, Versicherungen und andere Verkehrsclubs vergleichbare Dienstleistungen zu zum Teil günstigeren Konditionen an. Aber ganz offensichtlich wollen Millionen deutsche Autofahrer nicht in ihren Wagen steigen ohne den ADAC an ihrer Seite. „Rein rational ist das letztlich nicht zu erklären“, sagt ein langjähriger Kenner des Vereins.

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