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Grüne Spuren und Notfalllager : Die Krise der Lkw-Fahrer

  • -Aktualisiert am

LKW stauen sich auf der Autobahn A4 Dresden - Görlitz an der Anschlussstelle Bautzen-Ost. Bild: dpa

Lasterfahrer sind systemrelevant – das gilt nicht erst seit der Ansprache der Kanzlerin. Spediteure kämpfen deshalb für freie Straßen und Grenzen. An den Autobahnen entstehen derweil Depots für Medikamente und Schutzausrüstung.

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          Nachdem sich die Verkehrsminister der EU-Länder verständigt haben, den grenzüberschreitenden Warenverkehr auf der Straße zu vereinfachen, erwarten die betroffenen Speditionsunternehmen von der Politik konkrete Maßnahmen. Es geht vor allem um die Vermeidung kilometerlanger Lastwagenstaus an den Grenzen und eines Fahrernotstandes. „Die Richtung ist gut, aber die Verkehrsminister kratzen bisher nur an der Oberfläche“, sagte der Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt, der F.A.Z.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Damit die Lieferketten stabil gehalten werden könnten, müssten für den reibungslosen Grenzverkehr endlich praktische Vorhaben her, wo und wie zum Beispiel die vorgesehenen „Grünen Spuren“ (zur schnelleren Abwicklung) für den Lastkraftverkehr installiert würden. Zudem bliebe das Problem, dass gesunde Fahrer auf Heimatbesuch gerade in osteuropäischen Ländern plötzlich unter Quarantäne gesetzt würden und dann fehlten. „Da brauchen wir eine einheitliche Regelung in der EU. Die Fahrer sind jetzt systemrelevant“, sagte Engelhardt. Das forderte auch der Vorstandsvorsitzende der Dachser-Gruppe, Bernhard Simon.

          Die Lage an der deutsch-polnischen Grenze war auch Thema in einem Telefonat am Donnerstagmittag zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki. Die polnische Regierung werde „neue Verfahren einführen“ und sei zuversichtlich, so die Staus an der Grenze abzubauen, teilte ein Sprecher im Anschluss mit. Das Bundesverkehrsministerium hat zu den Grünen Spuren und der Frage der osteuropäischen Fahrer bislang offenkundig kein Ergebnis erzielt.

          Man tausche sich zu diesen Punkten mit europäischen Verkehrsministern, Länderministern und Verbänden aus, „um Flaschenhälse zu lösen“, hieß es in einer schriftlichen Mitteilung auf F.A.Z.-Anfrage. Am 18. März schrieb das Ministerium nach eigenen Angaben den Kontrollbehörden der Länder mit der Bitte, den Güterkraftverkehr durch ausländische Unternehmer für Lebensmittel, Medizinprodukte, Treibstoffe und andere Produkte zu erleichtern. Es habe appelliert, bis zum 30. September keine Ordnungswidrigkeiten zu ahnden.

          Währenddessen teilte der BGL mit, dass jetzt jeder Fahrer gebraucht werde. „Es darf auch nicht passieren, dass manche Raststätten selbst an deutschen Autobahnen nachts plötzlich ihre Toiletten- und Hygieneeinrichtungen schließen oder kein Essen mehr anbieten“, sagte Engelhardt. Das Unternehmen Tank & Rast teilte darauf nur schriftlich mit, dass es bei geschlossener Raststätte üblicherweise Toiletten an der Tankstelle gebe, wenn eine solche vorhanden sei.

          Derweil baut das Logistikunternehmen Fiege nach Informationen der F.A.Z. mehrere Standorte zu Notfalllagern aus. Dort sollen zunächst medizinische Güter, Schutzausrüstung und Medikamente unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen eingelagert und verteilt werden. „Ein erstes Lager dieser Art hat in Apfelstädt bei Erfurt den Betrieb aufgenommen“, sagte Jens Fiege, der mit seinem Cousin Felix Fiege das westfälische Familienunternehmen leitet.

          Drei weitere Standorte für das Notfallkonzept würden in Ibbenbüren, Emmerich und in Großbeeren bei Berlin vorbereitet. Dort könnten Kunden auch wichtige Industriegüter und Vorprodukte zwischenlagern. Als Nummer eins in der Krankenhauslogistik versorgt Fiege aus Greven schon rund 150 Kliniken mit mehr als 21000 Betten. Ein eigenes Transportnetzwerk soll sicherstellen, dass innerhalb von vier Stunden alle Krankenhäuser, Praxen und Apotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliefert werden können.

          Die Dachser-Gruppe aus dem Allgäu, welche den Nachschub für Supermärkte, Baumärkte und Fabrikhallen sicherstellt, beruhigt vorerst die Verbraucher. „Es gibt keine Knappheit, und die wird es auch nicht geben, weil wir die Lieferketten in Gang halten. In den Lagern ist überall reichlich Vorrat vorhanden“, versichert Dachser-Chef Simon. Derweil sei der Straßentransport von Industriegütern durch die riesigen Staus an den innereuropäischen Grenzen sehr viel stärker betroffen als die Lebensmittelversorgung. Das liege einfach daran, dass weniger Lebensmittel grenzüberschreitend befördert würden. Die Situation an den Grenzübergängen hält Simon wie der BGL für untragbar. „Wir brauchen unbedingt eine schnellere Abfertigung, sonst wird das Wirtschaftsleben noch stärker abgewürgt.“

          Dachser unterstützt wie die gesamte Logistikbranche auch eine Lockerung der gesetzlichen Vorschriften für Lenk- und Ruhezeiten sowie der Arbeitszeitregelungen. Der Vorstoß von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), notfalls Bundeswehrsoldaten in die Fahrerkabinen zu schicken, hält er für kaum praktikabel. „Da geht es um sehr anspruchsvolle Tätigkeiten und um Sicherheitsfragen, die Ausbildung und Erfahrung erfordern.“

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