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Daimler plant CO2-Wende : Bis 2030 soll jeder zweite Mercedes elektrisch sein

Der neue Mercedes-Benz GLC EQC mit Elektroantrieb Bild: Reuters

Der CO2-Ausstoß von Mercedes-Fahrzeugen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Daimler investiert nun in die Wende: In 20 Jahren sollen die Neuwagen CO2-neutral sein. Dabei setzt der Konzern nicht nur auf Elektroautos.

          Die Lust der Mercedes-Kunden an großen, schweren Autos hat den Ausstoß des schädlichen Klimagases CO2 in den vergangenen Jahren trotz technischem Fortschritt steigen lassen. Das in Europa für das Jahr 2020 vereinbarte Flottenziel von 95 Gramm CO2 je Kilometer wird die Nobelmarke kaum noch erreichen können.  Aber jetzt soll die Wende eingeleitet werden. Während der nächsten 20 Jahre soll die Neuwagen-Flotte von Mercedes-Benz komplett CO2-neutral werden, lautet das Ziel der neuen Nachhaltigkeitsstrategie mit dem Titel „Ambition 2039“, die der designierte Daimler-Chef Ola Källenius vor Journalisten in Sindelfingen vorstellte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Als Zwischenschritt ist geplant, dass im Jahr 2030 jedes zweite Auto elektrisch angetrieben ist, entweder als Batterieauto oder als Plug-in-Hybrid. Längerfristig sei noch nicht absehbar, welche Technologien welches Gewicht hätten, betonte Källenius. Auch die Brennstoffzelle oder synthetische Kraftstoffe könnten bis dahin wirtschaftlich sein, hält er für denkbar. Technologieoffenheit sei wichtig.

          Daimler will zudem die Lieferanten zu eigenen CO2-Einsparungen veranlassen, zunächst über Workshops und Transparenzanforderungen, später auch durch konkrete Vergabekriterien der Einkäufer. Da 70 Prozent der Fahrzeugkosten auf Zulieferer entfallen, ist das ein wichtiger Posten im gesamten CO2-Fußabdruck. Der Bosch-Konzern als größter Autozulieferer der Welt hat in der vorigen Woche angekündigt, alle eigenen Standorte bis nächstes Jahr komplett CO2-neutral zu stellen.

          CO2-neutral in Europa bis zum Jahr 2022

          Nicht nur die Autos stehen im Fokus, Daimler plant auch eine CO2-neutrale Mercedes-Produktion in Europa bis zum Jahr 2022. Soweit das in der Kürze der Zeit nicht gelinge, werde man Zertifikate als Ausgleich zukaufen, kündigte Källenius an. Dabei werde man auf das höchste Rating der Zertifikate achten. Die Kosten dafür würden sich voraussichtlich im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Millionenbereich pro Jahr bewegen.

          „Diese Transformation ist die Aufgabe unserer Generation“, lautet die Mission von Ola Källenius, der bisher im Konzernvorstand für Forschung und Entwicklung zuständig war und nach der Hauptversammlung nächsten Mittwoch den Vorstandsvorsitz der Daimler AG übernehmen wird. Um die Entschlossenheit zu unterstreichen, werden Teile der Vorstandsvergütung an die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele geknüpft.

          Källenius ließ unterdessen keinen Zweifel daran, dass die Nachhaltigkeitsstrategie zwar langfristig auch wirtschaftliche Nachhaltigkeit bedeuten muss, kurzfristig aber zu herben Kostenproblemen führen wird. „Die Transformation ist kostenintensiv“, betonte er: „Wir müssen auf der Effizienzseite sehr viel tun, um den nötigen Cash Flow zu generieren.“

          Sorgen in der Belegschaft

          Als Beispiel verwies er auf sein bisheriges Tätigkeitsgebiet, die Forschung. Dort sei es im Zusammenspiel mit den Lieferanten gelungen, bei der sehr teuren Batterie (die aktuell rund 40 Prozent des Fahrzeugpreises ausmacht) schon einen deutlich günstigeren Rohstoffmix mit geringerem Kobalt-Anteil einzusetzen. „Aber auch an die Fahrzeugarchitektur müssen wir ran“, kündigte Källenius an. Im ganzen Unternehmen, in allen Bereichen seien Anstrengungen nötig.  Über Details zu den nötigen Kosteneinsparungen wollte er aber nicht sprechen – offenbar will er mit diesem Thema tatsächlich warten, bis er Vorstandsvorsitzender ist.

          In der Belegschaft gibt es durchaus Sorgen mit Blick auf eine schnelle Elektrifizierung, nicht zuletzt im Stammwerk Untertürkheim, wo der komplette Antriebsstrang produziert wird, aber auch in Sindelfingen, wo tausende von Mitarbeitern auf die Entwicklung von Verbrennungsmotoren spezialisiert sind.

          Die Beschäftigten der Daimler AG in Deutschland genießen allerdings einen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis zum Jahr 2029. Diese sogenannte „Zukunftssicherung“ gewährt der Konzern als Gegenleistung zur Zustimmung der Beschäftigten für die geplante Aufspaltung in die drei Teile (Mercedes, Trucks und Mobility Services), die nächste Woche auf der Hauptversammlung beschlossen und noch dieses Jahr umgesetzt werden soll. Trotz solcher Beschäftigungssicherungsprogramme hat Daimler in früheren Jahren tausende von Arbeitsplätzen gestrichen, dann aber jeweils nicht über Sozialpläne sondern auf freiwilliger Basis und gegen Abfindungen.

          Daimler will den Dieselantrieb weiter verbessern

          Allein in die zehn Elektromodelle, die Mercedes bis zum Jahr 2022 auf den Markt bringen will, hat der Konzern zehn Milliarden Euro investiert. Wie die Produktpalette konkret weiter entwickelt wird, wollte Källenius jetzt noch nicht sagen. Ausdrücklich betonte er aber, dass Daimler weiter in die Verbesserung des Dieselantriebs investiere.

          „Für große Autos und wenn jemand viel fährt, ist das Teil der CO2-Reduktion“, sagte der Daimler-Vorstand mit Blick auf den aktuellen Diesel nach der Euro 6d-Norm, der nicht nur sehr niedrige Stickoxid-Emissionen habe, sondern auch im Verbrauch (und damit im CO2-Wert) um 15 bis 20 Prozent günstiger als ein Otto-Motor sei. Außerdem setze Mercedes als einer von wenigen Herstellern den Diesel in Plug-in-Hybriden ein und bekomme dafür sehr positive Resonanz besonders von Flottenbetreibern.

          Der designierte Daimler-Chef forderte zugleich die Politik auf, den Wandel der Mobilität zu unterstützen. Für den Aufbau der Infrastruktur müssten Anreize geschaffen werden: „Ohne die gewohnte Bequemlichkeit für die Kunden wird es nicht gehen“, warnte Källenius.

          Neutralität, Kompensation – alles dasselbe?

          Wenn Industrieunternehmen von sogenannter Klima- oder CO2-Neutralität sprechen, dann meint das im strengen Sinne eine voll auf regenerativer Basis stehende Produktion. Auf diese Weise gelangen keine Treibhausgase mehr in die Welt, die Hauptursache für den menschengemachten Temperaturanstieg seit Beginn der Industrialisierung sind. Die zur Herstellung von Maschinen, Fahrzeugen oder Chips verwendete Energie ist dann nicht mehr fossilen Ursprungs, sondern voll und ganz „grün“. Erneuerbare Energieerzeugung findet in Deutschland vorwiegend durch Windkraft-, Solar- und Biogasanlagen statt. Neben der traditionellen Abhängigkeit vom Versorger gewinnt dabei die energieautarke Produktion, also Erzeugung für den Eigenbedarf meist unweit des Produktionsgeländes an Bedeutung. Eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit „grüner“ Energie ist in Deutschland indes wegen schwankender Erzeugung und mangelnder Speicher bis auf weiteres nicht möglich. Deshalb führen Unternehmen, die sich Klima- oder CO2-Neutralität auf die Fahnen geschrieben haben, Kompensationsgeschäfte durch: Im Gegenzug zu einer in der Produktion freigesetzten Einheit CO2 fließt Geld in Klimaschutzmaßnahmen. Zumeist sind die Unternehmen nicht direkt in Projekte involviert, sondern erwerben dafür Zertifikate von zwischengelagerten Händlern wie Umweltverbänden. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen ist jedoch nicht immer erwiesen. (niza.)

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