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Nachfrageschwund : Lufthansa halbiert ihr Flugangebot

Abflug: Lufthansa lässt wegen des Coronavirus deutlich weniger Flüge starten Bild: dpa

Die Auswirkungen des Coronavirus setzen Fluggesellschaften zu. Die Luftfahrt kündigt tiefe Einschnitte im Flugplan an. Wegen Zukunftssorgen gibt es auch eine Forderung an die EU.

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          Fluggesellschaften plagt eine doppelte Sorge. Kurzfristig müssen sie einen Nachfrageschwund verkraften. Die Deutsche Lufthansa teilte am Freitagnachmittag mit, ihren Sparkurs zu verschärfen, der Konzern will nun schlimmstenfalls die Hälfte seiner Flüge aussetzen. Für die 14 Airbus-Großflugzeuge vom Typ A380 wird eine Einsatzpause geprüft. Doch auch die ersehnte Phase des Wiedererstarkens der Nachfrage, wenn in der Zukunft die Welle der Corona-Infektionen abebbt, droht eine sorgenvolle zu werden. Vor allem große Fluggesellschaften befürchten, dann knappe Startfenster an Flughäfen - Slots genannt - zu verlieren, weil sie in der Zwischenzeit Verbindungen ausgesetzt und Slots nicht ausreichend genutzt haben.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor allem Unternehmen haben Geschäftsreisen ihrer Mitarbeiter ins Ausland zusammengestrichen oder gar untersagt. Die Weltluftfahrtverband berichtet, dass mitunter die Hälfte der Passagiere eines Flugs nicht erscheint. Und Urlauber scheuen Buchungen für die nächsten Ferien. In einer Börsenpflichtmitteilung spricht die Deutsche Lufthansa von „drastischen Buchungsrückgängen“. Schon zuvor hatte Lufthansa angekündigt, bis zu einem Viertel des Angebots im Konzern einschließlich der Tochtermarken Eurowings, Austrian Airlines und Swiss zu kappen.

          Das hätte den Wegfall von mehr als 7000 Flügen allein im Monat März bedeutet, Rechnerisch sollten 150 von 750 Flugzeugen am Boden bleiben. Doch dieser Einschnitt erschien offenbar nicht mehr als ausreichend, um angesichts schwindender Einnahmen die Kosten im Griff zu behalten. „Die Maßnahme dient dazu, die finanziellen Folgen des Nachfrageeinbruchs zu verringern“; begründet der Konzern den verschärften Sparkurs, der sich auch auf die Beschäftigten auswirkt. „Das Unternehmen ist in Gesprächen mit den Betriebspartnern und Gewerkschaften, um - unter anderem durch Kurzarbeit und Teilzeitmodelle – Probezeit-Kündigungen vermeiden zu können“, hieß es.

          Am Freitag waren beim Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport nach Angaben eines Sprechers bis zum Mittag Absagen von 49 Landungen und 53 Starts eingegangen. Das entsprach nur knapp 8 Prozent der geplanten Flugbewegungen. Doch in startenden Jets blieben viele Sitze leer. Ab der kommenden Woche dürften mehr Flüge ausfallen. Lufthansa will von den vorüberghend nicht benötigten Flugzeugen zahlreiche vorzeitig zur Wartung schicken, andere wohl auch aus dem Betrieb nehmen. Dann könnten sie nicht binnen weniger Tage reaktiviert werden. Das deutet darauf hin, dass mit keinem schnellen Ende der Nachfrageflaute gerechnet wird. Der Konzern prüft, über Sonderurlaubsregelungen hinaus Kurzarbeit zu beantragen.

          Die EU soll helfen

          Wegen der durch Annullierungen gefährdeten Slotrechte hat der Weltluftfahrtverband Iata schon gefordert, rund um die Welt Slotregeln vorübergehend außer Kraft zu setzen. Die Deutsche Lufthansa schließt sich diesem Verlangen an. Die Rechte verfallen, wenn ein Slot nicht zu 80 Prozent genutzt wird. Nach Informationen der F.A.Z. ist aus der Branche bei der EU in Brüssel schon ein Aussetzen der Slotregeln beantragt. Von der Lufthansa heißt es dazu, der Konzern sei zusammen mit seinem europäischen Branchenverband Airlines for Europe (A4E) dazu mit EU-Institutionen im Gespräch. Eine schnelle Entscheidung wird nach Einschätzungen aus Branchenkreisen aber nicht erwartet, da zunächst beobachtet werde, wie lange die aktuelle Lage anhalte.

          Mit einem drohenden Verlust von Slots ist das Risiko verbunden, dass es beim Wiedererstarken der Nachfrage zu Marktanteilsverschiebungen kommt. Im Zuge der Neuverteilung von frei gewordenen 15-Minuten-Startzeitfenstern haben Bestandskunden zusammen direkten Zugriff auf die Hälfte der Slots - jeweils entsprechend ihrem Marktanteil. Von zehn zwischenzeitlich nicht ausreichend gefüllten Slots könnte Lufthansa mit etwa 60 Prozent Marktanteil in Frankfurt dann in der Zukunft nur drei direkt beanspruchen.

          Solche Regeln gelten international für Flughäfen mit knappen Startrechten, an denen nach Iata-Angaben 43 Prozent des globalen Flugverkehrs abgewickelt wird. Vor allem große Fluggesellschaften haben ein Interesse an einer Lockerung der Regeln. Iata-Direktor Alexandre de Juniac, wies darauf hin, dass es in der Vergangenheit schon dazu gekommen sei. „Wir glauben, dass die Umstände wieder nach einem Aussetzen  verlangen“, sagte er. Zuletzt war das in der EU nach den Anschlägen vom 11. September 2001, im Zuge der Sars-Epidemie und der Finanzkrise 2009 der Fall.

          Die Iata korrigierte wegen des Coronavirus abermals  ihre  Jahresprognose. Der Verband geht davon aus, dass Airlines im Passagiergeschäft bis zu 101 Milliarden Euro Umsatz verlieren werden. Das würde knapp 20 Prozent des Geschäfts entsprechen und in der Größenordnung den Folgen der Finanzkrise 2009 entsprechen. In einem vorsichtigeren Szenario ist von Einbußen von 56  Milliarden  Euro die Rede, auf den deutschen Markt entfielen 2,6 Milliarden Euro.

          Lufthansa versucht nun auch, mit erweiterten Umbuchungsrechten dem Kundenschwund entgegen zu wirken, um die verbleibenden Flüge auszulasten. Alle Tickets, die bis zum Monatsende gekauft werden, dürfen nach Konzernangaben  einmalig kostenfrei auf einen anderen Termin in diesem Jahr umgebucht werden. Das gleiche gilt für schon gekaufte Tickets mit ursprünglichen Reisedatum bis zum 30. April. Damit komme man „einem Wunsch vieler Kunden nach, unter den außergewöhnlichen Umständen, ihre Reisepläne flexibler gestalten zu können.“ Am Donnerstag hatte schon Condor als erste deutsche Gesellschaft Umbuchungsregeln gelockert.  

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