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Verkehrswende : Der ADAC will grüner werden

Doch gerade sein enormer Erfolg bringt den ADAC nun in die Bredouille. Denn eben weil er so viele Mitglieder hat, ist der Verein ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft – und die streitet bekanntlich gerade hochemotional über den Klimaschutz im Allgemeinen und die angepeilte „Verkehrswende“ im Besonderen. Die Enttäuschungen der letzten Jahre taten ihr Übriges: Seit dem Diesel-Skandal traut selbst der ADAC der Automobilbranche nicht mehr über den Weg. Gegen Volkswagen hat er sogar eine Musterklage eingereicht.

In seiner Pressemitteilung von Ende Januar jedenfalls erklärt der Verein, er werde in der Frage des Tempolimits bis auf weiteres keine Position mehr beziehen. Umfragen zeigten nämlich, dass der Anteil der Tempolimit-Gegner unter den ADAC-Mitgliedern in den vergangenen Jahren deutlich gefallen und derjenige der Befürworter merklich gestiegen sei. 2019 waren nur noch 50 Prozent dagegen, jedoch 45 Prozent dafür, 5 Prozent hatten keine Meinung. Der ADAC will nun erst einmal die Argumente für und gegen das Tempolimit „umfangreich wissenschaftlich aufarbeiten, um eine belastbare Entscheidungsgrundlage zu haben“.

„Das ist ein Schritt nach vorne“

Keine Rede mehr von „freier Fahrt für freie Bürger“. Und Dieter Roßkopf kann diesen alten Slogan sowieso nicht mehr hören. „Der Spruch ist aus dem letzten Jahrtausend“, sagt der Funktionär trocken. Roßkopf ist Vorstandschef des ADAC Württemberg, mit knapp 1,8 Millionen Mitgliedern einer der größten Regionalverbände des weitverzweigten Automobilclubs. Dass der Verein seine bislang unverrückbare Position revidiere, findet er gut: „Das ist kein Schritt zurück, sondern ganz klar einer nach vorne.“

Seither allerdings geht es hoch her an der in früheren Zeiten eher lethargischen ADAC-Mitgliederbasis: Im Diskussionsforum auf der Club-Website, vor allem aber in den sozialen Medien prallen die Meinungen hart aufeinander. Endlich hätten auch die gelben Betonköpfe die Zeichen der Zeit erkannt, schreiben die einen. „Ist das noch mein Verein?“, fragt dagegen ein enttäuschtes ADAC-Mitglied auf der Plattform. Ein anderer vermeldet, er sei wegen des jähen Richtungswechsels des ADAC nach einem halben Jahrhundert ausgetreten – und fügt als letzten Service für andere Vergrätzte gleich noch einen Link zum Online-Kündigungsformular hinzu. Etwa sieben von zehn Wortmeldungen kritisierten die Neupositionierung beim Tempolimit, heißt es in der ADAC-Zentrale.

Die Lichthupe betätigt auch Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister und beinharter Tempolimit-Gegner. „Ein neutrales Durchlavieren bei diesem Thema gibt es definitiv nicht“, grantelte er. Der CSU-Mann forderte die Gleichgesinnten unter den Mitgliedern unverhohlen zum Aufstand gegen die ADAC-Führung auf: Die Basis werde den Funktionären „sicherlich deutlich machen“, dass der Automobilclub weiter klare Kante gegen das Tempolimit zeigen müsse. Das will sich ADAC-Mann Roßkopf nun wirklich nicht sagen lassen. Es sei richtig, dass man nun erst einmal gründlich die Argumente für und gegen das Tempolimit zusammentrage. „Wir wollen faktengestützte Entscheidungen treffen“, sagt Roßkopf. „Dagegen kann auch ein Minister keine Einwände haben.“

Die Vereins-Granden im Prachtbau der ADAC-Zentrale im Münchner Stadtteil Sendling sind erst einmal auf Tauchstation gegangen. ADAC-Präsident August Markl, ein Radiologe aus Oberbayern und altgedienter Funktionär, wollte sich auf Anfrage der F.A.S. zum Tempolimit und der Scheuer-Kritik nicht äußern. Auch sonst werde derzeit dazu keiner aus der Münchner Führungsriege Stellung nehmen, sagte eine Sprecherin. Klar ist allerdings: Für Markl ist der Tempolimit-Zoff, der da entbrannt ist, eine weitere Front im Richtungsstreit innerhalb seines Vereins. Seit Jahren ringen in der Millionen-Organisation die Erneuerer mit den Traditionalisten.

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