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Daimlers „Factory 56“ : Ein digitales Ökosystem für Mercedes

Qualitätsprüfung in der Linie Bild: Mercedes-Benz AG

Voll vernetzt und voll flexibel soll die Fabrik sein, in der Daimler die neue S-Klasse produzieren wird. Schon im September geht es los.

          3 Min.

          Fließbänder in den Fabriken von Ford haben das Auto einst massentauglich gemacht, weil die Montage dadurch so günstig wurde. Mehr als 100 Jahre später sind die Sparmöglichkeiten in der Autoproduktion immer noch nicht ausgereizt. Eine vollends digitalisierte Autofabrik werde große Effizienzgewinn bringen, erwartet man bei Daimler. Ob der Plan aufgeht, wird sich schnell zeigen – in der „Factory 56“, in der das nächste Modell der Mercedes S-Klasse produziert wird.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Schon im September geht es los, und nichts darf schiefgehen, denn mit der S-Klasse will der stolze Stuttgarter Autohersteller stets die Spitze des automobilen Fortschritts markieren. Wird das nicht eingelöst, leidet der Ruf. Und das gilt diesmal nicht nur für das Fahrzeug selbst, sondern auch für die Produktion, war doch eine „Zeitenwende in der Automobilproduktion“ schon bei der Grundsteinlegung für die Factory 56 vor zweieinhalb Jahren angekündigt.

          Voll vernetzt und hoch flexibel soll die Fabrik sein, weil Daimler hier nach eigenen Angaben alles an Technik einsetzt, was modern ist, bis hin zum ersten 5G-Netz in einer Autofabrik, das gemeinsam mit Ericsson und O2 seit einigen Monaten erprobt wird. Hier sprechen Maschinen je nach Bedarf mit anderen Maschinen oder mit Fahrzeugen oder mit Menschen – und was sie an Daten austauschen, ist nicht nur vor Ort in Sindelfingen relevant, sondern kann über die Cloud auch in den Fabriken in Peking oder Tuscaloosa gleich in die aktuelle Produktion einfließen.

          Amortisierung nach drei Monaten

          Das wiederum soll keine Spielerei sein, sondern Teil des Qualitätsmanagements: Zeigen die Maschinendaten irgendeine Abnormität, soll das in allen Werken sofort an den passenden Stellen bekannt werden, damit der Fehler dort vermieden werden kann. Was hier alle Prozesse wie am Schnürchen laufen lässt, heißt Mercedes-Benz Cars Operations 360 oder kurz „MO360“. Das „digitale Produktions-Ökosystem“ ist keine ganz neue Erfindung, sondern hat sich in dem Produktionsnetzwerk von Mercedes mit Fabriken an 30 Orten und mit 2000 Lieferanten schon nach und nach ausgebreitet. In der Factory 56 soll die Plattform aber erstmals vollständig zur Anwendung kommen und alle Prozesse miteinander verknüpfen, von der Bestellung bis zur Endkontrolle jedes Autos.

          Theoretisch kann sogar der Kunde selbst noch bis ganz kurz vor der Montage Änderungswünsche anmelden: „Lieber lila Lack statt schwarz“ wäre in der Fabrik von morgen kein Problem mehr. Soweit das im Hintergrund von den Maschinen organisiert werden kann, ist alles für solche Bestelländerungen vorbereitet – bis die Mitarbeiter überhaupt etwas davon merken. Umgekehrt werden ihnen alle Daten passend zum jeweils nächsten Arbeitsschritt zur Verfügung gestellt, je nach Bedarf mit unterschiedlichen Geräten. Dabei spielt auch Augmented Reality eine große Rolle, die zum Beispiel genau das Teil markiert, das als nächstes in die Hand genommen werden muss. Informationen auf Papier dagegen haben keinen Platz mehr in der digitalen Welt – weshalb allein in der Factory 56 jährlich zehn Tonnen Papier eingespart werden sollen.

          Shopfloormanagement soll schnellen und konzentrierten Zugriff auf produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen erlauben.
          Shopfloormanagement soll schnellen und konzentrierten Zugriff auf produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen erlauben. : Bild: Mercedes-Benz AG

          „Durch die verbesserten Abläufe, flächendeckende Datenverfügbarkeit und schnelle Entscheidungen auf Basis von Echtzeitdaten werden wir bis zum Jahr 2022 die Effizienz in der Produktion um mehr als 15 Prozent steigern“, sagt Mercedes-Produktionsvorstand Jörg Burzer. Vergleichsbasis ist das Jahr 2019. Die Vermutung, dass in den Mercedes-Werken damit jenseits der ohnehin vorhandenen Überkapazitäten ein weiterer Personalüberhang entsteht, liegt nahe: In der Factory 56 in Sindelfingen, die eine Fläche von rund 30 Fußballfeldern hat, werden nur einige hundert Mitarbeiter zu finden sein. Doch Burzer betont: „Es geht ja nicht nur um die Kollegen am Band. Der Effizienzgedanke erstreckt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette.“

          In Milliarden mag man den Kostenvorteil nicht ausdrücken, aber Mercedes-Produktionsvorstand Burzer spricht von einer „extrem günstigen Kostenposition“. Der für die IT-Lösungen zuständige Daimler-Manager Jan Brecht berichtet, dass sich das Herzstück der MO360-Plattform nach drei Jahren amortisiert habe und sich die verschiedenen Applikationen nach 18 Monaten lohnten.

          Da MO360 technologisch auf wieder verwendbare API-Schnittstellen und auf Free and Open Source Software setzt, steht dem Autohersteller zudem eine große Gemeinschaft von Software-Entwicklern in aller Welt zur Verfügung, die Lust haben, an konkreten Problemen zu tüfteln, und dabei ihre ganz eigenen Blickwinkel und Vorkenntnisse einbringen – ganz ohne Honorar. Mehr als 20000 Nutzer seien auf dem entsprechenden Portal Github gemeldet, so Brecht.

          Ungewollter Technologietransfer sei dabei kein Problem, betont man bei Daimler: Die jeweiligen Projekte könne man auch mit historischen Modell-Daten füttern, so dass kein Know-How abfließe. Umgekehrt hofft man, dass das digitale Ökosystem MO360 noch ganz andere Interessenten anzieht. Positive Resonanz gebe es aus den unterschiedlichsten Branchen und Handlungsfeldern, berichtet Burzer aus ersten informellen Gesprächen.

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